Indigo (11)

11.

Das Lokal war eine gute Wahl. Jeder von uns fand etwas, das ihm schmeckte. Ich entschied mich für Steak, die Frauen für Meeresfrüchte und Lennon erhielt Fingerfood mit leckeren Dips.
Die Stimmung war locker. Ich hielt mich zurück, Aline zu verärgern, in dem ich weder ihre Aufgaben oder Anwesenheit ansprach und Hope plauderte unablässig über Chancen für den Weltfrieden, Gewaltfreiheit durch vegetarische Ernährung und Lennons Zukunft, die in den Händen von Indigo-Kindern, wie ihm lag.
»Die Generation Indigo, wird ein neues Bewusstsein auf der Welt implementieren. Diese Kinder wissen um ihre Besonderheit und werden sich allen autoritären Strukturen widersetzen. Sie sind etwas ganz Besonderes.«
Das ist dann, ein spannender Start, dachte ich, für ein Indigo-Kind, wie Lennon, seine Karriere bei der Army zu beginnen, wenn das Ziel ist, sich autoritären Strukturen zu widersetzen. Aber ich sagte es nicht.
Ohne Absicht, zu diskutieren, warf ich ein: »Tragen nicht alle Kinder unsere Zukunft in sich? Ich meine, weshalb müssen einige »besonderer« sein?«
Hope reizte meine Bemerkung.
Etwas zickig gab sie zurück: »Weil auch nicht alle Blumen auf der Wiese gleich sind. Manche sind schöner, manche sind schlichter. Indigo-Kinder haben eine ganz andere Aura, indigofarben, die sie von anderen unterscheidet.«
»Sagt?«
»Nancy Ann Tappe. Sie hat diese Veränderung bemerkt?«
»Weil sie die Aura sehen konnte?«
»Ja.«
»Bei allen Kindern der Welt?«
»Ja.«
»Schon mal vom Barnum-Effekt gehört?«
Hope war irritiert.
»Ist das ein Farbeffekt.«
»Nein, Mama«, schaltete sich Lennon ein, »das ist der Effekt, dass man sich einbildet, etwas trifft auf einen zu, weil es so vage formuliert ist, dass es immer zutreffen kann. Man übernimmt es, wenn man sich wünscht, dass es zutrifft, weil damit das eigene Weltbild verstärkt wird.«
Hope betrachtete strahlend ihren Sohn.
Ich ahnte, dass sie gerade einen weiteren Beleg seiner Indigo-Identität entdeckt zu haben glaubte.
»Woher weißt du das?«
»Ich habe gegoogelt.«
Lennon warf mir einen Blick zu, der sagte »ich weiß nämlich was hier schiefläuft.«
Hope sah in die Runde.
»Seht ihr: Sie warten nicht auf Lehre. Diese Kinder lehren!«
Um die Stimmung nicht zu verderben nickte ich und schwieg.
Nachdem Dessert machten wir uns auf den Weg zum Thors Well. Das lag, mit dem Auto, noch einmal 6 Minuten südlich von Yachats und war profan gesagt, nicht mehr als ein Lock im Boden. Nur das in diesem Loch das Meer verschwand.
Wir stellten unseren Wagen auf einem nahen Parkplatz ab und gingen dann zu der großen, runden Felsenöffnung, am Rand der Felsenküste, in der das Meer, wie in einem Abfluss zu verschwinden schien.
»Wow! Sieht das cool aus!« Rief Lennon begeistert, als er die Öffnung entdeckte und rannte so nah, zu der Stelle, wie man konnte, ohne hineinzufallen.
»Pass auf!« Rief Hope besorgt.
Wir trabten hinterher.
Hope merkte ich in erster Linie die Sorge an, Lennon könnte in das gewaltige Loch fallen. Aber Aline war ebenfalls fasziniert.
»Beeindruckend.« Sagte sie. Wir blieben ein Stück zurück. »Gut ausgewählt.«
»Danke.« Erwiderte ich.
»Weiß man, wie das funktioniert?«
»Es handelt sich vermutlich, um die eingestürzte Decke einer großen Höhle, die sich darunter befindet. Das Wasser versinkt in diesem Hohlraum, der unterirdischen keinen Gegendruck bekommt. Deshalb fließt das Wasser nur ab und wird nicht nach oben gepresst. Es ist aber ein knappes Zeitfenster von zwei Stunden, ehe die Flut kommt und das Schauspiel beendet.«
Ich beobachtete Lennon, der gebremst von Hope, die Öffnung, aus jeder denkbaren Richtung begutachtete. Besser, als jede virtuelle Welt, dachte ich.
Ich bedauerte seine Generation, die mehr und mehr um ihr Erleben gebracht wurde. Die in Großstadt-Hochhäuser Wirklichkeiten nachspielte, die real zu erleben, ihr nicht mehr möglich war. Meine Kindheit war nicht so strahlend gewesen, dass ich sie jedem Kind gewünscht hätte. Aber ich hatte im Frühjahr Wälder erkundet, im Sommer Staudämme gebaut, im Herbst Beeren gesammelt und im Winter Schneeballschlachten gefochten. Ich hatte geschmeckt und gerochen und gefühlt, was Leben ist. Ich fand es sehr schön zu sehen, dass Lennon dies, in diesem Moment ebenfalls tat.
Seine Augen leuchteten.

06/21 PGF

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