Gestra (23)

23.

Ich verfrachtete Jezebel auf die Rückbank, weil sie zunehmend Kreislaufprobleme bekam und ich zwei Dinge, in Kombination überhaupt nicht leiden konnte: Autofahren und, wenn mir dabei jemand auf dem Beifahrersitz starb.
Ich bekam den Wagen zum Laufen und empfand ein erstes Hochgefühl, das aber nur kurz anhielt, da ich keine Ahnung hatte, wo ich hinmusste und, wie ich dort hinkommen sollte.
Ich sah in den Rückspiegel.
»Jez? Und, welche Klinik jetzt?«
Sie schien sich darüber keine Gedanken gemacht zu haben. Dafür zumindest, hatte sie nichts in den Rucksack gepackt.
Ihre Stirn war schweißbedeckt und ich hoffte, sie blieb bei Bewusstsein, um mir Auskunft geben zu können.
Es dauerte einen Moment.
Ihre Stimme war dünn, während sie sprach: »Wir fahren ins York Hospital nach Sanford.«
»Gibt es nichts in Kennebunk?«
Sie warf mir einen mahnenden Blick, durch den Rückspiegel, zu, nicht mit ihr zu diskutieren.
»Sanford ist nah. Aus der Richtung bis du damals gekommen und wir müssen nicht viele Straßen klären. Du fährst den Feldweg runter und nach rechts, bis auf die 111er und die fährst du bis zur Ecke 4er. Du biegst nach Süden ab und musst nicht anhalten oder abbiegen, bis wir am Krankenhaus sind.«
Die Luft blieb ihr weg und sie keuchte.
»Okay, das klingt gut.« Sagte ich und brachte den Wagen ins Rollen.
Der Wagen fuhr sich gut, lenkte sich leicht und nachdem mir Jez erklärt hatte, wie ich die Navigation aktivierte, sagte mir das Auto, wo ich hinmusste.
Von Jezebel war während der Fahrt nur hin und wieder ein Wimmern zu hören und, wenn ich im Rückspiegel nach ihr sah, lag sie gegen die Rückenlehne gepresst und blass, wie Schnee und starrte zum Fenster hinaus.
Die Straßen waren ruhig und ich schlich mit 40 Meilen dahin. Wenn mich jemand überholen wollte, dann konnte er das tun. Langsam und sicher, war mein Motto.
Erst, als wir Sanford erreichten, wurde der Verkehr etwas dichter und ich musste darauf achten niemand eine Delle in seine Blechkiste zu fahren.
Das York Hospital war ein kleines Krankenhaus, mit einem rudimentären Angebot an Röntgenuntersuchungen, einem Labor, häuslicher Pflege und medizinischer Grundversorgung.
Der Parkplatz direkt vor dem Eingang war frei und ich musste Jez keinen weiten Weg zumuten.
Ich fragte trotzdem: »Wird es gehen?«
Sie nickte, sah aber nicht so aus.
Sofort, als ich die blasse, kaltschweißige Patientin durch die Eingangstür, mehr getragen, als geführt hatte, kam eine Schwester auf mich zu.
»Um Gottes Willen!« Rief sie aus. »Was ist denn Ihnen passiert?«
Ich hätte ihr am Liebsten, mit einer freien Hand, zugewunken, ihre Meinung für sich zu behalten, da ich nicht annahm, dass Jez Zustand sich, durch den Eindruck den sie vermittelte, verbessert hätte. Aber Jez lag schwer in meinen Armen und kaum in der Lage, selbst einen Schritt zu tun.
»Wir waren am Meer, beim Muscheln sammeln. Muss wohl eine Qualle gewesen sein, die in die Gischt gespült wurde.« Erklärte ich und war etwas begeistert von meinem Reichtum an Ausreden.
»Das sieht mir ganz nach einem anaphylaktischen Schock aus. Ich rufe unseren Doktor. Gehen sie dort in das Zimmer. Sie können sie auf die Liege legen.«
Ich brachte Jez in das Untersuchungszimmer. Dort stand eine schwarze Liege, mit weißem Krepp abgedeckt, um die Hygiene einzuhalten.
Wir mussten nicht lange warten.
Herein kam ein älterer Arzt, graues, kurzes Haar, mit klaren, klugen Augen und einem freundlichen kleinen Bauch.
»Danke fürs Hinlegen.« Sagte er zu mir und schob mich höflich beiseite. »Ich muss mir das näher ansehen. Sie sagten eine Qualle?«
»Ja, vermutlich. Es ging alles so schnell.«
Er sah sich Jez Handgelenk eingehend an und hielt einen Lichtkegel darauf.
»Das müsste dann eine Chrysaora quinquecirrha gewesen sein, eine Atlantische Seebrennessel. Sonst haben wir hier nicht viel, was Ärger macht. Aber dafür ist die Verbrennung zu groß und die Dauer zu lang. Bei den Seebrennesseln hat man nach 20 Minuten das Schlimmste hinter sich.«
»Vielleicht etwas Allergisches?« wiederholte ich die Assistentin.
»Das«, er beugte sich über Jez Kopf, hob eines ihrer Augenlider und sah ihr mit einer kleinen Taschenlampe auf die Pupille, »würde den Allgemeinzustand erklären, aber nicht die Reaktion am Handgelenk.«
»Miss, geht es?«
»Ich habe ordentlich Schmerzen.« Flüsterte Jez.
»Das denke ich mir. Sie bekommen gleich etwas. Ich injiziere es, dann geht es schneller. Wenn es wirkt, versorgen wir Ihre Hand mit einem Verband. Ich möchte Sie, die nächsten drei Tage, jeden Tag sehen.«
»In Ordnung.« Jez klang brav, wie ein Kind nach einer ordentlichen Standpauke.
Der Arzt verabreichte ihr das Schmerzmittel, dann rief er seine Assistentin, damit die den Verband anlegte.
Nachdem dies, in seinem Sinn, begonnen schien, fasste er mich vorsichtig am Oberarm.
»Auf ein Wort.«
Er zog mich etwas zur Seite.
»Wissen Sie bei solchen Hautreaktionen ist es unerlässlich, das Toxin zuordnen zu können. In der Erstversorgung macht man immer das Gleiche: Schmerzen weg, Anblick weg. Aber das ist Symptommilderung. Wenn ich ihr wirklich helfen soll, muss ich wissen, was genau geschehen ist.«
»Nun«, ich setzte meine Hören-Sie-Officer-ich-hatte-noch-nie-Probleme-mit-dem-Gesetz-Miene auf. »Ich wüsste nicht, was ich Ihnen noch erklären könnte, was weiterhilft.«
Er lächelte, wie jemand der die Wahrheit längst kennt.
»Ein Anfang wäre, warum sie Waldboden unter den Fingernägeln hat, wenn sie vor Kurzem die Finger in den kalten Atlantik gehalten hat.«
Ich tippte mir mit dem Finger an die Schläfe.
»Ach, das meinen Sie!«

02/21 PGF

23.

I put Jezebel in the back seat because she was having increasing circulatory problems and I couldn’t stand two things in combination: Driving a car and, if someone died on me on the passenger seat.
I got the car running and felt a first elation that lasted only a short time, because I had no idea where I had to go and how to get there.
I looked in the rearview mirror.
„Jez? So, which clinic now?“
She didn’t seem to have given any thought to that. For that at least, she hadn’t packed anything in her backpack.
Her forehead was covered in sweat and I hoped she remained conscious so she could give me information.
It took a moment.
Her voice was thin as she spoke, „We’re going to York Hospital in Sanford.“
„Isn’t there anything in Kennebunk?“
She gave me a warning look, through the rearview mirror, not to argue with her.
„Sanford is close. That’s the direction you came from then, and we don’t have to clear many roads. You go down the dirt road and to the right, up to 111 and you go down that to the corner of 4. You turn south and you don’t have to stop or turn until we get to the hospital.“
Her breath caught and she gasped.
„Okay, that sounds good.“ I said and got the car rolling.
The car drove well, steered easily, and after Jez explained how to activate the navigation, the car told me where I needed to go.
All that could be heard from Jezebel during the drive was an occasional whimper and, when I checked on her in the rearview mirror, she lay pressed against the back of the seat, pale as snow and staring out the window.
The roads were quiet and I crept along at 40 miles. If someone wanted to pass me, they could. Slow and safe, was my motto.
It wasn’t until we reached Sanford that the traffic got a little heavier and I had to be careful not to put a dent in anyone’s fender bender.
York Hospital was a small hospital, with rudimentary x-ray services, a laboratory, home care and basic medical services.
The parking lot directly in front of the entrance was free, and I didn’t have to make Jez walk a long way.
Still, I asked, „Will it be okay?“
She nodded, but didn’t look like it.
Immediately, as I carried the pale, cold-sweat patient through the front door, more carried than guided, a nurse approached me.
„For God’s sake!“ She exclaimed. „What happened to you?“
I would have liked to wave her off, with a free hand, to keep her opinion to herself, since I didn’t suppose Jez’s condition would have improved, by the impression she gave. But Jez was heavy in my arms, and hardly able to take a step herself.
„We were at the seaside, collecting shells. Must have been a jellyfish that washed up in the spray.“ I explained, somewhat thrilled with my wealth of excuses.
„That looks a lot like anaphylactic shock to me. I’ll call our doctor. Go into the room there. You can put her on the cot.“
I took Jez into the exam room. There was a black couch there, covered with white crepe to maintain hygiene.
We didn’t have to wait long.
In walked an older doctor, gray hair short, with clear, wise eyes and a friendly little belly.
„Thanks for putting me down.“ He said to me and politely pushed me aside. „I’ll have to take a closer look. You said a jellyfish?“
„Yeah, probably. It all happened so fast.“
He looked closely at Jez’s wrist and held a cone of light on it.
„That would have to have been a Chrysaora quinquecirrha, an Atlantic sea nettle. Otherwise, we don’t have much here to cause trouble. But the burn is too big and the duration too long for that. With sea nettles, after 20 minutes, you’re past the worst of it.“
„Maybe something allergic?“ repeated the assistant.
„That,“ he leaned over Jez’s head, lifted one of her eyelids and looked at her pupil with a small flashlight, „would explain the general condition, but not the wrist reaction.“
„Miss, are you all right?“
„I’m in decent pain.“ Whispered Jez.
„I’ll bet you are. You’ll get something in a minute. I’ll inject it and it’ll go faster. If it works, we’ll put a bandage on your hand. I want to see you, every day for the next three days.“
„All right.“ Jez sounded well-behaved, like a child after a proper telling off.
The doctor administered the painkiller, then called his assistant to apply the bandage.
After this seemed to have begun, in his mind, he gently grabbed me by the upper arm.
„A word.“
He pulled me slightly to the side.
„You know with skin reactions like this, it’s essential to be able to match the toxin. In primary care, you always do the same thing: pain gone, sight gone. But that’s symptom relief. If I’m really going to help her, I need to know what exactly happened.“
„Well,“ I put on my hear-you-officer-I’ve-never-had-problems-with-the-law face. „I don’t know what else I could explain to you that would help.“
He smiled, like someone who has long known the truth.
„A start would be why she has forest floor under her fingernails when she recently put her fingers in the cold Atlantic.“
I tapped my temple with my finger.
„Oh, that’s what you mean!“

02/21 PGF

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