Gestra (37)

37.

»Jez.« Sagte ich nochmal und strich ihr übers Haar, dabei verrutschte ihr Schlafsack ein wenig. Aus dem Inneren entwich ein fauliger, ekelhafter Geruch. Ich fasste an ihre Stirn. Sie glühte.
»Jezebel.« Ich schlug ihren Schlafsack bei Seite und blickte in ihre geröteten, matten Augen.
»Was ist denn los? Ich will schlafen.«
Ich fasste ihr nochmals an die Stirn.
»Das kannst du später. Komm mal hoch.«
Ich stemmte sie zum Sitzen. Dabei fiel mein Blick auf ihren Verband. Er war feucht und schimmerte schwarz. Wir hatten seit dem Besuch in der Klinik nicht mehr danach gesehen.
»Samuel«, rief ich. »Kannst du mal?«
Aber er stand schon in der Tür. Den Sheriff hinter sich.
»Was ist los?«
»Jez ist krank.«
Er kam näher und ich gab ihm einen Wink, auf ihren Verband zu sehen. Jez bemerkte es gar nicht. Sie wirkte, wie im Delir.
Wir tauschten rasch Blicke aus. Die sagten, dass wir beide die gleiche Ahnung hatten, aber beide nichts Genaues wussten.
»Jemand sollte mit ihr zum Arzt.« Sagte ich, mit Blick auf Ryken.
»Ja, das kann der Sheriff machen – oder du.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Keine gute Idee. Ich bin ein mieser Fahrer und -«.
Ich musste nicht weitersprechen. Der Sheriff konnte auf dumme Ideen kommen, wenn er erst in der Stadt war.
Ryken gab nach.
»Du hast recht. Vielleicht kann ich Fragen, die entstehen, am besten beantworten.«
»Mit Sicherheit.« Bemerkte ich.
»Welche Fragen?« Wollte Donavan wissen.«
»Zu viele, als dass ich alle aufzählen könnte.«
Zu dritt verfrachteten wir Jez zu ihrem Wagen und ich mehrfach hatte ich das Gefühl erbrechen zu müssen, wenn sich wieder eine Wolke des Gestankes von ihrem Verband löste.
Als Jezebel auf der Rückbank lag, machte sich Ryken, auf dem Weg zum Fahrersitz.
»Ich bringe Sie zum gleichen Arzt, bei dem sie war.«
»Ja, der schien in Ordnung.«
»Ich starte dann mit Donavan.«
Ryken betrachtete mich drohend.
»Ihr tut gar nichts, bis ich zurück bin.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Wir werden nicht warten. Vielleicht müssen wir, auch um Jez zu helfen, Gestra finden.«
Ryken war hin und her gerissen. Aber er wusste, dass ich ohnehin nicht gehorchen würde.
»Okay! Aber seid vorsichtig.«
»Sind wir. Stimmts, Sheriff?«
Donavan nickte, wie jemand, dem eine Vereinbarung viel zu schnell geht und der etwas zustimmt, dass er nicht tun will, aber nun tun muss.
Ryken setzte sich in den Wagen und fuhr los.
Donavan stand neben mir, wie ein Schüler, der bei einem Ausflug am Bahnhof vergessen wurde.
»Brauchen Sie noch etwas aus der Hütte?«
Das brachte ihn wieder ins Jetzt zurück.
»Ja, meine Jacke.«
»Dann los.«

02/21 PGF

37.

„Jez.“ I said again and stroked her hair, her sleeping bag slipping a little. A foul, disgusting smell escaped from inside. I grabbed her forehead. She was glowing.
„Jezebel.“ I knocked her sleeping bag aside and looked into her reddened, dull eyes.
„What’s the matter? I want to sleep.“
I grabbed her forehead again.
„You can later. Come up here.“
I lifted her to sit. As I did, my eyes fell on her bandage. It was damp and shimmering black. We hadn’t looked at it since the visit to the clinic.
„Samuel,“ I called out. „Can you?“
But he was already standing in the doorway. The sheriff behind him.
„What’s wrong?“
„Jez is sick.“
He came closer and I gave him a wave to look at her bandage. Jez didn’t even notice. She looked delirious.
We quickly exchanged glances. They said we both had the same hunch, but neither knew anything for sure.
„Someone should take her to the doctor.“ I said, looking at Ryken.
„Yeah, the sheriff can do that – or you can.“
I shook my head.
„Not a good idea. I’m a lousy driver and -„.
I didn’t have to keep talking. The sheriff could get stupid ideas once he got to town.
Ryken relented.
„You’re right. Maybe I can best answer questions that arise.“
„For sure.“ I remarked.
„What questions?“ Donavan wanted to know.
„Too many for me to list them all.“
Between the three of us, we shuttled Jez to her car, and several times I felt like vomiting when another cloud of the stench lifted from her bandage.
As Jezebel lay in the back seat, Ryken, made his way to the driver’s seat.
„I’ll take her to the same doctor she saw,“ he said.
„Yeah, that one seemed fine.“
„I’ll start with Donavan then.“
Ryken regarded me menacingly.
„You’re not doing anything until I get back.“
I shook my head.
„We’re not going to wait. Maybe, also to help Jez, we need to find Gestra.“
Ryken was torn. But he knew I wouldn’t obey anyway.
„Okay! But be careful.“
„We are. Right, Sheriff?“
Donavan nodded, like someone who has an agreement way too fast and agrees to something he doesn’t want to do but now has to.
Ryken got in the car and drove off.
Donavan stood next to me, like a student forgotten at the train station on a field trip.
„Do you need anything else from the cabin?“
That brought him back to the now.
„Yeah, my jacket.“
„Let’s pick it up then.“

02/21 PGF

11 Kommentare

      1. Ja, ich lese fleißig mit – habe jedoch nicht immer die Zeit zu kommentieren.
        Aber du kennst mich ja – wenn ich etwas absolut nicht nachvollziehen kann, nehme ich mir die Zeit, es zu hinterfragen. 🙂
        Bisher bin ich voll dabei, bzw. im Flow! 🙂
        LG Bea

        Gefällt 1 Person

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