Indigo (2)

2.

Es wurde Zeit in die Offensive zu gehen.

»Okay! Langsam, langsam! Ich bin trotzdem auf deiner, auf Ihrer Seite. Ich weiß was hier läuft und wollte anbieten zu helfen: ich wollte, dass Sie darüber nachdenken, ob das gut ist, was Sie hier tun. Ich weiß, dass du für die US Army Computerspiele spielst. Du bist in einem Förderprogramm. Aber ich bin nicht sicher, ob du mit 12 -.«

»14!«

Er sah jünger aus.

» … schon entscheiden solltest, ob du der nächste Drohnenkrieger werden möchtest.«

»Das entscheidet meine Mum.«

Das dachte ich mir, dachte ich und warf der Angesprochenen einen flehenden Blick zu, mich zu unterstützen.

Aber sie hatte einen anderen Gedanken: »Sie sagten doch, Sie hätten für Lennon, ein Förderprogramm, das ihn interessieren könnte? Jetzt versuchen Sie, ihm das Programm von Miss Dorset schlecht zu machen. Das ist nicht okay!«

Lennons Mutter warf mir einen missbilligenden Blick, aus ihren etwas zu eng stehenden Augen, zu, die ihr ganzes Gesicht zusammen geknautscht wirken ließen, als habe sie schlecht durch den Geburtskanal gepasst.

Aus der Soundbar der PC-Anlage schepperte weiter Kriegslärm.

Ich atmete durch.

»Wenn wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten könnten.«

»Ich muss hier weiter machen.« Beharrte Lennon.

»Fünf Minuten. Zehn Sätze.« Beharrte ich.

Sie nickte.

»Fünf Minuten! In Ordnung. Lennon nimm den Rosenquarz mit, damit er den Elektrosmog ausgleicht.«

Der Junge war nahe dran zu protestieren – nicht gegen den Rosenquarz, sondern gegen die Pause – aber etwas bremste die Wut in ihm. Etwas antrainiertes.

Er drückte eine Taste der Tastatur und auf dem Monitor erschien ein Pausebild.

Ich folgte dem Jungen und seiner Mutter in ihr Wohnzimmer, das luxuriös war, wie die ganze Wohnung. Etwas zu üppig, für eine Alleinerziehende mit einem Teenager. Durch ein Panorama-Fenster hatte man freien Blick auf den Colombia River.

Ich nahm Platz in einem Sessel, der sicher nicht vom Flohmarkt stammte, die beiden auf dem Sofa, welches frisch ausgepackt erschien.

»Also, dann erklären Sie mir nochmal ihr Anliegen. Als Sie vorhin kamen, haben Sie mich glatt überrumpelt. Ich dachte, es geht um ein weiteres Stipendium.«

Okay, dachte ich, also der Junge ist ihr Kapital. Auch eine Info, die mir Crunchy vorenthalten hatte. In seiner Version war da »… ein Junge mit seiner Mutter, die von der Regierung ausgenutzt werden. Versuch sie zu überreden, dass der Junge für mich arbeitet.«

Jetzt verstand ich, wer vor mir saß: Ein kleiner PC-Star mit seiner Managerin.

Ich fühlte mich, als Recruiter, ungeeignet. Die Sache hatte, wie Crunchy es darstellte, nach etwas Ehrenhaftem geklungen, nicht nach »dealing with the devil«.

»Zehn Sätze!« Erinnerte mich Lennon.

»Miss -«.

»Hope. Sie können mich Hope nennen.«

»Okay, Hope. Hören Sie«, ich merkte das Lennon mitzählte, »ich dachte es würde eher um eine Art Begabtenförderung gehen. Mein Auftraggeber hat mir nicht verraten, dass Sie Teil eines Programms sind. Es schien eher, als würde man Ihnen nur etwas anbieten, wovon sie Nachteile haben, ohne alle Aspekte zu verstehen.«

»Dann sind Sie falsch informiert. Die Wohnung, unsere monatlichen Auslagen, das wird alles von der US Army bezahlt. Es geht uns gut. Miss Dorset, unsere Kontaktperson, ist sehr vertrauenswürdig.«

Ich dachte: Sätze sparen; und: Fick dich, Crunchy – wer ist Miss Dorset?

»Und es ist okay für Sie, dass Lennon, zum Soldaten ausgebildet wird?«

Sie strich dem Jungen übers Haar.

»Er ist eine freie Seele. Ich kann nicht bestimmen, was aus ihm wird. Ich weiß nicht mal, wie man auf ihn aufmerksam wurde. Plötzlich stand Miss Dorset vor der Tür und machte mir ihr Angebot.«

Ich nahm an, dass das Militär, mit Hilfe der NSA, IP-Adressen sammelten, um Cyber-Soldaten zu rekrutieren. Vermutlich würde mir Hope nicht folgen können, wenn ich ihr das erklärte.

Sie war offensichtlich naiv, was die Realität anging. Sie hatte sich zu einem Deal überlisten lassen, der ihrem Weltbild widersprach. Die Option, dafür nicht arbeiten zu müssen, war zu verlockend. Ihr Sohn würde irgendwann, diesen Widerspruch aushalten müssen.

»Und was, wenn ich Ihnen ein Angebot machen könnte, damit Lennon, in einem zivilen Bereich, seine Fähigkeiten einsetzen kann?«

»Welchem?«

»Der Wirtschaft.«

»Ich soll ihn zu einem Kapitalisten machen?«

Einen Moment war ich fassungslos.

»Ja. Das ist doch besser -«.

»Zehn!« Behauptete Lennon.

»Quatsch, du hast die Fragen mitgezählt.«

»Die gehören auch dazu.« Warf er mir entgegen.

»Ich werde jetzt Miss Dorset informieren.« Entschied Hope und stand auf.

Ich hob die Hand.

»Nein warten Sie! Ich -«.

Der Blick der beiden verriet mir, dass ich raus war, wenn ich Miss Dorset nicht Schiedsrichter spielen ließ.

»Na gut! Wie Sie wollen.«

05/21 PGF

11 Kommentare zu „Indigo (2)

  1. Mein lieber Pi, ich liebe – wie du weißt – deine Geschichten sehr!
    Und auch diese Fortsetzung ist nicht nur meeega spannend & fesselnd schon in Teil 2, nein:
    Ich ‚lüste‘ nach mehr!!!!
    Einziges Manko, was mich beim Lesen immer wieder aus der Story schmeißt, ist deine Kommasetzung….
    Tut mir wirklich wirklich WIRKLICH leid, aber da musst du was dran tun!!!!
    Ja, ich weiß, dass das nur der ‚Vorschrieb‘ ist, aber……siehe oben^^
    Bitte nicht schimpfen, denn auch ich weiß: Das ist Kritik auf hohem Niveau und hat mit der Story selbst nichts zu tun! 🙂
    Ganz herzliche Grüße von einer Fan:In 😀

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe B.. ich danke dir 🙂 Sehr ermutigend zu lesen und ja, ich zweifle nicht: die Kommasetzung stört.
      Allein: mehr Zeit, Kraft und Korrekturlesen mag/kann ich nicht investieren. Ich verweise aus mein „Der Druck muss weg“-Plädoyer. 😉
      Nach einem wenig erquicklichen Mailaustausch mit dem WP-Support zwecks Browser-Problemen und Textformatierung tendiert meine Motivation mich weiter mit WP zu beglücken gegen 0 🙄
      Im Rahmen von: ich verspreche nichts was ich nicht halten kann, gelobe ich keine Besserung, sondern nur 2fach überarbeiten, wie es gerade geht 🤷‍♂️
      Sorry. Aber falls du abends Zeit hast … 😇

      Gefällt 1 Person

      1. Liebster Pi, nein – ich will dich nicht in Stress versetzen, denn den haben wir/hast du/hab ich schon sooooo viel zu viel….
        Mach einfach weiter so. Ich wollts nur anmerken, weil……… vergiss es!!!!! <—–
        Es ist – wie es ist – gut, und ich freue mich auf 2morrow! 🙂
        Und ich leite nochmal den Link weiter, der DICH zum alten Editor verweist: https://DEINNAME.wordpress.com/wp-admin/post-new.php?classic-editor
        DEINNAME ersetzt du den Namen deiner website und dann sollte es klappen 🙂

        Gefällt mir

  2. Lieber Peter,

    ich war in der letzten Woche sehr eingenommen, u.a. von meiner weiteren Ausbildung im Kloster, so dass ich zwar den Fortgang deiner Geschichte registrierte, jedoch noch keinen Raum hatte zu folgen.

    Heute Morgen ist der erste Moment, wo wieder etwas Platz ist und ich habe mit viel Genuss gelesen. Spannend! Das mit den Kommas…, nun ich kenne dich und weiß, dass das nun mal so ist und wenn ich einen Satz 3 mal lesen muss, bis ich verstehe wie der Sinnzusammenhang (trotz unterbrechendem Komma) ist, dann dient es einfach meinem umso besseren Verständnis der gesamten Story, seis drum. Ich bin froh, dass du schreibst!

    Diese Story ist etwas besonderes und sie gefällt mir ausgesprochen gut. In ihr spiegeln sich innere Konflikte, wie sie uns allen vermutlich in zunehmendem Maße begegnen werden: Wofür entscheide ich mich, wenn ich etwas verlockendes angeboten bekomme, das mein Leben, meinen Alltag um soo viel einfacher macht einerseits, ich dafür mit meinen Werten schummeln muss, um darauf eingehen zu können. Möglicherweise hängt ganz ganz viel im Globalen davon ab, wie gut wir als Einzelpersonen und als Vereine, Firmen etc. damit umgehen können, ob wir bereit sind für unsere Werte u.U. gravierende Nachteile in Kauf zu nehmen. Ich gestehe, ich persönlich bin immer noch nicht konsequent im Ausleben meiner ursprünglichen Werte. Wir alle sind vermutlich verführbar, vor allem, wenn uns das Leben sonst relativ erschwert wird.

    Ich werde deiner Story mit offenem Blick und Herzen folgen und verneige mich vor der Klarsicht und Aktualität der Themen, die du aufgreifst und geschickt einbaust.

    Ich wünsche dir einen Tag, der für einen begnadeten Schreiber passend ist. Gerade frage ich mich, ob auch deine erschwerenden Lebensumstände so etwas wie eine Zentrifuge sein könnten, um schriftstellerisch das Bestmögliche aus dir heraus zu filtern… 🤔

    Herzliche Grüße
    Marion

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Marion,

      vielen Dank für deine ausführliche Rückmeldung.
      Kein Problem, ich habe mich nun ganz gut eingestimmt in: ich schreibe in meinem Rhythmus und ihr lest, in eurem. Bei einem Buch wäre es ja nicht anders 🙂
      Schön, dass dich die Geschichte anspricht und spannend was du darin entdeckst.
      Das Thema der Zentrifuge habe ich auch schon erwogen … aber, wenn ich ehrlich bin, würde ich lieber darauf verzichten und in Ruhe arbeiten. Es ist eher ein zerquetscht werden, als ein feines Filtern 😉

      Hab du auch einen schönen Tag und genieße die Erkenntnisse deiner Ausbildung
      Pe

      Gefällt 1 Person

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