Indigo (6)

6.

Da ich mir bewusst war, dass ich frühestens am nächsten Tag, bei Hope anfragen konnte, ob sie nochmal mit mir reden wollte, entschied ich mich, mich nach einer Bar umzusehen. Ich hatte keine Lust, den Abend mit Miss Langeweile, in meinem Hotelzimmer zu verbringen.
Zur Auswahl standen das »Skyland Pub«, etwas heruntergekommen, aber gut besucht und die »Distillery Bar«, etwas nobler, aber vielleicht auch eher für Intellektuelle gemacht. Ich musste mich also zwischen einem Gespräch über Sartre und Football entscheiden.
Ich gab Sartre eine Chance. Nicht wegen dem Gespräch, aber weil die Auswahl an Whiskeys mir ansprechender erschien und ich ins »Skyland« immer noch abwandern konnte, das »Distillery« schloss deutlich früher den Laden.
Als ich die Bar betrat, war ich der einzige Kunde. Der Barkeeper begrüßte mich mit einem knappen Nicken und wienerte weiter seine Theke, als würde der Laden auf Selbstbedienung setzen.
Ich zog mir einen Hocker zu Recht und setzte mich.
»Whiskey mit Eis.«
»Bourbon oder Scotch?«
Um was Neues zu versuchen, sagte ich: »Scotch.«
Der Barkeeper nickte gelangweilt und machte sich daran eine Flasche aus dem Regal zu nehmen.
Das erste Glas war schnell leer. Mit dem zweiten ließ ich mir etwas mehr Zeit. Ein Pärchen kam herein und setzte sich an einen Fensterplatz, für zwei. Dass war schon alles an Aufregung.
Ich plante bereits meinen Aufbruch ins »Skyland«, als mit einem Mal die Tür aufschwang und die für einen Abend in der Kneipe perfekte gekleidete Miss Dorset hereinschneite, in Jeans und enger Bluse, damit niemand ihre Brüste vergaß, wenn er sie ansah.
Sie bemerkte mich nicht oder tat so. Als wäre der Laden voll und sie müsse erst einen Platz suchen wanderte ihr Blick durch den Raum.
»Was für ein Zufall!« Rief ich und wandte mich ihr zu.
Sie zeigte sich nicht verblüfft.
»Joe, da sind Sie ja. Ich war mir sicher: eine Bar. Nur welche? Das war noch ein kleines Rätsel.«
Sie setzte sich auf den Barhocker neben mich und winkte den Barkeeper herbei. Der reagierte, bei ihrem Anblick, prompt.
»Haben Sie einen Nikka?«
»Ja, einen »from the barrel«.«
»Sehr schön und ein Glas Soda dazu.«
»Wie Sie wünschen.«
Der Barkeeper verschwand.
Ich versuchte, noch immer, aus dem plötzlichen Date schlau zu werden.
»Sie sind sehr offensiv. Ich hätte vermutet, Sie tun zumindest so, als würden wir uns zufällig begegnen.«
»Joe – dafür sind Sie zu schlau. Mir macht etwas anderes Sorge: nicht, ob Sie mich durchschauen. Ich darf nicht riskieren, dass Sie einen Fehler machen, ehe sie verstehen, worum es geht.«
»Welchen Fehler könnte ich machen?«
»Sich einmischen.«
Ich nippte an meinem Glas, um in Ruhe abzuwägen, wie ich, auf die kleine Unverschämtheit reagieren sollte. Plötzlich war mir doch mehr nach einem Bourbon, dass war, wie in vertrauten Gewässern schwimmen.
»Vielleicht erklären Sie mir, was ich beim Einmischen falsch machen könnte. Denn, dass ich Ihnen das Feld überlasse, können Sie vergessen.«
Sie nahm ebenfalls einen kleinen Schluck Whiskey und spülte ihn mit einem großen Schluck Wasser hinab, als wäre ihr der rohe Geschmack zu stark.
»Dazu müsste ich Ihnen so viel erklären, dass Lennon schon 25 wäre, bis ich alles berichtet hätte. Außerdem verfügen Sie über keine Qualifikation, die mich beeindrucken würde.«
»Also, als Bounty Hunter bin ich erfolgreich.«
»Kann sein, aber die letzten anderthalb Jahre waren Sie wohl mit anderem beschäftigt. Ihre Akte ist voll, mit Einträgen. Sie kamen in den letzten 18 Monaten, in insgesamt 4 Staaten mit den Behörden in Konflikt.«
»Tatsächlich?«
»Haben Sie den Überblick verloren? Brauchen Sie einen Ausdruck, für Ihre nächste Bewerbung?«
Ich trank mein Glas leer.
»Nein, keine Mühe. Diplome braucht man nur für die Karriere, für die Wahrheit genügt Gewissenhaftigkeit.«
»Und mit der wollen Sie Hope überzeugen?«
»Wir werden sehen«, ich ignorierte den Versuch, mir Zweifel ins Denken zu träufeln. »Was ich nicht verstehe, warum Sie sich dafür hergeben, Teenager fürs Militär zu gewinnen. Sie sind klug, attraktiv, vermutlich wollen Sie die Welt zu einem besseren Platz machen. Soll das mit diesem Job gelingen?«
Sie rückte etwas von mir weg. Ich war überrascht, wie meine Bemerkung wirkte. Aber es konnte auch Absicht sein, mich das glauben zu lassen.
»Wenn ihr Dad General und ihr Bruder Navy Seal wären, würden Sie das vielleicht besser verstehen. Ich tue etwas für mein Land, in dem ich die Besten für den Dienst gewinne, damit wird die Welt sicherer.«
Ich widersprach nicht, weil ich spürte, dass sie das leider wirklich glaubte.

05/21 PGF

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