Indigo (19)

19.

Nach einer Dreiviertelstunde beendeten wir unsere, wenig ernstgemeinte Suche und kehrten zu den Zelten zurück, damit wir rechtzeitig da waren, wenn die Forensiker eintrafen.
Als wir ankamen saß Hope völlig verheult, auf einem der Baumstämme am Feuerplatz und starrte in die fahle Asche. Sie sprang auf, als sie uns näherkommen hörte.
»Und habt ihr ihn?«
Ich überließ Aline das Kopfschütteln.
»Nein, bislang nicht. Von der Firma war niemand da?«
Hope setzte sich wieder.
»Leider nicht. Die brauchen ganz schön lange.«
Wir setzten uns zu ihr.
Plötzlich fiel mir Lennons Vater ein. Konnte er etwas damit zu haben? Da ich nicht wusste, wie nachfragen, behielt ich den Gedanken vorerst für mich und nahm mir vor, ihn im Hinterkopf zu behalten, falls wir mit anderen Ansätzen, in einer Sackgasse landete.
Der Mitarbeiter von »Ridgeline« kam pünktlich. Genau eine Stunde nach dem Anruf. Er älterer Glatzkopf, mit Brille, der einen großen, schweren Koffer bei sich trug. Der so gewichtig schien, dass der Mann sich zur Gegenseite lehnen musste, um ihn tragen zu können.
Er sah sich auf der Lichtung um und kam dann näher.
»Hallo«, begrüßte er uns. »Millard, ist mein Name. Sie haben uns angerufen?«
Ich hob die Hand.
»Ja, ich.«
»Okay, könnten sie mir kurz erklären, was vorliegt?«
Ich erzählte ihm von unserem Ausflug und schilderte ihm grob, die Hintergründe zu meiner und Alines Aufgaben. Er musste, um eine gewisse Brisanz, bei der Angelegenheit wissen.
Er verstand schnell.
»Und warum bin ich hier, statt der Army?«
»Wir wollten niederschwellig beginnen.« Merkte ich an.
Er grinste verschwörerisch.
»Sie heben sich, den großen Ärger, auf, falls ich nicht helfen kann?«
»So in der Art«, gab ich freimütig zu.
Der Mann nahm einen Schutzanzug aus dem Koffer und einige Utensilien. Dann begann er, sich den mutmaßlichen Tatort, näher anzusehen.
Es machte alles einen professionellen Eindruck. Er markierte, fotografierte, nahm Proben und ging sehr strukturiert vor. Eine Weile verschwand er im Zelt und kam mit einem Pinsel in der Hand, wieder daraus hervor. Er hielt den Pinsel hoch in die Luft hielt und tunkte in dann in ein Reagenzglas, welches er mit einer Flüssigkeit auffüllte.
Sicher eine Stunde war er beschäftigt, in der wir sinnlos herumsaßen, ehe er wieder zu uns kam.
»Für eine genaue Analyse benötige ich mehr Zeit. Aber da ich ahne, dass sie die Zeit nicht haben und ich vermute«, er sah zu Hope, »Sie sich Sorgen, um ihren Sohn machen, wäre ich ausnahmsweise bereit, zu einer unverbindlichen Ersteinschätzung.«
Ich glaube, noch nie, in der ganzen Menschheitsgeschichte, haben drei Menschen so synchron genickt.
Er schmunzelte.
»Das ist eindeutig. Also gut. Aber legen sie mich nicht fest.«
Er betrachtete uns nachdenklich.
»Ich gehe davon aus, dass Sie, in den Zelten, mit einem Gas betäubt wurden. Rückstände, lassen sich an der Zeltinnenwand feststellen.«
Ich dachte an meinen desolaten Zustand am Morgen.
»Wie? Gas? Aber!« Hope war fassungslos.
»Es erinnert mich, an das Vorgehen der Russen damals im »Dubrowka Theater«.«
»Was?«
»Das war eine Geiselnahme, in einem Theater, mitten in Moskau. Russische Spezialeinheiten haben damals Gas in das Theater geleitet und dann gestürmt. Es gab ziemlich viele Opfer, auch durch das Gas. Sie hatten vermutlich Glück, dass in den Zelten die Kumulation nicht so hoch ausfiel.«
Hope hatte Mühe sich zu beherrschen. Ihre Stimme bebte, als sie fragte: »Sie meinen, jemand hat uns betäubt, um Lennon zu entführen?«
»Ja, das wäre meine erste Einschätzung.«

06/21 PGF

6 Kommentare

  1. Puh, ja, denke jeder Leser ist bei diesen Ereignissen volle Aufmerksamkeit und sehr gespannt auf den Fortgang. Ich bin es jedenfalls 😉

    Danke für die feine Unterhaltung! Und: Ich hab dich endlich eingeholt 😉

    Wünsche dir einen schönen Abend, lieber Peter.

    Gefällt 1 Person

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