Indigo (1)

1.

Der Schlachtenlärm schien nie ganz zu verstummen. Es waren die Rufe von Männern zu hören, das Schlagen von Metall auf Metall, Schreie der Verwundeten, die Stille der Toten. Niemand stoppte es je!

Die Geräusche drangen so täuschend echt, durch die dunkle Eichentür, dass ich fast annahm, in das blitzende Metall eines Schwertes zu starren, wenn ich die Tür öffnete.

Als sie offen war, blickte ich in ein sehr geräumiges. modernes Teenager Zimmer, in dem ein Junge – er konnte zwischen 12 und 15 sein – konzentriert auf zwei Bildschirme starrte, über die eine antike oder mittelalterliche Kampfszene flimmerte, die aus einer Highend-Anlage perfekt akustisch untermalt wurde.

Seine Mutter, hinter mir, versuchte mich zu bremsen.

»Sir, ich bin nicht sicher, ob wir ihn während des Trainings unterbrechen sollten.«

Ich wandte mich ihr lächelnd zu.

»Keine Sorge, ich tue ihm nichts. Mein Bekannter war nur fest überzeugt, dass ich Ihnen beiden einen Gefallen tue, wenn ich mich kurz mit ihm unterhalte.«

Genau genommen hatte Crunchy gesagt: »Hol den Jungen! Denk daran was Mercer uns, beim Frühstück erzählt hat, als die Welt noch in Ordnung war, zwischen uns. Die Elite rekrutiert ihren Nachwuchs auf ganz anderen Wegen. Dieser Junge, ist ein ganz schäbiges Beispiel.«

Mir war eigentlich nicht nach einem Auftrag. Ich hatte die Sache mit Mercer noch nicht ganz verdaut und vermisste Beth jeden Morgen, wenn ich wach wurde und am Abend halfen mir nur Johnny und Jack, sie zu vergessen.

Aber Crunchy hatte darauf gedrängt, dass ich die Adresse nahm, vermutlich auch, um mich abzulenken und aus dem Selbstmitleid zu kicken.

Als ich, auf dem Zettel, Portland las, streckte ich ihn Crunchy wieder entgegen.

»Keine Chance! Ich gehe nicht wieder nach Maine, die Sache mit Jez-«.

Er nahm den Zettel nicht.

»Keine Sorge, wir reden von Portland in Oregon, nicht in Maine. Außerdem bist du nicht direkt dort, sondern in Corbett, einer kleinen Gemeinde in der Nähe.«

Ich steckte den Zettel ein, weil ich gerade nicht die Durchsetzungskraft hatte, Crunchy so lange auf die Nerven zu gehen, bis er nachgab.

Das war vor drei Tagen.

Ich machte mich von der Mutter des Jungen los, durchquerte das Zimmer und tippte ihm, etwas eindrücklich auf die Schulter.

Sein Kopf schoss herum, als sei eine der digitalen Figuren, aus dem Monitor geschlüpft und schwinge ihr Schwert hinter ihm.

»He! Sie? Mum – wer ist das?«

»Ich bin Joe. Ich konnte deine Mutter überreden, dass wir uns mal kurz unterhalten. Nimm es ihr nicht übel, dass ich nicht erst nach einem Termin gefragt habe. Mit 12 -«.

»14!«

»Egal, ob 12 oder 14: als Teenager, sollte man kurz die Daddelkiste abstellen können.«

Er sah an mir vorbei, zu seiner Mutter.

»Er weiß schon, dass ich hier arbeite. Ich muss die Schlacht am Nil, bis heute fertig gestellt haben, um im Zeitplan zu bleiben.«

Was für eine Jugend, dachte ich entsetzt.

»Erzähl mir kurz was du machst, weshalb du einen Zeitplan hast und schon bin ich weg.«

Er sah mich kritisch an.

»Und für wen arbeiten Sie?«

»Eine Art Jugendbehörde.«

»Weiß Miss Dorset von ihm?«

Er sah wieder an mir vorbei.

Wer ist Miss Dorset, dachte ich. Crunchy hatte sie nicht erwähnt. Aber es war ja auch nicht untypisch für ihn, mir das entscheidende Detail vorzuenthalten.

Die Mutter des Jungen musterte mich.

»Ja. Stimmt. Haben Sie Miss Dorset informiert?«

Ich lächelte breit und sagte: »Natürlich!«

Aber die beiden glaubten mir nicht.

05/21 PGF


4 Kommentare

  1. Puh, das startet spannend! Und natürlich frage ich mich, in welcher Zeit die Geschichte spielt, wenn da Dinge ablaufen, wie sie hier angedeutet werden 😯 Mich hast du mit diesem Auftakt auf jeden Fall 😉

    Da fällt mir was relativ Abstruses ein. Als ich noch bei den Zeugen Jehovas war, gab es intern eine sogenannte Theokratische Predigtdienstschule. Also jeder hatte ja Predigtdienst zu leisten, sprich bei den Leuten zu klingeln und für den Glauben / die Bibel (ihrer Übersetzung natürlich) zu werben. In dieser „Schule“ sollte dafür geübt werden. Jeder, der in die Schule eingeschrieben war (das sollte natürlich jeder tun), bekam regelmäßig Aufgaben zugeteilt. Man bekam ein Thema, das man im Sinne der Bibel auszuarbeiten hatte. Die Männer besprachen das Thema am Rednerpult mit Mikro, hielten also eine Ansprache darüber, während die Frauen das Thema am Tisch sitzend in einem imitierten Zweier-Gespräch erklärten. Und es gab Beurteilungs-Zettel, auf denen verschiedene Punkte abgearbeitet wurden. Wenn man fertig war, wurde die Beurteilung am Rednerpult vor allen laut bekannt gegeben. Man konnte ein „A“ für „Arbeite bitte daran“ erhalten, ein „V“ für „Verbessert“ und ein „G“ für „Gut“. Einer der Punkte lautete „Einleitung erweckte Interesse“. Das wäre hier also der Fall 😝
    Oh Mann, in welcher verqueren Welt ich aufgewachsen bin. Fühl mich grad an eine Zeit erinnert, die zu einer anderen Welt gehören muss 🙄

    Gefällt 2 Personen

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    1. Liebe Marion, toll solch eine Indoktrinierung hinter sich zu lassen. Die meisten Religionen nutzen die Chance Denkfallen früh zu platzieren.

      Aber das nehme ich mal positiv 😊.

      Die Zeitebenen sortieren sich bald 👍

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