Gestra (40)

40.

Ich realisierte langsam den klebrigen Film auf meiner Haut – Donavan war tot – auf meinen Kleidern – es hat ihn gepackt und verschlungen – auf meinem Gesicht – einfach so, wie eine Puppe und ich hatte ihm nicht geholfen – ich hatte nicht gekonnt – ich war davongelaufen – weil ich nichts mehr gesehen hatte – aus Angst – aus Instinkt – aus Feigheit – aus Überlebenstrieb.
Ich torkelte zu einem Fass, in der Nähe der Hütte, in dem Jez und Ihre Freunde Regenwasser sammelten. Hastig steckte ich meinen Kopf hinein. Das Wasser war eiskalt und abgestanden und ich merkte, wie Blätter die darin trieben, an meinen Wangen vorbei glitten. Aber es war gut. Als würde ich Schweiß und Ausdünstung einer durchzechten Nacht von mir spülen, wusch sich der gelbe Film von meiner Haut, den Gestra mit einer Nebelwolke über mich geblasen hatte.
Ich zog den Kopf zurück und schüttelte ihn. Das war gut. Das war sehr gut. Ich zog mich aus und fing mich an zu waschen. Ich wollte weder meine Kleider nochmals anziehen, noch eine einzige Sekunde, dieses Zeug auf meiner Haut spüren. Am liebsten hätte ich mich in eine Wanne gelegt, aber das Regenwasser war gut. Es fühlte sich an, wie geweihtes Wasser.
Ich weiß nicht, wie lange ich damit zubrachte mich sauber zu schrubben. Zwischendurch dachte ich immer wieder darüber nach, was ich anziehen wollte, wenn ich gewaschen war. Aber ich wäre lieber nackt geblieben, als meine Kleider wieder anzuziehen.
Irgendwann fror ich so sehr, dass ich mich nicht mehr weiter waschen konnte, weil ich zu sehr zitterte. Ich setzte mich nackt und tropfend an die Glutreste, die von unserer Kaffeerunde vom Morgen geblieben waren. Ich hoffte, Jez hatte in der Hütte noch irgendwelche Kleider oder zumindest einen Overall.
Ich weiß nicht, wie lange ich am Feuer saß. Vielleicht wurde es Mittag. Es kam mir unendlich lang vor und ich war nur glücklich, dass es Tag war und ich nicht in der Nacht hier sitzen und warten musste, bis Gestra kam, um mich zu fressen.
Irgendwann jedenfalls sah ich, wie Jez Wagen auf den Feldweg einbog und sich elegant bis zum Observatorium hochschlängelte.
Hinter dem Steuer saß Ryken. Er parkte und stieg aus.
»Was ist denn hier los?« Fragte er mit einer bizarren Mischung, aus Erheiterung und Entsetzen.
Ich blieb sitzen, um ihm nicht splitternackt gegenüberzustehen. Auch, wenn alles in mir drängte hoch zu springen und ihm entgegen zu schreien, was geschehen war.
»Donavan ist tot.« Sagte ich und es klang eher, wie ein Flüstern.
Er kam näher.
Jetzt verschwand die Heiterkeit aus Rykens Zügen und zurück blieb nur das Entsetzen.
»Was?«
»Er ist tot. Gestra hat ihn sich geschnappt und mich attackiert. Wo ist Jez?«
Er stand jetzt neben mir und die Nachricht hatte eine solche Wucht auf ihn, dass es ihm einfach egal schien, dass ich nackt war.
»Im Krankenhaus. Der Arzt wollte sie behalten. Er schließt nicht aus, dass sie eine Sepsis entwickelt.«
»Was hast du ihm erzählt?«
»Was ich musste.«
Langsam setzte sich mein Zorn gegen die Panik und die Ohnmacht durch.
»Scheiße Ryken, sie stirbt und du machst auf Secret Service.«
Er zog einen Schlüssel aus seiner Tasche.
»Sie hat mir den hier noch geben können, falls wir etwas aus der Hütte brauchen. Vielleicht finden wir was zum Anziehen.«
»Ich will wissen, was du dem Arzt erzählt hast.«
Ryken blieb erschreckend ruhig.
»Nichts. Was sollte ich ihm sagen? Möglicherweise Reaktion auf ein Alientoxin verwenden sie Aspirin und etwas Penicillin, das hilft gegen alles.«
Recht hatte er, aber ich wollte es nicht akzeptieren.
Ich sprang auf und mir war scheißegal, ob mein Schniedel klein wie ein Wurstrest in die Gegend hing.
»Gott verdammt, was ist denn los mit dir? Hörst du mir zu? Gestra sieht aus, wie ein grüner Todesengel und Jez liegt vielleicht bald im Sterben.«
»Du solltest etwas anziehen. Ich kann nackte Menschen nicht ernstnehmen.«
Ich hätte ihm am liebsten die Fresse poliert, aber ich verstand den Gedanken.
»Gib mir den Schlüssel.« Sagte ich schroff und Ryken warf ihn mir zu.
Tatsächlich fand ich in der Hütte ein Arbeitsoverall, der mir einigermaßen passte und einen dicken Wollpullover, den jemand mal vergessen hatte.
Ich zog ihn über und ging nach draußen.
Ryken wollte was fragen, aber ich ließ ihn nicht zu Wort kommen.
»Das Ding ist zu einem scheiß Monster mutiert. Wo bleibt eigentlich die Verstärkung? Ich meine, ihr müsst doch Notfallpläne für so etwas haben.«
Samuel sah weg.
»Könnte sein, dass sie nicht kommt.«
Ich fühlte mich, als hätte er mich geohrfeigt.
»Was?«
»Wir sind noch nicht so weit. Ich habe eine Solo-Mission. Wie will man einen solchen Vorfall geheim halten, wenn fünf davon wissen?«
»Du nimmst mich auf den Arm? Du hast doch Donavan erzählt -«.
»Donavan hatte ich schnell überzeugt. Ich zeigte ihm meine Marke, die echt ist und erzählte von meinem Team. Das Problem mit meiner Marke ist, es nimmt sie, außer mir, niemand ernst.«
»Du bist ein Lone Wolf?«
Er lächelte, in einer scheuen, ernsten Art, dass ich ihm nicht mehr böse sein konnte.
»Genau genommen«, meinte er, »sind wir zwei.«

02/21 PGF

40.

I slowly realized the sticky film on my skin – Donavan was dead – on my clothes – it grabbed him and devoured him – on my face – just like that, like a doll and I hadn’t helped him – I hadn’t been able to – I had run away – because I hadn’t seen anything anymore – out of fear – out of instinct – out of cowardice – out of survival instinct.
I staggered to a barrel, near the hut, where Jez and her friends were collecting rainwater. Hastily, I stuck my head in. The water was icy cold and stale, and I noticed how leaves floating in it slid past my cheeks. But it was good. As if washing away sweat and exhalation from a night of drinking, the yellow film Gestra had blown over me with a cloud of mist washed off my skin.
I pulled my head back and shook it. That was good. That was very good. I undressed and began to wash. I didn’t want to put my clothes on again, nor for a single second, feel that stuff on my skin. I would have preferred to lie down in a tub, but the rainwater was good. It felt like consecrated water.
I don’t know how long I spent scrubbing myself clean. In between, I kept thinking about what I wanted to wear when I was washed. But I would rather have stayed naked than put my clothes back on.
At some point I was so cold that I couldn’t continue washing because I was shivering too much. I sat down naked and dripping by the embers left over from our morning coffee session. I hoped Jez had any clothes left in the cabin, or at least overalls.
I don’t know how long I sat by the fire. Maybe it was getting to be noon. It seemed interminably long, and I was just happy that it was daytime and I didn’t have to sit here at night waiting for Gestra to come and eat me.
At any rate, at some point I saw Jez’s car turn onto the dirt road and meander gracefully up to the observatory.
Behind the wheel was Ryken. He parked and got out.
„What’s going on here?“ He asked with a bizarre mixture, of amusement and horror.
I remained seated so as not to face him stark naked. Even though everything in me urged to jump up and scream at him what had happened.
„Donavan is dead.“ I said, and it sounded more like a whisper.
He came closer.
Now the mirth disappeared from Ryken’s features and all that was left was horror.
„What?“
„He’s dead. Gestra grabbed him and attacked me. Where’s Jez?“
He was standing next to me now, and the news had such a force on him that he just didn’t seem to care that I was naked.
„At the hospital. The doctor wanted to keep her. He wouldn’t rule out the possibility of her developing sepsis.“
„What did you tell him?“
„What I had to.“
Slowly my anger asserted itself against the panic and faintness.
„Shit Ryken, she’s dying and you’re going all Secret Service.“
He pulled a key from his pocket.
„She left me this in case we needed anything from the cabin. Maybe we can find something to wear.“
„I want to know what you told the doctor.“
Ryken remained startlingly quiet.
„Nothing. What was I supposed to tell him? Possible reaction to an alien toxin: use aspirin and some penicillin, that helps with everything.“
He was right, but I wouldn’t accept it.
I jumped up and I didn’t give a shit if my wiener was hanging around as small as a leftover sausage.
„God damn it, what’s wrong with you? Are you listening to me? Gestra looks like a green angel of death and Jez may be dying soon.“
„You should put something on. I can’t take naked people seriously.“
I would have loved to smack his face, but I understood the thought.
„Give me the key.“ I said gruffly, and Ryken tossed it to me.
Sure enough, inside the shack I found a pair of work overalls that fit me reasonably well and a thick wool sweater that someone had once forgotten.
I put it on and went outside.
Ryken wanted to ask something, but I didn’t let him get a word in edgewise.
„That thing has mutated into a fucking monster. Where’s the backup, anyway? I mean, you guys must have contingency plans for something like this.“
Samuel looked away.
„Could be it’s not coming.“
I felt like he slapped me.
„What?“
„We’re not ready yet. I have a solo mission. How are you going to keep an incident like this a secret if five know about it?“
„You’re pulling my leg? You told Donavan -„.
„Donavan I had quickly convinced. I showed him my badge, which is real, and told him about my team. The problem with my badge is, no one, except me, takes it seriously.“
„You’re a Lone Wolf?“
He smiled, in a shy, serious way that I couldn’t stay mad at him.
„Actually,“ he said, „we’re two.“

02/21 PGF

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