Mittags im Garten

Ich hatte gar nicht viel getan: nur die Abdeckung von den Pflanzen genommen, die Töpfe ein wenig verschoben und ein wenig Wasser verteilt …, obwohl da nur dunkle, trockene Erde und gefallene Blätter grüßten, war der ganze Garten plötzlich wie belebt, wie bei einem Kind, indem der Mut zu leben erwacht.

Ich sah mich um und überlegte, was ich wohl zu erst zu tun hatte – also nicht heute, aber in den nächsten Wochen. Ich entschloss mich zu warten, bis sich zeigte, wo aus dem Gestrüpp sich wieder etwas Grün entfaltete. Die Erdbeeren zeigten schon etwas davon und auch die Clematis. Aber es war noch ein schwankendes, unsicheres Grün, im welken Blatt des letzten Jahres.

Ich nahm meine Tasse Kaffee und setzte mich in die Sonne. Ich fühlte mich, wie ein Salamander der endlich unter seinem Stein hervorkriechen kann und die Welt erkunden. Es lagen harte Wochen hinter mir, hinter uns. Trübe, graue, farblose Wochen, die jeder für sich durchzustehen hatte. Die einen taten das unter Protest, die anderen im stummen Gehorsam und Vertrauen, dass es das Richtige war. Ich tat es, wie ein Zuschauer, der Teilnehmer einer Live-Performance wird: etwas aufgeregt, halb belustigt, gespannt auf das Ergebnis.

Der Kaffee schmeckte gut, an der frischen Luft. Ich stand auf und sah nach meinen Gartengeräten. Nächste Woche würde ich sie brauchen. Nächste Woche würde es losgehen und das war etwas ganz Besonderes, dass man die Zeit nicht anhalten, das Leben nicht aufhalten konnte: das Leben war in der Zeit, es vollzog sich, wie ein Urteil – oder, wenn man ein schöneres Bild haben wollte, wie ein Kuss, der nicht zurückgenommen werden kann. Wenn ich nicht mit dem Leben ging, würden Ende April nicht die ersten Keimlinge ihren Kopf aus der Erde heben, würde im Mai nicht das Wachstum anziehen und im Juni, Juli, August und September eine Pflanze nach der anderen mich mit ihrer Gabe beschenken.

Der Winter war gegangen und jetzt lagen die Dinge im hellen Licht einer neuen Zeit. Es war gut, in ihr Werden zu vertrauen – und das richtige zu tun.

03/21 PGF

2 Kommentare zu „Mittags im Garten

  1. Oh ja, lieber Peter, du beschreibst sehr schön, was der erwachende Frühling und die Natur sowie Sonne mit uns derzeit machen. Wunderbar! Spüren, dass wir noch am Leben sind… Dass es weiter geht…
    Ich hatte die Woche ab Mittwoch Urlaub und auch auf meinem Balkon wurde ein bissel was gesät und jeden Tag vorsichtig mit Wasser versorgt. Die Sonne wärmt die Erde und ich bin sehr gespannt, was davon aufgeht und vor allem wann 😉

    Komm gut in die neue Woche!

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