Gestra (22)

22.

Jez schrie und ich brauchte einen Moment, um zu akzeptieren, dass der Ast nicht unwillkürlich, wie eine Liane, in Richtung von ihrem Arm geschwungen war, sondern, dass sich der Ast willkürlich vom Stamm wegbewegt hatte, um mit einem kurzen Schwung an seinem Ende, das Handgelenk von Jez zu umschlingen.
Sie versuchte ihre Hand zurückzuziehen. Aber sie schaffte es nicht. Sie begann zu wimmern und stöhnen. Ich wusste nicht, ob aus Angst oder Schmerz. Der Rucksack fiel mir ein. Natürlich, Jezebel hatte an alles gedacht, auch an ein Skalpell. Während sie versuchte ihre Hand zu befreien, schnappte ich mir das Etui, in dem sich das chirurgische Messer befand, klappte es auf und riss es heraus.
»Warte!« Rief ich Jez zu und schob mich so neben sie, dass ich ihren Arm packen und ihre Hand sehen konnte, als würde ich ihr im nächsten Moment, einen Splitter aus dem Finger ziehen wollen, nur, dass der etwas größer war.
Jez Hand begann sich bläulich zu verfärben und ihre Haut war Feuerrot, da wo sie der Ast umklammert hielt. Um sie nicht in den Arm zu schneiden, fasste ich das Ende des feinen Astes, um ihn besser durchtrennen zu können. Der Schmerz schoss in meinen Finger, wie ich ihn zuletzt, zwanzig Jahre zuvor, bei der Begegnung mit einer Feuerqualle kennengelernt hatte. Aber ich hielt aus. Der Wille Jez helfen zu müssen war stärker. Ich versuchte die Klinge an den Ast zu positionieren, der mich von seiner Konsistenz auch eher an eine Qualle, als an einen Ast erinnerte, als ich bemerkte, dass ich nicht einfach schneiden konnte. Der Ast sonderte ein Feld ab, als würden zwei Magnete voneinander abgestoßen. Das Feld war stark genug mich zu irritieren und stark genug, dass ich nicht gezielt, zum Schnitt ansetzen konnte, aber nicht stark genug, mich davon abzuhalten.
Mit voller Kraft und Willensanstrengung, durchtrennte ich den Tentakel, denn das war es eher, als ein Ast und befreite Jez Hand.
Der Rest Zweig, um ihr Handgelenk brodelte, wie Säure auf Metall, kurz auf, verätzte endgültig Jez Handgelenk und löste sich dann spurlos auf. Der andere Teil des Zweiges erschlaffte und fiel wieder zurück in Richtung Stamm, wo er noch einmal kurz pulsierte und dann hing, als hätte er nie etwas anderes getan.
Jez stöhnte vor Schmerzen. Die Haut an ihrem Handgelenk sah grässlich aus: rot und wund, Lymphflüssigkeit trat zwischen gelben Bläschen hervor und die Blaufärbung ihrer Hand blieb fast unverändert.
»Du musst in ein Krankenhaus.« Sagte ich entschlossen.
»Nein, ich habe Verbandsmaterial im Rucksack.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Wir sollten jetzt mal die Rollen tauschen und mich die vernünftigen Sachen sagen lassen. Du musst ins Krankenhaus, das muss jemand untersuchen. Du kannst allergisch reagieren. Das kann so nicht bleiben.«
»Aber dann wird Ryken es erfahren.«
»Ist egal.«
»Aber du wolltest doch.«
»Ich wollte nicht, dass dir was geschieht. Wir fahren ins Krankenhaus.«
»Und wer fährt?«
Das traf mich fast härter, wie der Griff an die Monsterpflanze.
Ich seufzte.
»Ich habe es von Florida hierhergeschafft. Ich schaffe es auch zur nächsten Klinik.«
Sie sah nach mir, sah nach ihrer Hand, sah nach Gestra – die zufrieden ihre Macht demonstriert zu haben, matt und milchig schimmerte – und nickte dann.
»Okay. Ja. Das tut höllisch weh. Und deine Hand?«
Ich sah sie nicht an. Ich wusste, dass es übel aussehen musste.
»Hab´ in der Jugend mal mit Feuerquallen jongliert. Kein Problem.«

02/21 PGF

22.

Jez screamed and it took me a moment to accept that the branch had not swung involuntarily, like a vine, toward her arm, but that the branch had arbitrarily moved away from the trunk to wrap around Jez’s wrist with a short swing at its end.
She tried to pull her hand back. But she couldn’t manage it. She began to whimper and moan. I didn’t know if it was out of fear or pain. The backpack came to mind. Of course, Jezebel had thought of everything, including a scalpel. While she was trying to free her hand, I grabbed the case that held the surgical knife, flipped it open, and yanked it out.
„Wait!“ I shouted to Jez and shifted next to her so that I could grab her arm and see her hand, as if in the next moment, I was going to pull a splinter out of her finger, only this one was a little bigger.
Jez’s hand started to turn bluish and her skin was fire-red where the branch was clutching it. Not wanting to cut her arm, I grabbed the end of the fine branch to better cut through it. Pain shot into my finger like I had last known, twenty years earlier, when I encountered a fire jellyfish. But I persevered. The will to help Jez was stronger. I tried to position the blade against the branch, whose consistency also reminded me more of a jellyfish than a branch, when I realized I couldn’t just cut. The branch secreted a field as if two magnets were repelled from each other. The field was strong enough to irritate me and strong enough that I could not aim, to cut, but not strong enough to stop me.
With full force and effort of will, I severed the tentacle, for that was what it was rather than a branch, and freed Jez’s hand.
The rest of the branch, around her wrist, like acid on metal, bubbled up briefly, finally cauterizing Jez’s wrist, and then dissolved without a trace. The other part of the branch went limp and fell back toward the trunk, where it pulsed again briefly and then hung as if it had never done anything else.
Jez groaned in pain. The skin on her wrist looked ghastly: red and sore, lymph fluid oozing from between yellow blisters, and the blue coloration of her hand almost unchanged.
„You need to go to a hospital.“ I said firmly.
„No, I have bandages in my backpack.“
I shook my head.
„I think we should switch roles now and let me say the sensible stuff. You need to go to the hospital, someone needs to check that out. You can have an allergic reaction. This can’t stay like this.“
„But then Ryken will know.“
„Doesn’t matter.“
„But you wanted to.“
„I didn’t want anything to happen to you. We’re going to the hospital.“
„And who’s driving?“
That hit me almost harder than the grip on the monster plant.
I sighed.
„I made it here from Florida. I’ll make it to the next clinic, too.“
She checked on me, checked on her hand, checked on Gestra-who, satisfied to have demonstrated her power, glimmered dull and milky-and then nodded.
„Okay. Yes. That hurts like hell. And your hand?“
I didn’t look at her. I knew it had to look bad.
„Used to juggle fire jellyfish when I was younger. No problem.“

02/21 PGF

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