Gestra (46)

46.

Ich schnellte herum und sah eine nackte, weiße Gestalt am Saum des Waldes die zu uns herübersah. Sie war groß und schlank. Ihr Kopf hatte etwas Eckiges, was mich an die Form eines Dreieckes erinnerte. Ihre Augen waren groß und schwarz. Ihre Bewegungen waren unruhig, unsicher, als würden sie etwas suchen oder sich auf die Flucht vorbereiten.
Wenn es tatsächlich Gestra war, dann hatte es in der letzten Nacht die Metamorphose vom Pflanzen- zum Menschenleib vollzogen.
»Was willst du tun?« Flüsterte ich. Weiterhin bereit Ryken den Vortritt bei Entscheidungen zu lassen.
»Ich gehe hin.« Sagte er tonlos. »Du bleibst zurück. Einer von uns, muss hier für Ordnung sorgen, wenn meine Verhandlung schief geht.«
»Und was stellst du dir vor?«
»Du brennst alles nieder, wenn es mich angreift.«
Damit setzte er sich in Bewegung und ging Gestra entgegen.
Ich sah, wie Gestra ihm das glatte Gesicht entgegen wandte. Ich kann es nicht anders beschreiben. Seine Haut sah aus, wie ein Silikonüberzug: weiß und glatt und glänzend. Keine Falten, keine Augenbrauen, vermutlich keine Wimpern, dass konnte ich nicht sehen, keine Haare. Ein glatzköpfiges Albinogeschöpf mit üppigen Muskeln und keinen Geschlechtsteilen, wie eine alte Kinderpuppe.
Ryken ging weiter und ich wunderte mich, woher er den Mut nahm. Ich wäre instinktiv irgendwann stehen geblieben, weil nur Selbstmörder, dem Zug, dem heranrasenden Schnellzug, der geladenen Waffe auf dem Tisch entgegen gehen.
Gestra neigte den Kopf. Es war eine liebenswert neugierige Geste. Willst du es vergiften? Fiel mir wieder ein. Nein, erstmal nicht. Aber es hat doch den Sheriff gefressen. So …
Ryken hob die Hand zum Gruß und vermutlich hatte vor 300 Jahren ein weißer Siedler einen indianischen Ureinwohner mit der gleichen Geste begrüßt.
Es war nicht gut ausgegangen.
Aber das musste sich nicht wiederholen. Aber es hatte den Sheriff gefressen.
Ja, aber da war es noch nicht so glatt und rein und faltenfrei.
Gestra bewegte sich nicht. Es verharrte in seiner Haltung und betrachtete Samuel aus großen dunklen Augen. Ja, das fiel mir jetzt auf. Die Augen waren schwarz, schwarz, wie der Stoff aus dem der Keimling emporgewachsen war. So unbeschrieben und farblos seine Silikonhaut wirkte, so wach und aufmerksam wirkten diese schwarzen Augen.
Ryken blieb stehen. Gott sei Dank, dachte ich.
Ich hörte ihn etwas sagen, aber weil der Wind auffrischte und er mit dem Rücken zu mir stand konnte ich nicht hören, was es war.
Gestra zeigte keine Reaktion, ob es ihn verstand. Wie eine Lady, nachts in der Bar, wenn du nicht derjenige bist, den sie beabsichtigt mit nach Hause zu nehmen.
Ryken sagte wieder etwas und ich meinte: »… komme näher«, zu hören. Jedenfalls ging er näher.
Gestra richtete sich auf und, wie es stand, überragte es Samuel um mindestens einen Kopf und der war nicht klein gewachsen.
Ich erhob mich ebenfalls und machte mich bereit Ryken zu helfen. Als würden er einem Sentinelesen entgegentreten, der uns aus dem Busch entgegenkommt, schien es mir besser mich für den Kampf zu rüsten.
Dann geschah etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Gestra streckte den Arm aus, als wolle es Ryken zum Tanz führen. Der war klug genug das Angebot nicht anzunehmen, sondern er näherte sich eher etwas geduckt, dem ausgestreckten, fahlen Arm, als mache er sich bereit, darunter wegzutauchen, wenn aus der Begrüßungsgeste ein Angriff wurde.
So standen sich die beiden gegenüber, eine mir unerträglich lange Minute.
Dann wandte Samuel kurz den Kopf in meine Richtung.
»Joe!« Rief er. Und ehe ich antworten konnte: »Komm näher! Es soll uns beide sehen. So können wir«, er wandte sich mir ganz zu um Blickkontakt aufzunehmen, »vielleicht besser-«.
Da packte ihn Gestra. Es packte ihn am Kopf und zerrte ihn zu sich und so wenig Donavan eine Chance hatte sich gegen die weißen Tentakel zu wehren, so vergeblich war Samuels Gegenwehr.
Gestra drückte ihn an sich und zerrte ihn in Richtung Wald, wohin er rückwärts taumelnd folgen musste.
Ich rannte los. Gestras schwarze Augen verfolgten meine Bewegung, ohne Reaktion. Es lief rückwärts und zog Ryken mit sich. Es beobachtete mich und schien sich sicher, auch mit mir fertig zu werden, wenn ich zu nah kam.

02/21 PGF

46.

I sped around and saw a naked white figure at the edge of the forest looking over at us. She was tall and slender. Her head had something angular about it, reminding me of the shape of a triangle. Her eyes were large and black. Their movements were restless, uncertain, as if they were looking for something or preparing to flee.
If it was indeed Gestra, it had undergone the metamorphosis from plant to human body last night.
„What do you want to do?“ I whispered. Still willing to let Ryken take the lead in decisions.
„I’m going.“ He said tonelessly. „You stay behind. One of us, has to keep order here if my trial goes wrong.“
„And what do you envision?“
„You burn everything down if it attacks me.“
With that, he started moving and headed toward Gestra.
I saw Gestra turn her smooth face toward him. I can’t describe it any other way. It skin looked like a silicone coating: white and smooth and shiny. No wrinkles, no eyebrows, probably no eyelashes that I couldn’t see, no hair. A bald albino creature with lush muscles and no genitals, like an old child’s doll.
Ryken kept walking and I wondered where he got the courage. I would have instinctively stopped at some point, because only suicides, face the train, the speeding train, the loaded gun on the table.
Gestra tilted his head. It was an endearingly curious gesture. Are you going to poison it? I remembered. No, not for now. But it did eat the sheriff. So …
Ryken raised his hand in greeting, and probably 300 years ago a white settler had greeted a Native American with the same gesture.
It hadn’t ended well.
But it didn’t have to happen again. But it had eaten the sheriff.
Yes, but it wasn’t so smooth and pure and wrinkle-free then.
Gestra didn’t move. It paused in its stance, looking at Samuel out of big dark eyes. Yes, I noticed that now. The eyes were black, black, like the fabric from which the seedling had grown up. As blank and colorless as his silicone skin seemed, those black eyes seemed alert and attentive.
Ryken stopped. Thank God, I thought.
I heard him say something, but because the wind was picking up and he had his back to me I couldn’t hear what it was.
Gestra showed no reaction to see if it understood him. Like a lady, at night in the bar, when you are not the one she intends to take home.
Ryken said something again and I thought I heard, „…come closer“. Anyway, he walked closer.
Gestra straightened up and, as it stood, it towered over Samuel by at least a head and he was not small in stature.
I rose as well and got ready to help Ryken. As if facing a sentinelese coming at us from the bush, it seemed better to get ready for battle.
Then something happened that I had not expected: Gestra stretched out his arm as if to lead Ryken to the dance. The latter was smart enough not to accept the offer, but rather approached a bit crouched, the outstretched, pale arm, as if getting ready to dive away under it when the welcoming gesture turned into an attack.
Thus the two stood facing each other for what seemed to me an unbearably long minute.
Then Samuel turned his head briefly in my direction.
„Joe!“ He shouted. And before I could answer, „Come closer! I want it to see both of us. That way,“ he turned to face me fully to make eye contact, „maybe we can better-„.
That’s when Gestra grabbed him. It grabbed him by the head and dragged him towards it, and as little as Donavan had a chance to defend himself against the white tentacles, Samuel’s resistance was in vain.
Gestra pressed him to him and dragged him towards the forest, where he had to follow, staggering backwards.
I ran. Gestra’s black eyes tracked my movement, without reaction. It ran backwards, dragging Ryken with it. It watched me and seemed sure it could handle me if I got too close.

02/21 PGF

5 Kommentare zu „Gestra (46)

  1. Hilfe, da gehts aber ab.
    Fast wie im richtigen Leben. Du siehst es jemandem äußerlich nicht an, ob der andere gefährlich, gewalttätig, kriminell ist. Kann sein, kann nicht sein.
    Jetzt bin ich gespannt, ob ich als Leser in irgendeiner Weise dahin geführt werde, welche Intention das Wesen hat 😉

    Gefällt 1 Person

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