Indigo (8)

8.

Ich verabschiedete mich in mein Hotel und informierte Crunchy per Telefon, wie die Sache gelaufen war. Er war begeistert.
Ich war es nicht.
Lennon suchte unbewusst eine Vaterfigur, die ich ihm bieten sollte und Hope wollte doppelt abkassieren. Den Jungen verstand ich: Unter dem Einfluss seiner Mutter und Wachhund Dorset, war seine männliche Identität auf der Strecke geblieben. Von mir erhoffte er sich vermutlich ein Vorbild, wie man sich gegenüber Frauen abgrenzte und vor allem, wie man sich durchsetzte.
Das würde meine schwierigste Mission werden, dessen war ich sicher. Ich musste nicht nur dem Jungen gerecht werden, um ihn für mich zu gewinnen, sondern nebenbei verstehen, wie so ein Leben funktionierte, dass seine Routinen, seine hübschen, bunten Schleifchen hatte: mit Kaffee um Vier, Ausflüge am Wochenende und gemeinsames Abendessen um Sechs. Ein Leben das nicht fragwürdig war und jeden Moment ins Ungewisse fiel, wie meines, sondern eines, das Sinn hatte und Wärme.
Ich würde mit »Lass uns für den Frieden OM singen«- Hope ein bisschen Familie spielen, damit ich Dorset loswurde und mit Lennon, mich auf »Give the army no chance« eingrooven.
Allerdings – und das war die Rettung für meine Motivation – in diesem Fall, war die Situation nicht ganz normal. Es war Lennon, der sich Normalität wünschte: der mit Dad Baseball spielen und mit Mum Netflix sehen wollte, um am Wochenende mit beiden etwas zu unternehmen. Dieses »normal« gab es, in seinem Leben nicht. Dafür sorgte Miss Dorset, mit ihren Kontrollen, die Wohnung, die der Army gehörte und mein zwielichtiger Auftrag Crunchys Nichte in die Spur zu bringen, damit sein Großneffe keine Probleme bekam.
Ich würde bluffen und mitspielen und täuschen müssen, damit am Ende jeder bekam was er wollte, auch, wenn es vermutlich keinen zufriedenstellte. Für Lennon tat mir das leid, aber die größere Gefahr, für sein Seelenheil, drohte ihm, wenn er mit 25 als Drohnenkrieger, scheinbar saubere Kriege führte.
Um mich, auf meinen Auftrag vorzubereiten, entschloss ich mich, den Abend nicht, nach gewohntem Ritual, in einer Bar zu verbringen, sondern mich der Recherche von Ausflugszielen für das Wochenende zu widmen, welches unmittelbar vor uns lag. Und mich ein wenig näher mit dem zu beschäftigen, was Lennons größter Lebensinhalt war: Computerspiele.
Mit meinem Laptop auf den Oberschenkeln und einer Flasche Bourbon auf dem Nachtisch, begann ich meine Abendunterhaltung.
Ausflugsziele zu finden, war keine große Sache. Oregon bot eine Menge davon, unmittelbar in der Nähe von Portland oder zwei Stunden entfernt an der Pazifikküste. Nach nicht mal zwanzig Minuten, was zwei doppelten Bourbon entsprach, hatte ich genug Ziele, um die nächsten vier Wochenende mit Lennon, vielleicht seiner Mutter und bedauerlicherweise Dorset, gestalten zu können.
Die Army-Lady hatte an Anziehungskraft auf mich verloren. Egal, wie hübsch und attraktiv ein Mensch war, wenn er bissig und verbittert war, musste man schon an einem argen Helfersyndrom leiden, um darüber hinwegsehend, etwas Anziehendes, an einem solchen Menschen zu finden. Ich litt nicht am Bedürfnis, das verschüttete Gute in Dorset zu retten.
Der Versuch mir ein Bild über Computerspiele zu machen, erwies sich als weitaus schwieriger, als die Suche nach Ausflugszielen. Es gab Plattformen, wie ich erfuhr, es gab Multiplayer und Singleplayer, es gab Rollenspiele und Shooter und Dutzende Genre mehr, es gab Handyspiele, die auch Pc-Spiele sein konnten; und in greifbarer Nähe stand das Ziel, Spiele, wie Serien bei Netflix über jedes Endgerät nutzen zu können, während, wie ich nach und nach begriff, Spiele aktuell noch an Geräte gebunden waren.
Als nächstes verstand ich, dass es Spiele gab, die man, wie früher Musik auf CD´s erwerben konnte, dass es aber auch Spiele gab, die man nur digital besitzen konnte, wie ein Film, in der Prime-Bibliothek.
Ich nahm auch diese Erkenntnis tapfer und mit zur Hilfenahme der bis dahin halb leeren Flasche Bourbon, gelangte ich endlich zu einer ersten Idee, wie ich eines dieser Spiele ausprobieren konnte: über eine Plattform, die mir das Spiel, digital zur Verfügung stellte. Irgendwie stießen mich Online-Spiele ab. Ich hatte das Bedürfnis, die Sache, im Besitz zu haben und erstmal für mich allein auszukundschaften.
Nachdem ich mich durch klangvolle Namen, wie »Epic-Gamestore«, »EA«, »GoG« durchstöbert hatte, landete ich schließlich bei »Steam-Store«, der mir die größte Bandbreite an Spielen zu bieten schien und das am längsten etablierte Portfolie aufbot.
Damit endete, meine Fragen, aber nicht. Denn vor mir öffnete sich ein schier unendliches Spieleangebot, dass ich zum Glück nach Genre organisieren konnte, durch die ich mich, Schritt für Schritt kämpfte.
Von Lennon hatte ich die Begriffe »Shooter« und »Strategie« im Gedächtnis behalten.
Nach einer weiteren Stunde und der ¾-Flasche Bourbon entdeckte ich schließlich »Rome«, dass er mir gezeigt hatte.
Ich dachte, okay, das probiere ich bis morgen aus, dann kann ich vielleicht ein paar Pluspunkte sammeln. Ich legte den Artikel in meinen digitalen Warenkorb, leistete den Datenschutz-Offenbarungseid, den die Nutzungsbedingungen mir abforderten, gab die Daten meiner Kreditkarte preis, ohne zu wissen, ob damit nun die halbe Welt, auf meine Karte, einkaufen würde und erlebte dennoch ein unheimliches Glücksgefühl, als ich die Meldung erhielt, dass das Spiel nun mir gehörte und in meiner Spielebibliothek zu finden war.
Begeistert machte ich mich daran es zu starten und stellte entgeistert fest, dass es erst heruntergeladen werden musste. Was bei meiner Verbindung lasche acht Stunden dauern sollte. Ich versuchte vergeblich, den Start irgendwie vorzuziehen. Aber es nutzte nichts. Der Download war stur, wie ich und behielt sein Tempo bei.
Ich gab mich geschlagen. Sorgte dafür, dass vor Mitternacht die Flasche Bourbon leer war und legte mich schlafen.

06/21 PGF

8 Kommentare

    1. Lieber Lu, ich mag ja spontane Korrekturen meines Weltbildes und die Kombination Finbar, Steam, Outcast erweitert erfreulich mein Spektrum 🙂
      Da überraschst du mich.
      Und ja, Outcast war ein Meilenstein. Es gibt seit einiger Zeit ein Remake, hänge aber lieber der Nostalgie nach 🙃

      Mit sonnigen Grüßen vom See
      Pe

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      1. Das klingt schön, lieber Pe, Dichter am See … ⭐ ⭐ ⭐
        ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich Outcast inzwischen gespielt habe *lächel* und nun gibt es ein Remake? Gibt’s das auch bei Steam?
        Have a pleasant day, Lu

        Gefällt 1 Person

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