Indigo (9)

9.

Da ich der Technik nicht mehr, als einen Etappensieg gönnte, machte ich mich, nach zwei Kaffee und einem viel zu süßen Donat, erneut an die Arbeit.
Ich startete den Laptop.
Stellte zufrieden fest, dass der Download abgeschlossen war.
Startete das Spiel.
Genoss den imposant in Szene gesetzten Vorspann.
Gelangte in ein so genanntes Tutorial und – fühlte mich dreißig Jahre zurückversetzt, in einen langweiligen Dia-Abend, denn es schien, als würde der Rechner Ewigkeiten benötigen, um jedes Bild einzeln zur Verfügung zu stellen.
So ruckelte ich mich durch die 1. Schlacht, durch die ich die Spielmechanik verstehen lernen sollte, verlor gnadenlos und knallte den Laptop zu.
Okay, der Plan würde also nicht sein, Lennon, von unserem gemeinsamen Hobby zu überzeugen, sondern ihn bescheiden darum zu bitten, mir zu erklären, wie die Sache überhaupt funktionierte.
Zu Lennon und Hopes Wohnung, nahm ich, wie die letzten Tage den Bus.
Hope schien erfreut mich zu sehen, aber es entsprach schlicht ihrem Habitus, zu allen Menschen nett zu sein. Vielleicht machte sie mir dies, ein wenig langweilig. Denn im Morgenlicht betrachtet, mit ihrem Lächeln und den schönen Zeiten, dem hübschen, luftigen Hippiekleid, welches sie trug, den schönen dunkelblonden Locken, war sie ein attraktiver Anblick, aber nicht für mich. Was vermutlich einer meiner Fehler war.
Sie bat mich herein und fragte: »Haben Sie schon gefrühstückt, Joe?«
Ich zeigte auf meine Laptop-Tasche.
»Nicht wirklich. Das Ding hat mich beschäftigt. Zu mehr als Kaffee und einem Donat, hat es nicht gereicht.«
»Sehr schön. Dann frühstücken Sie doch mit uns. Es gibt Blaubeer-Pfannkuchen und Acai-Früchte-Smoothie und zum Wachwerden einen Sencha.«
Ich nickte zu allem unwissend, dass der Pfannkuchen aus Vollkornmehl bestand und der Smoothie auf Hafermilch basierte. »Wegen den Nährwerten.« Wie Hope mir erklärte, während ich aß.
Beim Frühstücken sprachen wir wenig. Lennon zeigte sich nachdenklich, wie er immer erschien und Hope konzentrierte sich darauf jeden Bissen 30mal zu kauen, weil das gut für die Verdauung war, wie ich erfuhr.
Weil sie merkte, dass mich das alles (Bio-Zutaten, Kauen mit Nachzählen und Bio-Milch frisch aus dem Euter), irritierte und amüsierte, erklärte sie, während wir unseren Grüntee schlürften: »Wissen Sie, Joe: vielleicht hätte ich, ohne das Geld der Army, gar nicht die Zeit, auf unsere bewusste Ernährung und auf die Art, wie die Lebensmittel hergestellt werden, zu achten. Aber da ich es kann, tue ich es. »Stay clean and healthy and you allways be happy«, hat meine Großmutter immer gesagt. Und ganz ehrlich: ich finde man merkt es Menschen an: so lieblos, wie sie mit sich umgehen, gehen sie auch mit anderen um.«
Ja Hope, dachte ich, dafür bin ich ein schillerndes Beispiel, im negativen Sinn …
Nach einem frischen Orangensaft, als abschließendem Vitamin C-Booster folgte ich Lennon in sein Zimmer.
In Abwesenheit seiner Mutter wurde er plötzlich gesprächiger. Das verwunderte mich nicht. Das war der natürliche Prozess, dass die Anwesenheit der Eltern einem irgendwann blockierte, damit man sie loswerden wollte und den Schmerz vergaß, den es bedeutete, sie zu verlieren. Falls es ein Schmerz war.
»Wundert mich, dass Sie heute schon kommen. Ich dachte, unsere Zeiten wären nur am Wochenende.«
»Stimmt, so ist es geplant. Aber ich wollte mich gestern ein wenig einarbeiten, in das was du tust. Ich habe, über den »Steam-Store«, »Rome« heruntergeladen, aber es nicht zum Laufen gebracht.«
»Auf dem Laptop?«
»Ja.«
»Kein Wunder, da fehlt die Hardware. Wissen Sie was für eine Graphikkarte ihr Laptop hat?«
»Junge, ich weiß nicht mal was das ist.«
Er schüttelte den Kopf, als sei ich ein hoffnungsloser Fall.
»Mit dem Teil entstehen die hübschen Bilder auf dem Bildschirm. Ist, wie das Sehzentrum, in ihrem Gehirn. Mit ´nem Laptop können Sie eigentlich nur Online Games zocken, wenn es nicht so ein High-End-Gerät für 4000,- Dollar ist.«
»Heißt?«
»Wenn Sie mal zocken wollen, müssen Sie die High-End-Lösung nutzen, die mir die Army zur Verfügung stellt. Aber das ist aktuell nicht möglich. Während der Prüfungszeiten, wird 24 Stunden, 7 Tage die Woche aufgezeichnet, was ich tue. Sie würden mir meine Awards kaputt machen.«
»Was immer das ist.«
»Was wäre eigentlich meine Aufgabe bei euch?«
Ich brauchte einen Moment für den Themenwechsel.
»Bei uns – ach so! Die Frage musst du meinem Boss stellen«, ich nannte bewusst keinen Namen, »wenn ihr euch kennenlernt. Ich habe mit dem Kerngeschäft nichts zu tun.«
Das schien ihn nicht zu verwundern.
»Du siehst auch«, er stockte. »Ist es okay, wenn ich du sage?«
»Sicher.«
» … nicht, nach einem IT-Spezialisten aus. Eher nach einem der Söldner, in deren Rolle ich, bei den Shootern schlüpfe.«
»Das nehme ich als Kompliment.«
Lennon bestätigte das nicht.
»Und für das Wochenende?«
»Steht eine Fahrt an den Pazifik an.«
»Und wohin?«
»In die Nähe von Yachats. Mehr verrate ich nicht.«
Damit war er zufrieden.
»Okay. Willst du zusehen, wie das Spiel läuft, wenn man die passende Hardware hat?«
»Leg los! Ich bin gespannt.«

06/21 PGF

3 Kommentare

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