Gestra (39)

39.

Es war plötzlich vor uns. Nicht größer, als am Vortag, aber feiner ausgebildet. Aus dem Oberteil dessen was gestern, wie ein Kaktusleib ausgesehen hatte, hatte sich etwas wie ein Kopf gebildet. Als hätte eine unsichtbare Nabelschnur, den oberen Teilen des Kaktus abgeschnürt. Die milchigen Tentakel, die Jez gepackt hatten waren verschwunden. Vor uns stand, ein wuchtiger Leib, in dessen Mitte sich ein langer Riss zeigte.
Während Donavan schrie: »Scheiße, Joe, tun Sie doch was!« zeigte sich, dass das was aussah, wie ein Riss, in Wahrheit eine offene Naht zwischen zwei Blättern war, die sich nun, wie zwei Flügel kraftvoll entfalteten und dabei im Inneren zwei kräftige Tentakel entblößten, die entfernt an Arme erinnerten.
Ehe ich es verhindern konnte, schoss Donavan.
Die Schrottflinte neben mir, war so laut, als explodiere sie und mir schoss durch den Kopf, wie Ryken mich zur Rede stellen würde, weil wir gerade Alien Nummer 1 erschossen hatten. Ich sah mich in einer Bar sitzen, einen sechsfachen Jim Beam zur Bestrafung trinken und dem Barkeeper erzählen: »Ja und dann zog der Sheriff die Schrottflinte und Bamm! Bamm! war das Ding nur noch Bio-Müll.«
Aber es würde zu dieser Geschichte nicht kommen. Gestra schien gar nicht von Donavans Schuss irritiert. Im Gegenteil! Der Schwarm Schrotkugeln, verschwand in Gestras grünem Leib, wie Wassertropfen in einem Schaumbad und dann schoss Gestra zurück, indem es eine dichte, gelbliche Nebelwolke ausstieß, die mir augenblicklich die Luft nahm und in den Augen, wie Tränengas brannte.
Ich taumelte rückwärts. Was Donavan vermutlich ebenfalls getan hätte, wäre er in diesem Moment nicht von den dicken Tentakeln in Gestras Innerem gepackt und herangezogen worden.
Der Sheriff kämpfte. Er kämpfte wacker, wie das ein Mensch tut, wenn er spürt, dass er sein Leben an eine Bestie verliert.
Mich packte ein Hustenanfall. Die gelbe Wolke die Gestra ausgestoßen hatte, wirkte wie ein Allergie auslösendes Betäubungsmittel. Ich taumelte. Stieß gegen einen Baum. Rieb mir die Augen, um den Sheriff nicht aus dem Blick zu verlieren.
Aber alles was ich erkennen konnte war, wie sich die Flügel, um Donavan schlossen, wie sie seine Gegenwehr unter sich begruben, wie ein Sumoringer einen Zwergpudel. Dann sah ich nichts mehr, weil, meine Augen zu sehr brannten und ich sie schließen musste.
Ich hörte Donavans flehende, dumpfe Stimme, die nicht mehr in der Lage war, ein »So.« zu artikulieren. Die Stimme wurde leiser und ich wusste nicht, ob das so war, weil Donavan starb oder, weil sich Gestra mit ihm entfernte.
Ich versuchte nicht zu folgen. Auch, wenn ich es für ehrlos hielt, trat ich den Rückzug an und versuchte mein Leben zu retten.
Ich würde dem Sheriff nicht helfen. Gestra hatte den Schuss aus der Schrottflinte weggeschluckt, wie ich an guten Tagen ein Glas Bourbon.
Hier war größere Munition nötig. Eine Atombombe oder so.
Schließlich wandte ich mich ab. Der gelbe Nebel um mich wurde dünner und je weiter ich wegkam, umso besser konnte ich atmen und umso besser konnte ich wieder sehen und denken. Aber ich blieb nicht stehen. Ich hatte nicht vor stehen zu bleiben und nachzusehen, ob ich Donavan retten konnte. Ich konnte ihn so wenig retten, wie wir Sheldon hatten retten können. Für Gestra waren wir keine Gegner, nur Futter, wie Mäuse für eine Katze.
Ich brauchte Ryken, der von dieser ganzen Scheiße etwas mehr wusste und der mir eine Antwort schuldig war.
Taumelnd lief ich vorwärts und ich wusste nicht, ob ich in die richtige Richtung lief. Ständig hatte ich das Gefühl, dass etwas hinter mir war – nein, nicht etwas, sondern Gestra, mit weit ausgebreiteten Flügeln und armdicken Tentakeln. Ich wusste nicht, ob ich das fantasierte: ich sah, wie Gestra lief, sicher auf zwei Beinen, auf denen es jederzeit rennen konnte.
Deshalb floh ich immer weiter.
Ich blieb erst stehen, als ich das Starfield erreichte. Entsetzt stellte ich fest, dass Ryken noch nicht zurück war. Scheiße verdammt! Ich stand dem Wald allein gegenüber, indem Gestra gerade anfing den Sheriff zu verdauen.

02/21 PGF

39.

It was suddenly in front of us. Not larger than the day before, but more finely formed. From the upper part of what yesterday had looked like a cactus body, something like a head had formed. As if an invisible umbilical cord had cut off the upper part of the cactus. The milky tentacles that had gripped Jez were gone. In front of us stood, a bulky body, in the middle of which a long crack appeared.
While Donavan yelled, „Shit, Joe, do something!“ it became apparent that what looked like a crack was actually an open seam between two leaves that were now powerfully unfurling like two wings, exposing two powerful tentacles inside that were distantly reminiscent of arms.
Before I could stop it, Donavan fired.
The shotgun next to me, was so loud it sounded like it was exploding, and it flashed through my mind how Ryken was going to confront me because we had just shot alien number 1. I saw myself sitting in a bar, drinking a six-shot Jim Beam for punishment and telling the bartender, „Yeah, and then the sheriff pulled out the shotgun and Bamm! Bam! that thing was just organic garbage.“
But it wouldn’t come to that story. Gestra didn’t seem at all irritated by Donavan’s shot. On the contrary. The swarm of buckshot, disappeared into Gestra’s green body, like drops of water in a bubble bath, and then Gestra shot back, expelling a dense, yellowish cloud of mist that instantly took my breath away and burned in my eyes, like tear gas.
I staggered backward. Which Donavan probably would have done as well, had he not been grabbed and pulled by the thick tentacles inside Gestra at that moment.
The sheriff struggled. He fought valiantly, as a man does when he senses he is losing his life to a beast.
I was seized with a coughing fit. The yellow cloud that Gestra had emitted acted like an allergy-inducing anesthetic. I staggered. Bumped into a tree. Rubbed my eyes so as not to lose sight of the sheriff.
But all I could make out was the wings closing around Donavan, burying his opposition like a sumo wrestler buries a dwarf poodle. Then I saw nothing more, because my eyes burned too much and I had to close them.
I heard Donavan’s pleading, muffled voice, no longer able to articulate a „So.“ The voice was getting quieter and I didn’t know if it was because Donavan was dying or because Gestra was moving away with him.
I tried not to follow. Even if I thought it was dishonorable, I retreated and tried to save my life.
I would not help the sheriff. Gestra had swallowed the shot from the shotgun like I would a glass of bourbon on a good day.
Bigger ammo was needed here. A nuke or something.
Finally, I turned away. The yellow fog around me thinned and the farther away I got, the better I could breathe and the better I could see and think again. But I did not stop. I had no intention of stopping to see if I could save Donavan. I could no more save him than we had been able to save Sheldon. To Gestra, we weren’t enemies, just food, like mice to a cat.
I needed Ryken, who knew something more about all this shit and who owed me an answer.
Staggering, I ran forward and I didn’t know if I was running in the right direction. Constantly I had the feeling that something was behind me – no, not something, but Gestra, with wings spread wide and tentacles as thick as my arms. I didn’t know if I was fantasizing it: I saw Gestra running, safely on two legs, on which it could run at any moment.
That’s why I kept fleeing.
I stopped only when I reached the Starfield. Horrified, I realized that Ryken was not back yet. Shit damn it! I was facing the forest alone, with Gestra just starting to digest the sheriff.

02/21 PGF

5 Kommentare

  1. Huiui, was für eine Geschichte. So direkt hintereinander ließ es sich flüssig lesen und ich musste nicht einen Tag warten 😉

    Stimmig, glaubhaft, spannend und phantasiereich erzählt. Du schreibst dich gerade um Kopf und Kragen 😛 Was, sagtest du noch mal, würdest du beruflich künftig gern machen? Dem sehe ich schreibtechnisch nichts im Wege stehen 🙂

    Komm gut ins Wochenende, Peter…

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    1. Ach, liebe Marion, vielen, lieben Dank.
      Der, gehört zu den Kommentaren, die ich mir ausdrucke und unters Kopfkissen lege 😉

      (Und ich muss wohl über Cliffhanger per Zufallsgenerator nachdenken …)

      Hab´ ein schönes Wochenende
      Peter

      Gefällt 1 Person

      Antworten

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