Gestra (28)

28.

Der Morgen begrüßte uns kühl. Nach zwei Tagen warmer Herbstsonne, fiel nun Regen in dichten Streifen und unter anderen Umständen, wäre es ein Tag gewesen, den man auf dem Sofa oder im Bett verbringt und nicht draußen im Wald. Allerdings nahm ich nicht an, dass Ryken, der, wie ich seit dem Vorabend wusste, Samuel hieß, sich darauf einlassen würde.
In dichtem Gewölk, aus unterschiedlichen Grautönen, trieben immer neue Regenwolken heran und tränkten, die trübe Welt. Es würde kein Vergnügen werden, nach Gestra zu sehen.
Als Jez mit dem Wagen vorfuhr, saß Ryken bereits darin. Von ihrem Zuhause aus, war es einfacher ihn bei sich am Hotel abzuholen und anschließend bei mir vorbeizukommen.
Ich zog die Kapuze meines Regencape über und rannte die paar Schritte hinüber zu ihrem Auto.
»Hi, Joe!« begrüßten mich die beiden, während ich mich auf den Rücksitz schwang.
»Optimales Wetter.« Bemerkte ich ironisch.
Jez Scheibenwischer stimmte zu, in dem er, im gleichen Moment, auf maximale Geschwindigkeit schaltete.
Wir parkten, wie beim letzten Mal, beim Observatorium und machten uns dann auf den Weg, um den Wald von der anderen Seite zu betreten. Alle drei waren wir ziemlich gut, für den Regen ausgerüstet. Jez trug einen kompletten Regenanzug und auch ihr Rucksack war unter einer Abdeckung geschützt. Samuel hatte einen langen Regenmantel an, der ihn schützte. Meine Jacke war etwas kurz und so waren, nach kurzer Zeit, meine Jeans bereits durchnässt. Aber alles in allem, würden wir ein, zwei Stunden in dem Regen aushalten.
Der Feldweg hinab zum Eingang des Waldes, den wir uns ausgesucht hatten, war matschig und ich ahnte, dass es im Wald nicht anders aussehen würde. Vor allem nicht auf der Lichtung auf der wir Betula Gestra entdeckt hatten. Vermutlich glich sie bald, einem Sumpf, wenn es so weiterregnete.
Ich bemerkte, dass Ryken angespannt war. Was mich nicht verwunderte. Im Gegensatz zu uns, hatte er noch keine Begegnung, mit der Pflanze und den Überresten des Satelliten gehabt. Wir wussten, was uns erwartete. Er nicht. Aber er hatte eine viel konkretere Vorstellung, dass es etwas Sonderbares sein konnte.
Jez hatten wir, am Abend zuvor, nicht über alles informiert, was er und ich bereits besprochen hatten. Für sie blieb er, ein Mitarbeiter von Homeland, der sich eher über den Satelliten informierte, als über seltsamen Beifang. Mir hingegen war klar, dass ihn die Satellitenüberreste gar nicht interessierten.
Als wir den Wald betraten veränderte sich der fallende Regen. Wir waren jetzt von den Blättern geschützt, dafür gab es jedes Mal einen ordentlichen Schutt, wenn der Wind durch die Zweige rauschte. Auch war die Nässe jetzt überall: unsere Stiefel schmatzten im Waldboden und von den Ästen nahmen wir jeden Tropfen mit, den unsere Kleidung aufsaugen konnte. Ich war mittlerweile bis auf die Unterwäsche durchnässt.
Wir näherten uns dem Fundort und jetzt merkte ich, wie auch meine Anspannung zunahm. Natürlich, wir hatten schon eine grobe Idee, von dem was uns erwartete, aber Gestra hatte es jedes Mal geschafft, das Thema zu variieren und uns zu überraschen.
»Ist das die Lichtung?« Wollte Samuel wissen und der Regen schluckte beinah komplett seine Stimme.
»Ja«, bestätigte ich. »Wir sind gleich da.«
Wir betraten die Lichtung. Ich entdeckte die Findlinge und, weil mein Blick so scharf vor Erwartung war, entdeckte ich sofort, was sich verändert hatte. Aber ich wartete bis wir alle direkt vor unserem Ziel standen.
Samuel betrachtete einen Moment die Szenerie und ich wusste nicht, ob Jez, wie ich wartete oder es nicht bemerkt hatte.
Dann sagte er: »Okay, wir ihr sagtet, ist hier der Schrotthaufen des Lacrosse. Aber wo ist eure botanische Neuentdeckung?«
Jez wirkte, als hätte sie bis eben gehofft, sich zu täuschen.
»Aber hier war sie.« Erklärte sie und stapfte einmal nach rechts und einmal nach links, als könne die Pflanze nicht weit sein.
Da ich schon früher das Verschwinden bemerkt hatte, betrachtete ich bereits den Teil des Satellitenschrotts, auf dem sie gewurzelt hatte.
»Schaut euch das mal an.« Sagte ich zu den zwei anderen.
Auf der Oberfläche des Metalls war eine schwarze Schleimspur, die an verschmiertes, altes Motoröl erinnerte. Nur dass es dort, wo es auf Schrift und Farbe getroffen war, die Farbe, wie eine alkoholische Lösung verwischt hatte. Nicht nur das! Das Metall darunter sah aus, wie ein Plastikteil, dass einer Flamme zu nah gekommen ist und sich, in sich selbst zurück gekrümmt hat.
Es sah aus, als hätte sich Betula Gestra, wie eine Schnecke entfernt und ihre Spur zurückgelassen, die einer Warnung glich.

02/21 PGF

28.

The morning greeted us cool. After two days of warm autumn sun, rain was now falling in thick streaks and under different circumstances, it would have been a day to spend on the sofa or in bed and not out in the woods. However, I didn’t suppose Ryken, whose name, I had known since the night before, was Samuel, would get involved.
In dense clouds, made of different shades of gray, new rain clouds kept drifting in, drenching, the murky world. It would not be a pleasure to see Gestra.
When Jez drove up in the car, Ryken was already sitting in it. From her home, it was easier to pick him up at his hotel and then drop by my place.
I pulled the hood of my rain cape over and ran the few steps over to her car.
„Hi, Joe!“ they both greeted me as I swung into the back seat.
„Perfect weather.“ I remarked wryly.
Jez windshield wiper agreed, shifting, at the same moment, to maximum speed.
We parked at the observatory, as we had last time, and then set out to enter the forest from the other side. All three of us were pretty well, equipped for the rain. Jez was wearing a full rain suit and her backpack was also protected under a cover. Samuel had on a long raincoat that protected him. My jacket was a bit short and so, after a short time, my jeans were already soaked. But all in all, we would last an hour or two in the rain.
The dirt road down to the entrance of the forest we had chosen was muddy and I suspected it would be no different in the forest. Especially not in the clearing where we had discovered Betula Gestra. Probably soon it would resemble a swamp if it continued to rain like this.
I noticed that Ryken was tense. Which did not surprise me. Unlike us, he had not yet had an encounter with the plant and the remains of the satellite. We knew what to expect. He didn’t. But he had a much more concrete idea that it could be something strange.
Jez, the night before, we had not informed of everything he and I had already discussed. To her, he remained, a Homeland employee, more concerned about the satellite than about strange bycatch. To me, on the other hand, it was clear that he was not interested in the satellite remains at all.
As we entered the forest, the falling rain changed. We were now protected by the leaves, but there was a decent amount of debris every time the wind rushed through the branches. Also, the wetness was now everywhere: our boots smacked the forest floor and from the branches we took every drop our clothes could soak up. I was soaked to my underwear by now.
We were approaching the site and now I noticed how my tension was increasing as well. Of course, we already had a rough idea of what to expect, but Gestra had managed each time to vary the theme and surprise us.
„Is this the clearing?“ Samuel wanted to know and the rain almost completely swallowed his voice.
„Yes,“ I confirmed. „We’ll be right there.“
We entered the clearing. I spotted the boulders and, because my eyes were so sharp with anticipation, I immediately spotted what had changed. But I waited until we were all standing right in front of our destination.
Samuel looked at the scenery for a moment and I didn’t know if Jez, like me, was waiting or hadn’t noticed.
Then he said, „Okay, as you said, here is the scrap heap of lacrosse. But where’s your new botanical discovery?“
Jez looked as if she had hoped to be wrong until just now.
„But here she was.“ She explained, trudging once to the right and once to the left, as if the plant couldn’t be far.
Having noticed the disappearance earlier, I was already looking at the part of the satellite debris where she had rooted.
„Take a look at this.“ I said to the other two.
There was a black slime trail on the surface of the metal that reminded me of smeared old motor oil. Except that where it had hit writing and paint, it had obliterated the paint, like an alcoholic solution. Not only that. The metal underneath looked like a piece of plastic that had gotten too close to a flame and curled back on itself.
It looked as if Betula Gestra had moved away like a snail, leaving behind its trace, which resembled a warning.

02/21 PGF

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