Indigo (4)

4.

Als es klingelte, ging ich mit Lennon zurück ins Wohnzimmer, um Miss Dorset in Empfang zu nehmen.
Die erwartete Miss Dorset war knapp 60, grauhaarig, verbittert-faltig, jemand der nirgendwo gebraucht wurde und deshalb gerne Aufgaben übernahm, die das Weltelend mehrten. Herein kam mit einem »What-a-beautiful-day-this-could-be«-Lächeln eine knapp Dreißigerin, mit einem »mein Body ist ein Naturprodukt, den Workout nur veredelt«-Körper, die gar nicht verbittert, blond, blauäugig, in weißem Sommerkleid, vielleicht eine militärische Laufbahn absolviert hatte, aber auch auf einem Laufsteg eine gute Figur gemacht hätte. Ihr Pathos war: »Ich bin hier und rette die Welt!«
Sie sah mich und sagte in Richtung von Hope: »Ist er das Problem?«
Womit klar war, dass ihre, die Welt umspannende Liebe, nicht alle Bewohner der Erde umspannte.
Lennons Mutter nickte und gab zu Protokoll: »Ja. Er tauchte plötzlich auf und fing an Ihre Arbeit und Lennons Aufgabe schlecht zu machen. Ich dachte, dass Sie das wissen sollten.«
»Unbedingt.« Erwiderte Miss Dorset und legte mich auf den Scanner.
»Sie sind?«
»Joe.«
»Und gehören zu?«
»Crunchy Industries«, log ich, und fügte damit es nach etwas klang hinzu: »Recruiting Future, ist unser Slogan.«
»Nie gehört.« Sagte sie prompt, kühlte ihren Blick um noch ein paar Grad und ergänzte: »Sie wissen, dass es sich hier, um ein staatliches, ein militärisch gefördertes Programm handelt, welches im Sinn der finanziellen Chancengleichheit junge Kandidaten für höhere Aufgaben stärkt und fördert. Ich kann Ihnen deshalb sagen, dass wir keine Konkurrenz, vor allem zivile schätzen.«
»Wird weggebombt?« Fragte ich amüsiert und dachte, wie schade es war, dass dies kein guter Einstieg für ein gemeinsames Abendessen war.
»Wenn nötig!« Gab sie zurück.
Überrascht stellte ich fest, dass sie sich gar keine Mühe gab, vor Lennon und seiner Mutter als »Die Gute«, dazustehen. Ihre oberste Priorität war, Kontrolle über die Situation und die Verbindung, zu dem Jungen und seiner Mutter.
»Was für ein Programm ist das, in dem Jugendliche über das Internet ausgesucht und dann – mit 14 – für eine militärische Laufbahn vorbereitet werden? Ich meine, in Vietnam habt ihr wenigstens bis 19 gewartet.«
»Lennon absolviert keine militärischen Aktionen. Er spielt, ganz altersgerecht. Würde er sich für Football interessieren, hätte er auch einen Trainer. Wäre er gut in Astrophysik, würden die Universitäten bereits Jagd auf ihn machen. Damit habe ich mehr gesagt, als sie interessieren dürfte. Sie können dann gehen.«
»Dies ist ein freies Land, meines Wissens und dies privater Grund, als können Sie mir nicht sagen, was ich zu tun habe.«
»Diese Wohnung, das Haus, das Grundstück, alle Möbel, wenn sie wollen selbst die Luft, ist Eigentum der US Army und ich mag nur keinen Ärger für Lennon, weshalb ich Sie nicht, wegen Hausfriedensbruch verhaften lasse. Hope, Sie hätten den Mann, ohne meine Kenntnis nicht hereinbitten dürfen.«
Hope wurde schlagartig rot.
»Ich wusste nicht. Entschuldigen Sie, Miss Dorset.«
Sie nickte nachsichtig, setzte aber hinzu: »Steht in den Verträgen.«
Mir wurde der Spaß zu bunt.
»Hören Sie Hope, wir haben die Sklaverei abgeschafft. Ich biete Ihnen das Doppelte von dem was sie bekommen«, vermutlich würde Crunchy mich für diesen Satz noch büßen lassen, »und wir übernehmen die Vertragsstrafe – falls ein Zeitraum festgeschrieben wurde – damit Lennon für uns arbeitet und Sie sich das nicht mehr gefallen lassen müssen.«
Bam! Ich hatte einen Treffer gelandet.
Miss Dorset schwankte zwischen Empörung und mehr Druck auf Hope, den sie sich aber nicht erlauben durfte und Rückzug – den hasste sie bis aufs Blut, wie ich ihr ansah.
Sie versuchte es sachlich.
»Hope, lassen Sie sich nicht verunsichern. Bis heute war alles gut zwischen uns. Lennon hat alles was er braucht und er wird alles bekommen, was er braucht. Seine Zukunft ist sicher, Ihre ist sicher. Wer sollte der beste Arbeitgeber sein, wenn nicht die größte Militärmacht der Welt. Wir kontrollieren die Welt, mehr Sicherheit kann Ihnen niemand bieten.«
Hope sah nach Lennon, der sie mit einer Reaktion im Stich ließ. Jetzt musste sie selbst denken und Verantwortung übernehmen.
Stockend vermeldete Sie: »Ich glaube, ich muss über all das nachdenken.«

05/21 PGF

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