Gestra (38)

38.

Der Wald war an diesem Morgen verdammt still. Selbst die Zweige schienen zu ängstlich um zu knacken und die Blätter verweigerten sich dem Wind. Unsere Schritte klangen zu laut und, wenn im Schlamm mein Stiefel schmatzte, dachte ich jedes Mal, ich wäre auf einen klebrigen Streifen von Gestra getreten, wie eine Fliege, die sich an einer Klebefalle verfängt und dort noch eine Weile zappelt, ehe ihr der Strom ausgeht.
Donavan, hinter mir, schnaufte so laut, dass ich mir sicher war, dass wir, wenn Gestra uns hörte und erwischte, das die Ursache sein würde. Der Sheriff hatte darauf bestanden seine Schrottflinte mit zu nehmen und da er sie im Anschlag trug, fiel ihm das Laufen schwerer als mir.
Der Morgen war im Wald so grau, wie außerhalb davon. Ich ärgerte mich, dass ich die letzten Stunden hier drin verbracht hatte, statt mit Jez gemütlich an der Brandung des Atlantiks vorbei zu spazieren und die Regenwolken, über dem Meer zu betrachten. Die trübe Witterung hatte am Meer, eine ganz andere Wirkung als hier, wo der Tag bedrückend und müde wirkte. Über dem Meer da zogen die Wolken hin, als würde man den Stunden der Erschaffung der Welt beiwohnen.
»Wissen Sie eigentlich, wo wir hinlaufen?« Wollte Donavan mit einem Mal wissen.
Ich blieb stehen, drehte mich zu ihm und strich mir den Schweiß von der Stirn. Es war nicht heiß, ich schwitzte nicht deshalb.
»Wir laufen dorthin, wo wir Gestra zum ersten Mal gesehen haben, als ich und Jez.«
Der Sheriff kratzte sich am Hinterkopf.
»Wieso nennen Sie das Ding eigentlich so?«
»Gestra?«
»Ja.«
Ich zögerte. Aber dann fand ich es nur fair, den Sheriff mehr wissen zu lassen, als er bisher wusste.
»Also wir es das erste Mal sahen, wirkte es wie eine junge Birke. Und die heißen auf lateinisch Betula. Gestra ist ein Programm der Deutschen zum Erforschen von Weltraumschrott. Da wir uns darüber unterhalten haben, tauften wir das, was wir für ein einfaches Bäumchen hielten: Betula Gestra.«
Der Sheriff war irritiert.
»Sie wollen sagen, es sah nicht immer so aus, wie das Ding, dass gestern Nachmittag Miss Dorsets Hund gefressen hat?«
Ich kam mir albern vor es auszusprechen.
»Richtig. Es sah vollkommen anders aus und es konnte sich auch nicht bewegen.«
Neben uns im Gebüsch raschelte es.
Ich schnellte herum. Aber ich sah nichts: nur das Grün in Grün von Pflanzen, die ich nur schwer unterscheiden konnte und deren Namen ich nicht kannte.
»Kommt es?« Fragte der Sheriff ängstlich und es kam ihm gar nicht seltsam vor, dass er damit unterstellte, dass uns eine Pflanze jagte.
»Seien Sie still.« Zischte ich.
Donavan legte den Finger an den Abzug seiner Schrottflinte.
Ich hatte das Gefühl, wir wurden umkreist, aber da war kein gestreiftes Tigerfell, dass meinen Eindruck bestätigte hätte. Trotzdem war mein unmittelbarer Eindruck, dass immer hinter unserem Rücken, der Feind sich näherte. Egal, wie oft wir uns umdrehten.
»Joe, was sollen wir tun?« Die Stimme des Sheriffs war heiser vor Angst.
»Wir warten.« Erwiderte ich ruhig und war stolz, dass meine Stimme so überzeugend klang.
»Aber worauf sollen wir warten?«
Die Augen des Sheriffs blickten mich panisch an.
»Wir warten, bis wir sehen wo es ist.«
Aber Gestra wartete nicht.

02/21 PGF

38.

The forest was damn quiet that morning. Even the branches seemed too afraid to crack and the leaves refused to blow in the wind. Our footsteps sounded too loud and, when in the mud my boot smacked, I thought each time I stepped on a sticky strip of gestra, like a fly caught on a glue trap and floundering there for a while before it runs out of power.
Donavan, behind me, was panting so loudly that I was sure that if Gestra heard us and caught us that would be the cause. The sheriff had insisted on taking his shotgun with him, and since he carried it at the ready, he found it harder to run than I did.
The morning was as gray in the woods as it was outside of them. I was annoyed that I had spent the last few hours in here instead of leisurely walking with Jez past the surf of the Atlantic and looking at the rain clouds, over the sea. The cloudy weather had at the sea, a completely different effect than here, where the day seemed oppressive and tired. Over the sea there the clouds moved, as if one would witness the hours of the creation of the world.
„Do you actually know where we are going?“ Donavan wanted to know all at once.
I stopped, turned to him and brushed the sweat from my forehead. It wasn’t hot, I wasn’t sweating because of temparture.
„We’re walking to where we first saw Gestra when me and Jez.“
The sheriff scratched the back of his head.
„Why do you call that thing that, anyway?“
„Gestra?“
„Yeah.“
I hesitated. But then I thought it only fair to let the sheriff know more than he knew so far.
„When we first saw it, it looked like a young birch tree. And they’re called Betula in Latin. Gestra is a program by the Germans to explore space debris. As we were talking about it, we christened what we thought was just a little tree: Betula Gestra.“
The sheriff was irritated.
„You mean to say it didn’t always look like that thing that ate Miss Dorset’s dog yesterday afternoon?“
I felt silly saying it.
„Right. It looked completely different, and it couldn’t move either.“
There was a rustling in the bushes beside us.
I sprang around. But I saw nothing: only the green in green of plants I had trouble distinguishing and whose names I didn’t know.
„Is it coming?“ Asked the sheriff anxiously, and it didn’t seem strange at all that he was implying that a plant was hunting us.
„Shut up.“ I hissed.
Donavan put his finger to the trigger of his shotgun.
I had the feeling we were being circled, but there was no striped tiger skin to confirm my impression. Nevertheless, my immediate impression was that always behind our backs, the enemy was approaching. No matter how many times we turned around.
„Joe, what should we do?“ The sheriff’s voice was hoarse with fear.
„We wait.“ I replied calmly, proud that my voice sounded so convincing.
„But what are we going to wait for?“
The sheriff’s eyes looked at me in panic.
„We wait until we see where it is.“
But Gestra didn’t wait.

02/21 PGF

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