Indigo (26)

26.

Ach, sah sie elend aus!
»Die Menschen die wir lieben sind unsere Einsamkeit. Würde es sie nicht geben, würden wir nichts vermissen. Wir würden nie die Kluft zwischen der Welt und uns wahrnehmen, weil es nur dieses fremde Außen und dieses unergründliche Innen gäbe. Aber mit diesem Ich da draußen, in dem wir uns finden, welches wir lieben, beginnt die Einsamkeit und der Schmerz.«
Das hatte Beth mal zu mir gesagt.
Hope verkörperte es in diesem Moment, als sie die Tür öffnete und mit einer erschütternden Mischung aus: »Habt ihr ihn?« »Weißt du was?« »Ist er tot?« Mir in die Augen starrte.
Ich antwortete, ehe sie fragen konnte.
»Leider sind wir noch nicht weiter. Kann ich reinkommen?«
»Wo ist Aline?«
»Wir haben uns kurzfristig getrennt.«
»Sucht Sie nach ihm?«
»Bestimmt.«
Sie machte einen Schritt beiseite und ließ mich hereinkommen. Sie brachte mich ins Wohnzimmer, mit den großen Panoramafenstern. Auf dem Sofa lag ein weißer Berg Kleenex, mit denen sie ihre Tränen vergeblich getrocknet hatte.
»Joe, ich gehe kaputt, wenn ihr Lennon nicht findet.«
Das wusste ich.
»Hope, ich schwöre dir, ich gebe mein Bestes. Aber mir fehlen noch ein paar Informationen.«
»Kaffee?«
»Einen Espresso.«
Sie verschwand in der Küche. Sie wirkte, als hätte sie einen Joint geraucht.
Mit einer kleinen Tasse kam sie zurück.
»Hope, Aline hat mir erzählt, dass dein Mann bei der Navy war. Er war in Kalifornien, Del Mar stationiert.«
Sie nickte abwesend.
»Kannst du mir ein bisschen etwas davon erzählen.«
Sie wandte sich mir zu.
»Ich weiß nicht, was ich dir erzählen soll? Terry war in der Ausbildung zum Navy Seal. Der Stützpunkt war in Del Mar. Aber wir wohnten in La Jolla, der schönsten Ecke von San Diego, das sind etwa 20 Minuten. Keine Strecke mit dem Auto.«
Es war, als werfe sie einen angestrengten Blick, in eine lichtleere Kammer, in der kaum etwas zu entdecken war. Nur Umrisse.
»Es war eine gute Zeit. Unter der Woche war Terry beim Militär und ich traf mich mit meinen Freundinnen. Am Wochenende machten wir Ausflüge, oft in Richtung Torrey Pines, auch nur eine Viertelstunde von La Jolla. Wir spazierten am Strand und planten unsere Zukunft.«
»Lennon?«
»War noch nicht auf der Welt. Wir waren zwei Jahre zusammen, ehe er – du weißt schon. Damals fing Terry an sich zu verändern.«
»Als Lennon auf die Welt kam?«
»Nein, schon vorher. Als ich noch schwanger war. Ich hatte immer das Gefühl er verheimlicht mir etwas. Er stellte mir viele seltsame Fragen, als würde er eine Akte über mich und das Baby anlegen.«
Den Cyber-Solider, dachte ich.
»Und dann?«
»Lennon kam auf die Welt und ich dachte, jetzt wird alles gut. Aber das Gegenteil geschah. Terry fing sich, als Lennon drei Monate war, einen militärischen Kampfstoff ein. Wir wurden alle drei getrennt und isoliert. Das war eine schlimme Zeit. Anschließend schickte die Navy Terry auf immer neue Missionen. Mir glich man dies, durch Freizeitangebote aus. Im Nachhinein, denke ich, damit hat man mir nur Zeit mit Lennon gestohlen.«
Zu wahr, stellte ich wortlos fest.
»Und dann?«
»Als Lennon fünf war, tauchte Terry plötzlich ab. Er verschwand ohne Nachricht, ohne Info. Er war einfach weg und ließ uns im Stich.«
Sie schüttelte nachdenklich den Kopf.
»Ab dann war dein Onkel Crunchy für dich da?«
Sie sah auf.
»Du kennst ihn?«
Ich schloss die Augen.
»Er hat mich hierher geschickt, Hope. Er wollte, dass Lennon nicht länger für die Army arbeitet. Aber er hatte Sorge, dass du seine Hilfe nicht annimmst.«
Ihre Augen funkelten.
»Dieser Mistkerl hat dich also auf mich angesetzt, um mich wieder für seine Kapitalisten-Spiele zu missbrauchen.«
»Nein, Hope, eher nicht. Er wollte euch helfen. Ich habe es verbockt.«
»Und das sagst du mir jetzt? Was soll ich damit anfangen?«
Ihre Stimme brodelte.
»Das entscheidest du Hope. Ich wollte nur, dass du weißt, dass ich von Anfang an hier war, um dir und Lennon zu helfen. Es ging nie darum ihn zu rekrutieren, sondern darum, genau das zu verhindern.«
Ihr misstrauischer Blick wanderte um mein Gesicht.
»Dann bring ihn mir zurück.«

06/21 PGF

12 Kommentare zu „Indigo (26)

  1. In diesem Moment erscheint mir der Verdacht, Terry könnte was mit dem Verschwinden bzw. der Entführung von Lennon zu tun haben, glaubwürdig. Bisher war das nicht so. Es bleibt spannend 😉

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