Gestra (43)

43.

Wir warteten bis es vollständig dunkel war. Das mochte gegen zehn gewesen sein. Auch in meinem Sinn, sprach sich Samuel gegen Waffen aus.
»Das bringt uns nur auf dumme Ideen und, wie wenig es bringt, hast du bei Donavan gesehen.«
Deshalb nahmen wir nur unsere Nachtsichtgeräte und Taschenlampen mit und machten uns auf den Weg.
Wir liefen das Stück hinab bis zur Straße und bogen dort ab, um uns dem Wald von unten zu nähern. Von dort, wo ich, nach meiner ersten Begegnung mit Gestra, den Wald verlassen hatte. Ryken und ich waren uns einig, Gestra auf der Lichtung zu finden und das war der kürzeste Weg. Wir hatten keine Lust, uns von Gestra, im Wald überraschen zu lassen.
Unterwegs sprachen wir nicht. Ich bereitete mich vor, auf das was uns erwarten konnte und versuchte die Bilder von Donavan loszuwerden, wie er von Gestra gepackt und verschlungen wurde. Ich redete mir ein, dass die Angst, die ich fühlte, gut für mich war und mich schützen würde. Tatsächlich gab es ja, diesen positiven Adrenalinschub. Aber mir war klar, dass ich keinen Push zum Wachwerden erhielt, sondern eher damit rang, keine Panikattacke zu erleiden.
Als wir den Ort erreichten, an dem wir den Wald betreten wollten, zogen wir unsere Nachtsichtgeräte über.
»Bereit?« Fragte Ryken.
Ich nickte.
Von unseren früheren Expeditionen waren bereits einige Wege ausgetreten, sodass wir gut vorankamen und was uns die Dunkelheit normalerweise an Schnelligkeit genommen hätte, wurde durch die Geräte auf unserem Kopf ausgeglichen.
Wir versuchten leise zu sein, so gut wir konnten, schafften es aber nicht, wie geübte Sioux durch das Gestrüpp zu schleichen.
Es ging auf Vollmond zu, deshalb herrschte auf der Lichtung, eine ordentliche Helligkeit, als wir sie erreichten. Wir hatten uns nicht geirrt.
Wir duckten uns hinter ein Gebüsch und beobachten durch die Zweige die Lichtung.
Auf dem querliegenden Findling sahen wir Gestra. Also das, wozu Gestra in diesem Moment wurde …
Der lange Leib, der mich an einen riesigen Kaktus erinnert hatte, erinnerte jetzt an einen menschlichen Oberkörper. Auf dem saß ein Kopf, der etwas wie ein Gesicht besaß. Kein feines Gesicht, eher eines, dass mit einem Maul und fetten Augen versehen war. Die Tentakel die Donavan gepackt hatten, waren aus der Körpermitte zur Seite gewandert, sodass sie jetzt kaum von Armen zu unterscheiden waren. Der Unterleib von Gestra hatte sich, wie ich bereits befürchtete hatte, in zwei Beine differenziert, die aber eher den Beinen von Elefanten glichen, als menschlichen Beinen. Aber das konnte ja noch werden – denn Gestras Metamorphose war nicht abgeschlossen. Man konnte es, durch das Grün des Nachtsichtgerätes, nicht sauber erkennen, aber der Körper von Gestra pulsierte zwischen einem vertrauten Körper, der sich aus einzelnen, unterscheidbaren Elementen zusammensetzte und einer schwarzen undifferenzierten Masse, aus der sich alles zu entfalten und wieder zurück zu bilden schien. Als schwanke der Organismus den Gestra ausbildetet zwischen Materie und Matrix vor und zurück. Wie ein Teig aus dem man Figuren formt und, wenn sie einem nicht gefallen, wieder zurück in die Masse gibt. Als würde das Plasma Nocturne, mit den Ideen von Körpern spielen: zweibeinigen, dreibeinigen Körpern, Armen oder Tentakeln, Rumpf oder Leib, Augen oder Fühlern.
Es schien uns nicht zu bemerken, als sei es so sehr, mit seiner Verwandlung beschäftigt, dass ihm die Aufmerksamkeit für die Umwelt fehlte.
Ich stieß Ryken vorsichtig an und gab ihm ein Zeichen, im Sinn von: Wollen wir die Chance nutzen und angreifen oder gehen?
Er gab mir zu verstehen, dass er noch warten wollte und wir, wie besprochen, nicht angreifen würden.
So blieben wir noch eine Weile versteckt im Gebüsch sitzen und sahen zu, wie im glänzenden Mondlicht, das Geschöpf vor uns sich mehr und mehr den Proportionen eines menschlichen Körpers näherte.
Und meine Sorge wuchs, dass Rykens Neugier erst gestillt sein würde, wenn Gestra seine Aufmerksamkeit bereits wieder seine Umwelt richten konnte.

02/21 PGF

43.

We waited until it was completely dark. That might have been around ten. Also to my mind, Samuel spoke out against guns.
„It just gives us stupid ideas and, you saw how little good it does at Donavan.“
Therefore, we took only our night vision and flashlights and set off.
We walked the distance down to the road and turned there to approach the forest from below. From where I, after my first encounter with Gestra, had left the forest. Ryken and I agreed to find Gestra in the clearing and that was the shortest way. We had no desire to be surprised by Gestra, in the forest.
On the way we did not speak. I prepared myself for what could await us and tried to get rid of the images of Donavan being grabbed and devoured by Gestra. I told myself that the fear I felt was good for me and would protect me. In fact, yes there was, that positive adrenaline rush. But I realized that I wasn’t getting a push to wake up, but rather struggling not to have a panic attack.
When we reached the place where we were going to enter the forest, we put on our night vision goggles.
„Ready?“ Asked Ryken.
I nodded.
Some trails had already been trodden from our previous expeditions, so we were making good time, and what the darkness would normally have taken away from our speed was made up for by the devices on our heads.
We tried to be quiet as best we could, but failed to sneak through the brush like practiced Sioux.
It was approaching full moon, so there was a decent brightness in the clearing when we reached it. We had not made a mistake.
We ducked behind a bush and watched the clearing through the branches.
On the boulder lying across, we saw Gestra. So, what Gestra became at that moment ….
The long body, which had reminded me of a giant cactus, now reminded me of a human torso. On top of it sat a head that had something like a face. Not a fine face, rather one that had a mouth and fat eyes. The tentacles that had gripped Donavan had moved from the center of the body to the side, so that they were now barely distinguishable from arms. Gestra’s abdomen, as I had already feared, had differentiated into two legs, but they looked more like elephant legs than human legs. But that could still become – because Gestra’s metamorphosis was not finished. One could not see it clearly through the green of the night vision, but Gestra’s body pulsated between a familiar body composed of individual, distinguishable elements and a black undifferentiated mass from which everything seemed to unfold and form back again. As if the organism Gestra was forming fluctuated back and forth between matter and matrix. Like a dough from which you form figures and, if you don’t like them, return them to the mass. As if the Plasma Nocturne, playing with the ideas of bodies: bipedal, tripedal, arms or tentacles, torso or body, eyes or feelers.
It didn’t seem to notice us, as if it was so preoccupied, with its transformation, that it lacked attention to the environment.
I gently nudged Ryken and gave him a sign, in the sense of: Shall we take the chance and attack or leave?
He gave me to understand that he still wanted to wait and that we would not attack, as we had discussed.
So we sat hidden in the bushes for a while and watched how in the shining moonlight the creature in front of us more and more approached the proportions of a human body.
And my concern grew that Ryken’s curiosity would not be satisfied until Gestra could turn his attention back to his surroundings.

02/21 PGF

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