Gestra (47)

47.

Bis ich den Waldsaum erreichte war Gestra mit Ryken im Schwitzkasten schon zwischen den Bäumen verschwunden. Ich hörte rascheln und ich hörte Samuel dumpf und atemlos gegen Gestra ankämpfen. Aber ich sah sie nicht.
Okay, du Scheißding, sagte ich mir, ich schnapp mir dich, auch ohne Flammenwerfer.
Ich nahm die Verfolgung auf. Meine Bewaffnung bestand aus einem Beil, welches ich mir aus dem Schuppen geschnappt hatte.
Gestra bewegte sich schnell, mit Ryken im Schlepptau durch den Wald. Ich fragte mich, warum er sich nicht wehrte, ob ihm die Kraft fehlte, ob Gestra ihn betäubt hatte oder ob er abwarten und verhandeln wollte. Wenn es etwas zu verhandeln gab.
Ich hastete beiden, etwa zehn Minuten, hinterher und fühlte einen seltsamen Kontrast, zwischen dem feinen Sonnenlicht, welches durch die Zweige fiel und in das die Vögel ihre zarten Melodien woben und der Angst zu sterben, wenn ich mich Gestra stellen musste.
Eines war ich mir sicher: ich würde Samuel nicht allein lassen. Ich hatte bei Donavan die Flucht ergriffen. Meine Gründe dafür mochten berechtigt gewesen sein, aber ich würde mir das kein zweites Mal verzeihen.
Ich nahm Tempo auf und hatte etwa die Hälfte des Waldes durchquert, da entdeckte ich sie. Gestra war stehen geblieben und Ryken hing schlaff in seinem Arm, wie der Lieblingsteddy eines kleinen Kindes, über dem Unterarm hängt.
Gestra beugte den weißen Schädel über Ryken und schnupperte an ihm. Es schnupperte über seinen Kopf, über sein Gesicht, seinen Hals, seine linke Schulterpartie. Schnupperte und biss urplötzlich zu, als hätte es die richtige Stelle gefunden. Das Filetstück, auf dass es sich am meisten freute.
Ryken zuckte schlapp, wie ein Brotstück an dem Karpfen nagen, aber er gab keinen Laut von sich. Das tat ich für ihn.
Ich stürmte aus der Deckung.
Ich schrie, als wolle ich einen Säbelzahntiger vertreiben und stürmte mit hoch gehobener Axt vorwärts, dem Feind und dem Tod entgegen.
Gestras schwarze Augen fassten mich, wie ein Hypnotiseur sein Opfer fasst. Aber so wenig, wie ich zu hypnotisieren war – dass hatte schon zwei Hypnotiseure versucht – so wenig stoppte mich Gestra mit seinem Blick. Ich wich ihm einfach aus. Ich machte mich blind für seine Gegenwehr.
Mit allem Mut sprang ich vorwärts, die Axt zu einem mächtigen Hieb bereit und hoffte, dass dieser nackte, glatte Latexkörper irgendwo zu verletzen war. Ich warf mich vorwärts, als wollte ich eine Hürde überwinden und ließ die Axt herabsausen, aber Gestra fing meinen Schwung mit einer Rückhand ab, wie man abends müde einen Moskito vertreibt.
Gestras Hand – sie fühlte sich an, wie aus Marmor – traf mich am Kopf, pflügte mich aus der Luft und ließ mich abstürzen, wie einen Vogel, der die Gefahr einer Scheibe nicht erkannt hat.
Ich fiel zu Boden und verlor das Bewusstsein.
Als ich wieder zu mir kam, war die Sonne auf die andere Seite des Waldes gewandert. Sie warf das gleiche, feine Licht, wie am Vormittag, aber von der anderen Seite und es war etwas rötlicher und wärmer.
Ich fasste mir an den Kopf und fühlte geronnenes Blut. Gestra hatte mich einfach liegen lassen. Ich stand auf, mit gewaltigem Schädeldröhnen und versuchte mich auf die nächsten Schritte zu konzentrieren.
Ich wusste was zu tun war.
Anfangs schwankend, aber dann wieder trittsicher, machte ich mich auf den Weg zur Lichtung. Ich hatte wenig Hoffnung, dass ich Ryken dort quietschfidel mit Gestra beim Lagerfeuer finden würde und sich Gruselgeschichten erzählen. Ich hatte mich auch noch mit keiner Kuh unterhalten, von der ich ein Steak gegessen hatte.
Trotzdem traf mich, als ich sie fand, der Anblick, der mich an eine schwarze Messe erinnerte. Ryken lag blutüberströmt auf dem liegenden Findling und alles Leben war aus seinen Augen verschwunden. Gestra beugte sich über ihn, wie ein Pathologe der einen Leichnam seziert und hoch konzentriert überlegt, woran der Tote wohl gestorben war.
Du Scheißvieh! Dachte ich. Nahm einen Stein auf und machte mich auf den Weg Gestra von hinten zu erschlagen, wie Kain es mit Abel getan hatte.

02/21 PGF

47.

By the time I reached the edge of the forest, Gestra had disappeared between the trees with Ryken in a headlock. I heard rustling and I heard Samuel struggling dully and breathlessly against Gestra. But I didn’t see her.
Okay, you son of a bitch, I said to myself, I’ll get you, even without a flamethrower.
I took up pursuit. My armament consisted of a hatchet, which I had grabbed from the shed.
Gestra moved quickly through the forest with Ryken in tow. I wondered why he didn’t fight back, if he lacked strength, if Gestra had stunned him, or if he wanted to wait and negotiate. If there was anything to negotiate.
I hurried after both of them, for about ten minutes, feeling a strange contrast, between the fine sunlight that fell through the branches and into which the birds wove their delicate melodies, and the fear of dying if I had to face Gestra.
One thing I was sure of: I would not leave Samuel alone. I had taken flight at Donavan. My reasons for doing so may have been justified, but I would not forgive myself a second time.
I picked up speed and had crossed about half of the forest when I spotted them. Gestra had stopped and Ryken was hanging limply in its arm, like a small child’s favorite teddy bear, suspended over his forearm.
Gestra bent its white skull over Ryken and sniffed it. It sniffed over his head, over his face, his neck, his left shoulder area. Sniffed and bit all of a sudden, as if it had found the right spot. The tenderloin it was most looking forward to.
Ryken jerked limply, like a piece of bread gnawing on a carp, but he made no sound. I did that for him.
I charged out from under cover.
I shouted as if to drive off a saber-toothed tiger and charged forward, axe raised high, toward the enemy and death.
Gestra’s black eyes grasped me as a hypnotist grasps his victim. But as little as I was to be hypnotized – that had already tried two hypnotists – so little Gestra stopped me with his look. I simply avoided it. I made myself blind for its resistance.
With all my courage I sprang forward, the axe ready for a mighty blow, hoping that this naked, smooth latex body was somewhere to be hurt. I threw myself forward as if to clear a hurdle and let the axe come down, but Gestra intercepted my momentum with a backhand, as one tiredly drives off a mosquito in the evening.
Gestra’s hand – it felt like it was made of marble – hit me in the head, plowing me out of the air and sending me crashing down like a bird that didn’t realize the danger of a windshield.
I fell to the ground and lost consciousness.
When I regained consciousness, the sun had moved to the other side of the forest. It cast the same, fine light as in the morning, but from the other side and it was a little redder and warmer.
I grabbed my head and felt clotted blood. Gestra had just left me lying there. I stood up, my skull roaring violently, and tried to concentrate on what to do next.
I knew what to do.
Staggering at first, but then sure-footed again, I made my way to the clearing. I had little hope that I would find Ryken there chirpy with Gestra by the campfire, telling each other scary stories. I hadn’t had a conversation with a cow I’d eaten a steak from yet, either.
Still, when I found them, I was struck by the sight that reminded me of a black mass. Ryken was lying on the prone boulder, covered in blood, and all life had gone from his eyes. Gestra was bending over him like a pathologist dissecting a corpse, highly concentrated on what the dead man had died of.
You fucking animal! I thought. Picked up a stone and set out to kill Gestra from behind, as Cain had done to Abel.

02/21 PGF

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