Indigo (3)

3.

Trotz der angespannten Stimmung durfte ich bleiben. Ich hatte den Eindruck, dass, solange die Option bestand, dass es bei mir etwas zu holen gab, Hope es sich nicht mit mir verscherzen wollte.
Wir saßen stumm auf unseren Plätzen. Durch das Panoramafenster sah ich, wie im Colombia River die Sonne schimmerte.
Ich hatte mich aufgeführt, wie ein alter Idiot. Wäre ich 14 gewesen, ich hätte auch kein Wort mehr, mit mir gewechselt. Ganz im Schema: alt gleich oben, jung gleich unten, war ich aufgetreten. Als könnte ich in Lennons Zimmer spazieren und ihm sagen, was er zu tun habe. Ziemlich arrogant.
Ich warf einen Blick nach ihm. Es war ein schmächtiger Junge, sehr nachdenklich, wie mir schien. Hätte er es formulieren können, hätte er vermutlich erklärt, dass er in der Welt noch nicht richtig angekommen war und eher noch in den Wolken hing, als auf der Erde. Ja, er war eher Geist als Materie. Er sah nicht aus nach Mädels, Party und Auto-Werkstatt, sondern nach Zweifel, Transzendenz und Programmiersprache.
»Lennon?«
Er reagierte nicht sofort.
Dann leise und – sachlich: »Ja?«
»Könntest du mir zeigen, woran du gerade warst. Es dürfte mir schwerfallen, Miss Dorset zu folgen, wenn ich nicht genau weiß, was du tust.«
»Darüber hätten Sie sich vorher informieren sollen.«
»Punkt für dich. Das werde ich mit dem Mann klären, der mich hergeschickt hat.«
Er zögerte.
Und wollte nicht unfair sein.
»Kommen Sie! Ich zeige Ihnen kurz, was ich aktuell mache. Um alles zu erklären, reicht die Zeit nicht.«
Er nahm mich mit in sein Zimmer. Bot mir einen Stuhl, neben seinem PC-Schreitisch und setzte sich dann in seinen Bürostuhl.
Er drückte eine Taste und auf dem Monitor entstand Leben.
»Das Spiel, welches ich heute spiele heißt »Rome«. Es ist der 2. Teil einer Serie, eines Herstellers der sich ausschließlich mit Strategiespielen beschäftigt.«
»Sieht ganz cool aus. Ich bin bei »Mario Bros.« stehen geblieben und dachte man trainiert heute hauptsächlich für den nächsten Amoklauf.«
Er lächelte knapp.
»Da denken Sie vermutlich an »Counterstrike«, auch schon veraltet.«
Er wandte sich dem Bildschirm zu.
»Da haben Sie viel verpasst. »Rome« ist ein Strategiespiel, in dem man den Aufstieg Roms zu einem Imperium nachspielen kann. Man hat diese Karte«, er ließ den Cursor über den Bildschirm huschen, sie sah aus, wie eine Weltkarte, »auf der man seine Truppen verschiebt, Spione einsetzt, Verhandlungen führt. Und diese«, er wählte eine der Truppen aus und die Szenerie wechselte auf ein Schlachtfeld, »auf der man seine Heere in die Schlacht führt. Wetter, Jahreszeit, Tageszeit, Stellung, das alles spielt eine Rolle. Wer seine Bogenschützen, an vorderste Front, in eine Senke stellt, während auf einer Anhöhe Kavallerie wartet, ist schon verloren.«
Ich war beeindruckt.
»Klingt, als wäre das eine peppigere Version von Schach.«
Lennon nickte.
»Finde ich auch.«
Seine Stimme klang froh, dass ich das so sah.
»Und du weißt, dass du für die Army trainierst.«
Seine Züge spannten sich.
»Das weiß ich. Die Armee ist auf der Suche nach dem nächsten Superstrategen, deshalb rekrutieren sie früh Spieler wie mich. Es ist kein Unterschied zu den Football-Clubs, die den Nachwuchs so früh, wie möglich, für ihr Team gewinnen wollen. Gesucht wird die Elite der Spieler. Aktuell trainiere ich sechs Woche Strategie, damit will man herausfinden, wie komplex und vorrausschauend ich denken kann. Anschließend folgt ein Block mit Shooter, bei denen ich Reflexe und Orientierung unter Beweis stellen muss. Insgesamt dauert das Förderprojekt zwei Jahre.«
»Und du findest das gut?«
»Klar ich kann zocken.«
»Aber das würdest du für die Army nicht tun.«
Er versetzte das Spiel wieder in Pausenmodus und schnaufte.
»Wir brauchen das Geld und meine Mum – sie – glaubt an mich.« Er wirkte unsicher, ob er weitersprechen sollte. »Meine Mutter meint, ich sei ein Indigokind. Sie ist fest überzeugt, dass aus mir etwas ganz Besonderes wird. Mein Onkel, der uns bislang unterstützt hat, hält das für Unsinn. Mum und er haben sich deswegen zerstritten. Sie will kein Geld mehr von ihm.«
»Wo ist dein Vater?«
»Das weiß ich nicht.«
Ich dachte, an meinen Dad: manchmal war das besser so.
»Also gibt es nur dich und deine Ma´?«
»Sie baut auf mich und ich bin gut. Ich habe in »Rome« schon fast alle Konkurrenten beseitigt. Mir gehört beinah ganz Europa. Wenn ich noch vier, fünf Tage, meine Gebiete erweitern kann, geht die 1. von 10 Runden an mich.«
»Also spielst du gegen andere Jungs, die ebenfalls in diesem Programm stecken?«
»Ja, die haben extra einen Multiplayer eingeführt, damit wir uns besser messen können.«
»Wie viele seid ihr?«
»Das erfährt man nie ganz genau, weil auch einige Bots dabei sind. Aber ich denke, 30 dürften wir sein.«
Was für eine Scheiße, dachte ich. Das ist ein Schritt extremer, als: »We want you!«

05/21 PGF

3 Kommentare zu „Indigo (3)

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