Indigo (15)

15.

»Wieso trinkst du eigentlich so viel?« Fragte Lennon plötzlich, als ich, zum Nachtisch, meinen Becher erneut mit Bourbon füllte.
Ich zögerte einen Moment, wie es Menschen tun, die wissen, dass sie ein Problem haben, aber das selbst klären möchten und sich schämen, wenn sie ertappt werden.
»Findest du?« Entgegnete ich. »An so einem schönen Abend, im Wald, beim Feuer, ist ein Bourbon ein Genuss. Also, ab einem gewissen Alter.«
Ich spürte den Blick der beiden Frauen, die Lennons kritische Neugierde, wohlwollend verfolgten.
»Und, wieso ab einem gewissen Alter?«
Ich nahm den gefüllten Becher, in beide Hände.
»Mit dem Älter werden, werden die Sinne etwas stumpfer und man beginnt, an herben Genüssen Gefallen zu finden: reifem Käse, reifen Frauen, reifem Wein. Weißt du Junge, mit den Jahren werden nicht nur die Haare grau, sondern auch das Herz. Und diese bernsteinfarbene Flüssigkeit, die ist ein wenig, wie Sonnenlicht, welches die grauen Stellen überdeckt.«
»Aber trinkt man nicht, um betrunken zu werden?«
Im Feuer knackte ein Harzeinschluss und ein paar Funken stieben in den Nachthimmel.
»Das weiß ich nicht. Ich trinke, weil es, wie eine Belohnung ist. Den Tag über halte ich meine Gedanken klar und erledige, was es zu tun gibt, aber am Abend – weißt du, es entspannt mich. Ich will nicht betrunken werden. Vielleicht ein bisschen vergessen, ein bisschen leichter in den Gedanken werden. Aber nicht mehr.«
»Dafür musst du aber ganz schön viele Becher trinken.«
Er dachte nach.
»Vielleicht versteht ihr uns deshalb so wenig?«
»Wen meinst du?«
»Na, ihr Erwachsene. Ihr habt so viele Belohnungen, die ihr euch gönnt: Du den Whiskey, meine Mum manchmal ein Glas Wein, manchmal etwas was sie Prosecco nennt. Ihr schaut fern so lange ihr wollt. Ihr kocht und esst, was euch gefällt. Ihr seid am Handy, wenn ihr Lust habt und, wenn euch die Welt zu eng wird, trinkt ihr becherweise Whiskey. Wir Kinder können das nicht. Wir müssen alles nüchtern aushalten. Die Welt, also die Welt, die ihr macht und in die wir hineinwachsen müssen: ihr könnt sie, wenn ihr wollt vergessen. Aber wir müssen aushalten, alles zu sehen und zu fühlen, was schief geht.«
Okay, dachte ich, jetzt habe ich eine Idee, was Hope, mit Indigo-Kindern meint. Obwohl ich immer noch dachte, dass vermutlich alle Kinder so fühlten, wenn man sie nicht kaputt machte und indoktrinierte.
»Dafür, würde ich sagen, spielt ihr sehr viel. Das ist euer Weg zu vergessen.«
Ich nahm einen Schluck aus dem Becher. Mein Argument war Unfug, im Spiel war der Mensch unschuldig, zu spielen war nicht das Problem. Aber ich nahm es trotzdem nicht zurück.
Sehr ernst antwortete Lennon: »Wir spielen, weil wir wissen, dass unsere Zukunft keine Zukunft hat. Wir versuchen uns abzulenken, vor dem was uns erwartet.«
»Aber ihr müsst doch ein Leben leben, ehe – du weißt schon -«.
Hope sah angespannt nach Lennon.
Aline nach mir.
Langsam wurde den beiden Frauen, die Stimmung zu schwer, für einen gemütlichen Campingabend.
Aber Lennon war noch nicht fertig, mit seinen Überlegungen.
»Du meinst, ehe Ende kommt? Warum sollte ich Angst vor dem Tod haben? Das passiert! Egal was ich tue. Also stelle ich mich darauf ein. Der Tod ist nicht mein Problem. Was aus der Welt und dem Leben geworden ist, dass was ihr uns übergebt, dass worin wir zurechtkommen sollen, bis zum Ende, das macht mir Angst. Deshalb spiele ich. Im Spiel habe ich Kontrolle über die Dinge. Im Spiel kann ich mich hoch leveln und die Welt retten. Im Leben – da kann ich nur Miss Dorset, mit meinen Ergebnissen beeindrucken.«
Aline schaltete sich ein.
»So sollst du es nicht sehen. Gerade deshalb bilden wir dich doch aus, damit du die Welt zu einem besseren Platz machen kannst!«
Lennon schüttelte missmutig den Kopf.
»Indem ich Kampfeinheiten optimal steuere?«
»Nein, in dem du den Frieden verteidigst!«
»Stopp!«
Wir verstummten und sahen nach Hope, die den Befehl gegeben hatte und streng in die Runde sah.
»Ich will, dass wir das Thema wechseln. Wir haben hier einen schönen Abend beim Grillen. Ich will nicht darüber reden, ob Lennon stirbt. Er hat recht, Joe, du trinkst zu viel. Mag noch jemand Vanille-Pancakes?«
Das ist auch eine Gabe, dachte ich, immer in der Ebene bleiben und die kalten Gipfel ignorieren.
»Wenn ich dazu noch einen Becher Bourbon -.«
»Joe!« Ermahnte mich Aline.
»In Ordnung. Ist ja gut.«
Ich leerte meinen Becher ins Feuer, wo die Flüssigkeit kurz aufflammte, zischte und sich dann in einer flüchtigen, aromatischen Wolke auflöste.
Lennon nickte zufrieden.
Und ich begann die Leere und die Fragen zu fühlen, die man fühlt, wenn man sie nicht mit Bourbon hinunterspült, während das Dunkel die Welt umfängt und die Blätter im Wind zittern.

06/21 PGF

13 Kommentare

    1. Ja, fehlt mir auch noch, auf der Teststrecke.

      Ehrlich gesagt mag ich Whiskey gar nicht im Besonderen.
      Ich habe vor einem Jahr entdeckt, dass nicht jeder Whiskey nach Rauch, Torf und Teerboden schmecken muss, als ich mich überreden ließ, einen japanischen Whiskey zu kosten (genannten Nikka). Seitdem teste ich ab und an mal ein Glas. Man muss ja recherchieren … 😉

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      1. Ja, ich trinke wenn ich bei meinem Vater bin alles Querbeet, was er mal so geschenkt bekam. Zu hause habe ich immer eine Flasche bisher immer Scotch aber ich hatte mal angefangen wir meine Tante jeden Abend ein Glas Melissengeist, ein Schnapsglas Whiskey zu trinken. Da war mir der Scotch zu teuer und ich habe ich habe mir beim Discounter Burbuon für 7 € gekauft und der schmeckte mir besser als der Glenmorangie🙈. Ich bekam aber nach einiger Zeit bedenken und im Moment trinke ich praktisch gar keinen Alkohol mehr.

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