Indigo (16)

16.

Die Nacht schlief ich unruhig und schwitzend in meinem Zelt, weil meine Leber, nach dem Ausbleiben von Nachschub, endlich Zeit hatte, alte Alkoholverbindungen zu entgiften.
So war ich, vor den anderen, wach und kümmerte mich um ein Morgenfeuer, neben dem ich Waffeln warm werden ließ und Wasser für den Kaffee.
Nachdem wir alle gefrühstückt hatten, machten wir uns bereit, für die Wanderung durch die Schlucht. Jeder hatte seinen Rucksack mit etwas Proviant und Wasser für den Weg.
Die Strecke war, mit knapp acht Kilometern, nicht besonders lang, aber Weg durch den Gorge etwas tricky.
Vor uns lag ein kurzes Stück, durch den Wald, bis zu den Triple Falls, wo der Seitenarm des Columbia, über drei Stufen, sich seinen Weg bis zum Hauptstrom suchte, hier würden wir seitlich des Bachs, über einen Fußweg unseren Weg nach Norden nehmen.
Es war ein stiller Morgen. Wie immer, wenn Menschen länger in der Natur sind, ließ das Gerede nach und das Denken begann. Die Vögel zwitscherten, munter auf den Ästen und Sonnenlicht schimmerte funkelnd durch die hellen Baumkronen.
Bald, mischte sich das Vogelgezwitscher, mit dem Rauschen des Wassers, als wir die erste Felsstufe erreichten, die das Gewässer nahm
Lennon wollte unbedingt ein paar Fotos machen. Hope half ihm, immer darauf achtete, dass er nicht zu nah an den Felsrand ging abrutschte.
»Nicht so nah. Du kannst doch zoomen.« Mahnte sie immer wieder.
Worauf der Junge nur begrenzt hörte.
Auch, wenn das Gebiet zu den touristischen Attraktionen gehörte, waren wir, so früh am Morgen, noch allein auf den Wegen. Dazu kam, dass wir den Weg von oben nahmen und nicht, wie die meisten vom Parkplatz am Highway, flussaufwärts.
Vermutlich waren auch noch nicht so viele unterwegs, weil der Weg lange gesperrt war und sich noch nicht herumgesprochen hatte, dass man ihn wieder begehen konnte.
Nach etwa anderthalb Stunden erreichten wir die Upper Falls. Hier schoss ein kräftiger Flussarm über eine imposante Stufe und stürzte in ein breites Bassin, von dem aus, das Wasser wieder gemütlich weiterfloss. Ein paar andere Wanderer waren dort bereits angekommen und standen hüfthoch im Wasser.
»Wir müssen da aber nicht rein?« Erkundigte sich Lennon besorgt.
»Wir müssten nicht«, erwiderte ich schmunzelnd, »aber wir werden. Du bist ja nicht aus Zucker.«
Aline meldete sich zu Wort.
»Joe, ich glaube nicht, dass wir, bei egal wem, eine Nierenentzündung riskieren sollten.«
Zu meiner Überraschung unterstützte mich Hope.
»Ich glaube, dass das gut wird. Es ist warm. Wir können Kleider wechseln und Joe hat sicher einen Grund, weshalb wir hier, vom Wanderweg, ins Flussbett wechseln.«
Ich nickte.
»Den habe ich.«
Von den Upper Falls folgten wir dem Flussbett, manchmal trocken, manchmal bis zur Hüfte im Wasser, über zwei Stunden, bis zu den Lower Falls.
Je näher wir denen kamen, um so besser verstanden die anderen, weshalb ich den Weg hatte wechseln wollen.
Blieb man auf dem Wanderweg, lief man die Strecke parallel zum Fluss und sah jeweils von oben auf die Wasserfälle. Wechselte man hingegen ins Flussbett, folgte man dem Wasser durch eine zunehmend enger werdende Klamm, die stellenweise so eng wurde, dass man nur noch zu zweit oder dritt, nebeneinander laufen konnte. Meter hoch streckten sich die bemoosten Felswände über einen, bis hoch zum Himmel, wo die Wolken, fern vorüberzogen und sich Bäume fragend hinab in die Tiefe neigten.
Es roch frisch nach feuchtem Felsen und das Spiel, zwischen Licht und Schatten, wenn die Schlucht breiter und enger wurde, faszinierte uns alle vier.
Erschöpft, aber glücklich erreichten wir, um die Mittagszeit, einen Rastplatz, wo wir in Ruhe unseren Proviant verspeisen konnten.
Als wir gegessen hatten, meinte Lennon: »Und wir müssen tatsächlich, den ganzen, weiten Weg zurück?«
Ich nickte aufmunternd.
»Ja, aber wir nehmen den Wanderweg, der ist schneller und bequemer. Hat es dir nicht gefallen?«
Er strahlte.
»Doch, doch, das war total cool, aber die Füße tun mir trotzdem weh.«
»Die können sich heute Abend, bei Chili und Baked Beans, am Lagerfeuer erholen.«
»Das klingt gut.« Meinte er und sah einen Moment völlig zufrieden aus. Als sei er dort angelangt, wo das Leben sich, ohne Weiteres, richtig anfühlt.

06/21 PGF

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