Gestra (33)

33.

Gestra schwankte, als wäre sie nicht fest im Boden verwurzelt, sondern würde, wie das Haus einer Weinbergschnecke. auf einem weichen, beweglichen Untergrund stehen. Es wirkte, als würde es sich umsehen, während es einen Snack zu sich nahm.
»Um Himmels Willen.« Wimmerte der Sheriff. »Was sollen wir nur tun? Ist das – ist das Miss Dorsets Colli?«
Ich nickte.
»Das was von ihm übrig ist.«
»Wir müssen ihm helfen.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Nein, wir müssen Ryken informieren, haben Sie ihr Walkie-Talkie?«
Mit zappligen, ungeschickten Händen kramte Donavan es hervor.
»Und jetzt?« Flüsterte er.
»Rufen Sie ihn und versuchen Sie ihm zu erklären, wo wir etwa sind.«
Donavans Stimme wurde noch leiser.
»Aber, wenn es uns hört?«
»Dann sind Sie der Braten und ich die Beilage. Machen Sie schon!«
Donavan drückte den Schalter und flüsterte: »Ryken – Ryken – Donavan hier. Wir haben was.«
Der Sheriff hatte vergessen den Lautsprecher leise zu machen und so gab es erst eine Welle greller elektrostatischer Geräusche und dann war Ryken zu hören, als stünde er neben uns.
»Was ist, Sheriff?«
Gestra reagierte. Wie in Zeitlupe, wie ein sehr, sehr alter Mensch, dem sein Körper nicht mehr folgen will, veränderte es seine Position. Es war, als nähme es die Witterung auf. Der Colli rutschte, als sei ein weiteres Stück von ihm verdaut, tiefer in den Schlund oder Leib oder, wie man es nennen wollte, von Gestra.
Ein leichtes Jaulen drang aus dem zusammengepressten Kiefer des Hundes hervor.
»Wir«, Donavan war kaum hörbar, »haben«, »etwas«, »entdeckt«.
Mehr musste Ryken nicht hören.
»Wir kommen.« Sagte er, als wisse er um die Gefahr.
Der Sheriff drückte sich an mich.
»Wir müssen dem Hund helfen. Soll ich auf das Ding schießen?«
Ich hob warnend die Hand.
»Auf keinen Fall. Ryken muss das sehen. Was immer es ist!«
Donavan musste nicht wissen, dass ich etwas ahnte.
»Er muss es sehen und entscheiden, was wir tun sollen.«
Mit einem widerlichen Rülpser verschwand der Colli, in diesem Moment vollständig in Gestras Leib, wie ein Schluck Bier hinter der Zunge.
Der Anblick erinnerte mich, an den Körper aufgeblähter Würgeschlagen, die sich kaum bewegen können, weil sie etwas Riesengroßes verspeist haben und es erst verdauen müssen, ehe sie weiterjagen können.
Was, dachte ich, tun wir, wenn das geschehen ist. Wenn Gestra satt ist und den nächsten Happen braucht, ehe Ryken da ist. Fortbewegen konnte sich das Ding, in jedem Fall, aber, wie schnell und geschickt, war mir nicht klar. Im Moment schien es sich nicht von uns bedroht zu fühlen. Entweder, weil es uns unterschätzte oder nicht fürchten musste.
Donavans Walkie-Talkie piepste, dann war Ryken zu hören.
»Okay, wir müssten in eurer Nähe sein. Gebt uns Lichtsignale wo ihr steht. Haltet die Taschenlampe vor euch, damit wir wissen, von welcher Seite wir uns nähern können.«
Damit war das auch geklärt: er wusste, um die Gefahr, obwohl er Gestra noch gar nicht gesehen hatte.
Wir nahmen unsere Taschenlampen heraus, richtete den Lichtstrahl zum Himmel und aktivierten den Lichtschalter.
Da setzte sich Gestra in Bewegung.
Donavan fasste an seinen Halfter, aber ich bremste seine Hand.
»Nicht, es bewegt sich von uns weg.«
Hinter uns waren knackende Zweige zu hören und leises Flüstern: »Ich glaube da vorne sind sie.«
Während Ryken und Jez sich uns von hinten näherten, verschwand Gestra beinah lautlos in der Dämmerung.
Der Abend legte sich immer dichter über den Wald und als Ryken und Jez uns erreichten, war Gestra nicht mehr zu sehen.

02/21 PGF

33.

Gestra swayed as if it were not firmly rooted in the ground but, like the house of a snail, was standing on a soft, moving surface. It appeared as if it was looking around while it snacked.
„For heaven’s sake.“ Whimpered the sheriff. „What are we going to do? Is that – is that Miss Dorset’s colli?“
I nodded.
„What’s left of him.“
„We have to help him.“
I shook my head.
„No, we need to inform Ryken – do you have your walkie-talkie?“
With fidgety, clumsy hands, Donavan dug it out.
„Now what?“ He whispered.
„Call him and try to explain to him approximately where we are.“
Donavan’s voice grew even quieter.
„But, if it hears us?“
„Then you’re the roast and I’m the garnish. Go ahead!“
Donavan hit the switch and whispered, „Ryken – Ryken – Donavan here. We got something.“
The sheriff had forgotten to turn down the speaker, so first there was a wave of glaring electrostatic sounds, and then Ryken could be heard as if he were standing next to us.
„What is it, Sheriff?“
Gestra responded. As if in slow motion, like a very, very old person whose body no longer wants to follow, it changed its position. It was as if it was taking in the scent. The colli slid, as if another piece of it had been digested, deeper into the maw, or womb, or whatever you wanted to call it, of Gestra.
A slight yelp escaped from the dog’s clenched jaws.
„We,“ Donavan was barely audible, „have,“ „discovered“ „something.“
That was all Ryken needed to hear.
„We’re coming.“ He said, as if he knew of the danger.
The sheriff pressed against me.
„We’ve got to help that dog. You want me to shoot that thing?“
I raised my hand in warning.
„No way. Ryken needs to see this. Whatever it is!“
Donavan didn’t need to know I suspected anything.
„He needs to see it and decide what we should do.“
With a sickening belch, the colli, at that moment completely inside Gestra’s body, disappeared like a sip of beer behind a tongue.
The sight reminded me, of the body of bloated strangled beasts that can barely move because they have eaten something huge and must digest it before they can continue to hunt.
What, I thought, do we do when this is done. When Gestra is full and needs the next bite before Ryken gets there. The thing could move, in any case, but how fast and skillfully was not clear to me. At the moment it didn’t seem to feel threatened by us. Either because it underestimated us or didn’t need to fear us.
Donavan’s walkie-talkie beeped, then Ryken could be heard.
„Okay, we should be close to you. Give us light signals where you are. Keep the flashlight in front of you so we know which side to approach from.“
That cleared that up, too: he knew about the danger, even though he hadn’t seen Gestra yet.
We took out our flashlights, directed the light beam to the sky, and activated the light switch.
Then Gestra started to move.
Donavan grabbed his halter, but I put the brakes on his hand.
„Don’t, it’s moving away from us.“
Cracking twigs could be heard behind us and soft whispers, „I think they’re up ahead.“
While Ryken and Jez approached us from behind, Gestra disappeared almost silently into the dusk.
The evening grew thicker over the forest and when Ryken and Jez reached us, Gestra was no longer to be seen.

02/21 PGF

4 Kommentare zu „Gestra (33)

  1. Aber, aber, aber…. Konnten sie nicht ganz langsam ein paar Schritte hinter Gestra machen, damit sie/es nicht so ganz komplett verschwindet? 😮 Und noch wichtiger: Jetzt, wo sie/es einen Hund gefressen hat, wird sie/es sich noch weiter verwandeln? 🧟 Schönes Wochenende.

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