Gestra (41)

41.

Ich brauchte etwa eine Viertelstunde, bis ich mich einigermaßen beruhigt hatte. Dann sagte ich, in einem nicht sehr freundschaftlichen Ton: »Jetzt will ich endgültig alles wissen, was du weißt.«
Samuel sah mich nicht an.
»Ja, das hast du dir verdient.«
Wir setzten uns zum Feuer, dass wir nochmals entfacht hatten.
»Vieles von dem, was ich dir sage, ist noch Vermutung, aber es ist die Grundlage auf der ich arbeite. Das was ihr Gestra getauft habt, heißt in unseren Akten Plasma Nocturne. Es handelt sich, um eine schwarze, Licht absorbierende Materie, die wie ein Düngemittel oder eine Keimhilfe wirkt, aus der sich Leben entwickelt – wie wir bei Gestra gesehen haben.«
»So was ist nicht zum ersten Mal auf die Erde aufgeschlagen?«
Er schüttelte den Kopf.
»Nein. Es gab schon mehr Nidationen, aber keine hat sich entwickelt. Das ist der erste Fall, bei dem sich mehr, als ein paar Einzeller entwickelt.«
»Was gab es schon öfter – Nida was?«
»Nidationen, Einnistungen, so nennt man es, wenn eine befruchtete Eizelle, sich in der Gebärmutterschleimhaut verankert.«
Ich schnaufte durch.
»Also unterstellt ihr eine Absicht? Irgendwas schießt uns mit seinem Scheiß-schwarzen-Astro-Sperma zu?«
»Das wissen wir nicht. Dazu gibt es verschiedene Theorien: Etwas will zu uns kommen. Nicht auszuschließen. Etwas ist ständig, im Weltraum unterwegs, wie Kometen und bleibt an unserem Weltraumschrott hängen und was bislang vielleicht an uns vorbeiflog, landet uns vor den Füßen. Oder – und das zu überprüfen, ist aktuell meine Hauptaufgabe – wir haben es mit mutiertem Saatgut aus der ISS zu tun. Saatgut welches, im Rahmen der Müllentleerung, in den Weltraum verschwand und sich unter der kosmischen Strahlung veränderte. Es gibt dazu Beobachtungen auf der Erde, mit Saat die man in Magnetfelder legt.«
Ich brauchte einen Moment, bis sich das gesetzt hatte.
»Du erzählst mir das, als würden jeden zweiten Tag die Nachrichten darüber berichten. Aber das ist doch -«.
Mir fehlte das Wort.
»Alles verändernd? Ja. Ich sagte dir: Unser Job ist nicht der böse Russe oder Chinese. Wir schützen die Normalität. Davon abgesehen ist der Eintrag von kosmischen Elementen, als Baustein des Lebens auf der Erde nichts Neues. Man nennt das, Panspermie, es bietet eine Theorie, zur Entstehung von Leben auf der Erde.«
Was hätte ich gern, ein Glas Bourbon getrunken …
»Okay, ich dachte, Killerpflanzen gibt es nur in billigen Horrorfilmen. Aber da sind sie wenigstens am Stück und evolutionieren nicht. Ich verstehe nicht, wie aus dem schwarzen Urschleim Gestra entstehen kann.«
Samuel sah zum Wald hinüber, über den sich der Nachmittag senkte.
„Entwicklung ist abhängig von den Parametern. Hätten die jetzigen Bedingungen, in einem früheren Erdzeitalter geherrscht, hätte die Evolution direkt mit dem Menschen beginnen können. Die Umwelt bestimmt was aus der omnipotenten Zelle wird. Gestra kann jetzt alle Schritte sofort nehmen und durchläuft die Evolution, in Sprüngen und Stadien, wie ein Embryo, in neun Monaten die Evolution durchläuft.«
»Du willst mir erzählen, aus jeder Zelle kann alles werden?«
Er lächelte.
»Es ist ein bisschen komplexer. Das Exposom, so nennt man alle Umweltfaktoren zusammen, haben einen erheblichen Einfluss auf uns und unsere genetischen Grundlagen. Unsere DNA unterliegt den Einflüssen der Umwelt. Man nennt das Epigenetik. Bienenlarven sind alle gleich, auch ihre DNA. Es ist allein ihre Ernährung, das Gelee Royale, welches entscheidet, welche Larve zur Königin wird. Die Ernährung triggert die Entwicklung. Ein Teil auch unserer Gene ist nicht fixiert. Man nennt das Transposon, diese Elemente können selbstständig ihren Platz im Genom verändern. Das Plasma Nocturne scheint diese Fähigkeit, in einer unglaublichen Form zu besitzen.«
»Aber es kann doch nicht so schnell -«.
»Zeit ist abhängig von der Wahrnehmung, der eigenen individuellen Entwicklung. Wir erleben die Evolution, als etwas unglaublich langdauerndes. Weil unsere Entwicklung darin so lange gedauert hat. Für diese Substanz gibt es dieses Zeitempfinden nicht. Zeit ist relativ, weil seine Entwicklung so relativ ist.«
»Also, wie ein dauerndes Sein und ein freiwilliges Werden.«
»In etwa. Es besitzt immer das Potential der Entwicklung und entscheidet über die Geschwindigkeit. Auf der Erde entwickelt sich auch nicht alles gleich. Eintagsfliegen schaffen in kurzer Zeit, was wir in 80 Jahren erleben. Sobald sie als Larve geschlüpft sind, verwandelt sich ihr Darm in ein luftgefülltes Skelett, weil das Erwachsenentier keine Nahrung mehr benötigt. Es gibt eine Sorte davon, die lebt – im Erwachsenenstadium – nur 40 Minuten, um sich zu begatten und die Eier abzulegen. Sie heißt Oligonenviella Rhenana. Ihr ganzer Aufbau verändert sich in kurzer Zeit, also auch ihr körperlicher, mit dem einen Ziel: Reproduktion. Wir Menschen könnten unsere Reproduktionszyklus so weit reduzieren, dass wir mit 30 sterben. 15 Jahre, um zeugungsfähig zu werden, innerhalb von 5 Jahren, zwei Kinder zeugen. Sie zehn Jahre versorgen und abtreten. Was denkst du, wie fundamental dies unseren Körper und unser Denken verändern würde?«
»Scheint mir keine sympathische Variante.«
»Denk darüber nach, wie vollkommen anders, du all deine Entscheidungen treffen würdest, wenn du wüsstest mit 30 ist Schluss. Wenn du nicht ungeduldig wärst, endlich erwachsen zu werden, sondern beschleunigt auf dein Ende hinleben müsstest.«
Der Gedanke war mir unbehaglich. Samuel sah es mir an.
»Ja, der Mensch mit seinem Ich-Bewusstsein … und dem Bewusstsein seiner Sterblichkeit. Wir sträuben uns. Der Mensch springt nicht. Er kriecht. Weil er weiß, dass er dem Ende entgegen kriecht. Er lernt ungern, weil ihn das in der Zeit vorwärtsbewegt: dem Ende entgegen.
Nimm die Sprache. Wenn du eine andere lernen musst, welche wirst du wählen: die zumindest die gleichen Schriftzeichen verwendet oder eine gänzliche andere? Würdest du eher Deutsch oder Chinesisch lernen.«
»Ich denke Oxford-Englisch.«
Ryken winkte ab.
»Da siehst du es! Du springst nicht vom Vertrauten zum Fremden, sondern du kriechst vom Vertrauten zum irgendwie Bekannten. Warum solltest du es anders machen? Ist deine Zeit nicht zu kurz, um umzulernen? Das Ende zu klar? Das Danach unergründlich? Gestra ist uns in allen Belangen überlegen. Sie stürmt durch Entwicklungen., wenn der Prozess einmal in Gang gesetzt ist und aus einer Zelle zwei werden.«
»Du meinst, das wird jetzt immer so weitergehen. Dann sollten wir langsam unsere Sachen packen und die Army alarmieren.«
Ryken wandte sich zu mir und in seiner Stimme lag das Flehen nach einem Pakt.
»Wir haben noch einen Joker! Die schnelle Entwicklung, von Plasma Nocturne, hat einen Preis: Das Geschöpf das entsteht, ist vorerst ortsgebunden.«
»Bedeutet für uns?«
»Es ist nur für diesen Wald geschaffen: dieses Licht, diese Luftfeuchtigkeit, seine Keime und seine Nahrung. Es muss sich in diesem Lebensraum, erst zu seiner höchsten Stufe entwickelt haben, um ihn verlassen zu können. So, wie der Affe erst, zum Menschen geworden, vom Wald in die Savanne wechseln konnte.«
Ich schmunzelte.
»Deshalb wolltest du, dass wir hier übernachten. Dir war klar es entkommt uns nicht. Aber eines verstehe ich noch nicht: wenn es so viel bekannte Zusammenhänge gibt, weshalb arbeitest du dann immer noch allein? Es ist doch damit zu rechnen, dass du fündig wirst. Du sagst ja selbst, es ist nicht das erste Mal.«
Samuel winkte ab.
»Keiner will sich blamieren mit einem zweifelhaften Fund. Die Unterstützung kommt, wenn ich Tatsachen liefere. Es ist ganz einfach: Mich gibt es nicht, solange es keinen ersten Beweis gibt. Das Geschöpf, hier im Wald, ist meine erste Chance einen Beweis zu beschaffen damit aus dem Lone Wolf eine Armee wird.«
»Sie wollen allen Ernstes eine Trophäe?«
»Zumindest einen Finger.«
Ich lachte und ahnte nicht, wie nah dies der Wahrheit lag.

02/21 PGF

41.

It took me about a quarter of an hour to calm down to some extent. Then I said, in a tone that was not very friendly, „Now I want to know definitely everything you know.“
Samuel did not look at me.
„Yes, you’ve earned it.“
We sat down by the fire that we had once again started.
„Much of what I tell you is still conjecture, but it is the basis on which I work. What you have christened Gestra is called Plasma Nocturne in our files. It is, a black, light-absorbing matter that acts like a fertilizer or a germination aid from which life develops – as we saw with Gestra.“
„This isn’t the first time something like this has hit Earth?“
He shook his head.
„No. There have been more nidations, but none have developed. This is the first case of more than a few single-celled organisms developing.“
„What has been more – nida what?“
„Nidations, implantations, that’s what it’s called when a fertilized egg, anchors itself in the lining of the uterus.“
I gasped.
„So you’re implying intent? Something is shooting its fucking black astro sperm at us?“
„We don’t know. There are several theories on that: Something wants to come to us. Not to be ruled out. Something is always, traveling in space, like comets, and gets stuck on our space junk, and what might have been flying past us so far lands at our feet. Or – and to check this is currently my main task – we are dealing with mutated seeds from the ISS. Seeds which disappeared into space during the emptying of the garbage and changed under the cosmic radiation. There are observations of this on Earth, with seeds placed in magnetic fields.“
It took me a moment for that to settle.
„You’re telling me this like it’s on the news every other day. But that’s -„.
I was at a loss for words.
„Changing everything? Yes. I told you: our job is not the evil Russian or Chinese. We protect normality. That being said, the entry of cosmic elements, as the building block of life on Earth is nothing new. It’s called, panspermia, it provides a theory, for the origin of life on Earth.“
What would I like, a glass of bourbon drunk ….
„Okay, I thought killer plants were only in cheap horror movies. But at least there they’re in one piece and don’t evolve. I don’t understand how black primordial slime can evolve into gestra.“
Samuel looked over at the forest, over which the afternoon was settling.
„Evolution depends on parameters. If the present conditions, had prevailed in an earlier earth age, evolution could have begun directly with man. The environment determines what becomes of the omnipotent cell. Gestra can now take all the steps immediately and goes through evolution, in leaps and stages, like an embryo, goes through evolution in nine months.“
„You mean to tell me any cell can become anything?“
He smiled.
„It’s a little more complex than that. The exposome, which is what all environmental factors are called together, have a significant impact on us and our genetic makeup. Our DNA is subject to environmental influences. It’s called epigenetics. Bee larvae are all the same, including their DNA. It is their nutrition alone, the royal jelly, which decides which larva becomes the queen. Nutrition triggers development. A part of our genes is also not fixed. It is called transposon, these elements can change their place in the genome independently. The plasma nocturne seems to have this ability, in an incredible form.“
„But surely it can’t do that quickly -„.
„Time is dependent on perception, on one’s own individual evolution. We experience evolution, as something incredibly long lasting. Because our development in it has taken so long. For this substance, this perception of time does not exist. Time is relative because its evolution is so relative.“
„So, like a continuous being and a voluntary becoming.“
„Sort of. It always has the potential of development and decides the speed. On Earth, not everything develops the same way either. Mayflies create in a short time what we experience in 80 years. As soon as they hatch as larvae, their intestines turn into an air-filled skeleton because the adult animal no longer needs food. There is a variety of them that lives – in the adult stage – only 40 minutes to mate and lay eggs. It is called Oligonenviella Rhenana. Their whole makeup changes in a short time, so does their physical makeup, with one goal: reproduction. We humans could reduce our reproductive cycle to the point where we die at 30. 15 years to become procreative, within 5 years, produce two children. Take care of them for ten years and step down. How fundamentally do you think this would change our bodies and our thinking?“
„Doesn’t seem like a sympathetic option to me.“
„Think about how completely different, you would make all your decisions if you knew at 30 was the end. If you weren’t impatient to finally grow up, but had to live accelerated toward your end.“
The thought made me uncomfortable. Samuel saw it in my face.
„Yes, man with his ego consciousness … and the consciousness of his mortality. We are resisting. Man does not jump. He crawls. Because he knows he is crawling toward the end. He doesn’t like to learn because that moves him forward in time: towards the end.
Take the language. If you have to learn another, which one will you choose: one that at least uses the same characters or one that is completely different? Would you rather learn German or Chinese.“
„I think Oxford English.“
Ryken waved it off.
„There you see! You don’t jump from the familiar to the unfamiliar, you crawl from the familiar to the sort of familiar. Why should you do it any other way? Isn’t your time too short to relearn? The end too clear? The after unfathomable? Gestra is superior to us in all aspects. It storms through developments, once the process is set in motion and one cell becomes two.“
„You mean this will go on and on now. Then we should start packing our bags and alert the Army.“
Ryken turned to me and there was a plea for a pact in his voice.
„We still have a wild card! The rapid development, of Plasma Nocturne, comes at a price: the creature that emerges is stationary for now.“
„Meaning for us?“
„It is created only for this forest: this light, this humidity, its germs and its food. It must have developed in this habitat, first to its highest level, in order to leave it. Just as the monkey, having become a human being, was able to move from the forest to the savannah.“
I smirked.
„That’s why you wanted us to spend the night here. You knew it wouldn’t escape us. But there’s one thing I still don’t understand: if there are so many known connections, why are you still working alone? You’re bound to find something. You said yourself it’s not the first time.“
Samuel waved it off.
„No one wants to embarrass themselves with a dubious find. The support comes when I deliver facts. It’s simple, I don’t exist until there’s initial proof. The creature, here in the forest, is my first chance to procure proof so that the Lone Wolf becomes an army.“
„You seriously want a trophy?“
„At least a finger.“
I laughed, not suspecting how close this was to the truth.

02/21 PGF

9 Kommentare zu „Gestra (41)

    1. Danke lieber Lu, das freut mich sehr zu lesen 🙂

      Es ist ein bunter Mix: Plasma Nocturne ist wohl eine Erfindung (man weiß ja nie, wo man der erste ist 😉 ) Die Theorie der Panspermie gibt es tatsächlich (auch, wenn ich nicht weiß, ob man von Nidation in diesem Zusammenhang spricht), Müll aus der ISS kreist wohl tatsächlich im Orbit (aber wir müllen ja auch den Mars zu), zu den Themen Epigenetik, Exposom, Transposon habe ich letztes ein lesenswert Buch einer (schweizer?) Professorin Mansuy gelesen und mit Inhalten gespielt. Dem Buch entstammt auch das Bienenbeispiel.
      Das mit den Eintagsfliegen habe ich mir philosophisch ein bisschen umgedeutet, aber den körperlichen Umbau und die 40 Minuten Lebenszeit gibt es tatsächlich.

      Ich bleibe damit meinem Motto treu, dass alternative Fakten prima zum Spielen sind, aber man daraus keine (gar politische) Weltanschauung machen darf.
      So halte ich es für legitim, die trockene Wissenschaft, ein bisschen bunter zu machen 🙂
      Auch dir einen schönen Sonntag
      Mit sonnigen Grüßen
      Pe vom See

      Gefällt 5 Personen

      1. ⭐ ⭐ ⭐
        Dankeschön für all diese interessanten Infos, lieber Pe am See, da schwelgst du ja sozusagen ziemlich abgehoben in unorthodoxen Sphären. Bitte nicht abstürzen von dorten oben 😆
        HG vom Lu am Ne

        Gefällt 1 Person

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