Indigo (27)

27.

Von einem Drugstore, nahm ich mir eine Flasche Jack Daniels mit und verabschiedete mich in mein Hotelzimmer, um sie zu leeren, bis Crunchy neue Informationen für mich hatte.
Der letzte Satz von Hope lastete auf mir, wie die Schuld eines Verbrechens, welches man erfolgreich verheimlicht und dafür nicht mehr los wird.
Ich legte mich auf mein Hotelzimmerbett, leerte das erste Glas und nahm eine Handvoll Mandeln in den Mund, die mein Abendessen werden sollten. Ich war so öde im Kopf, dass ich den Fernseher anschaltete und mir ein Footballspiel der Dallas Cowboys ansah. Die beiden Mannschaften kämpften sich Yard für Yard, einmal in die eine Richtung und dann in die andere. Teilnahmslos verfolgte ich das Geschiebe, dass nicht mehr sollte, als mich auf andere Gedanken bringen.
Es stand 20 zu 13, das Spiel war im dritten Quarter, der Jack Daniels zu ¾ und die Mandeln ganz leer, als auf dem Nachttisch, neben mir, mein Handy brummte. Ich drehte mich schwerfällig hin und hätte es beinah fallen lassen. Damit ich Crunchy nicht verpasste, nahm ich den Anruf an, ohne aufs Display zu sehn.
Ich hörte, ein äußerst dünnes Flüstern.
»Joe?«
Die Stimme war zu hell für Crunchy und zu dunkel für Hope und für Aline zu freundlich.
»Ich habe nicht viel Zeit. Ich weiß nicht wann sie kommen. Joe, du musst mir helfen!«
Lennon! Es war Lennon!
»Okay, Junge, sag mir alles, was dir auffällt.«
Ich schenkte mir pathetische Reden. Was ich erfahren konnte, musste ich schnell erfahren.
»Ich kann dir nicht sagen, wo ich bin. Ich denke, in einem Keller. Es gibt keine Fenster. Licht habe ich nur von der Decke. Ich weiß nicht, wie ich aus dem Zelt kam und, wie lange ich bewusstlos war. Ab dem Moment, als ich wach wurde, habe ich 1400 Atemzüge gezählt. Ich bekam nicht gut Luft. Ich denke, es waren 15 die Minute. In dem Umkreis müsst ihr suchen. Jemand kommt! Ich muss Schluss machen.«
Bamm! Damit war das Telefonat erledigt.
Ich stand, war wach und nüchtern. Also, ich wäre es gerne gewesen. Aber der Whiskey rauschte mir durchs Blut, wie eine Krankheit, die alle Kraft raubt.
Okay, wie lange konnte man ein Kind, ohne große Probleme betäuben? Eine Stunde? Die Zahl der Atemzüge ergab wie viele Minuten? Etwas mehr als 90. Also lag der Radius, bei etwa zwei, zweieinhalb Stunden. Der Norden fiel weg, da floss träge und breit der Columbia, den hatten der oder die Entführer sicher nicht überquert. Eine ordentliche Strecke war es bis Hermiston im Osten, bis zur Küste im Westen und Eugene im Süden. Ein verflixt großes Areal, wenn um mit diesen Punkten einen Kreis malte.
Ich öffnete Maps und sah mir Regionen an, die mir einen Anhaltspunkt hätten bieten können. Es gab ernüchternd viel Wald, viele Naturparks, in denen man problemlos wochenlang abtauchen konnte.
Scheiße! Ich wusste so wenig, wie vorher. Nur das Lennon lebte, wusste ich.
Mein Handy vibrierte erneut.
Ich nahm an.
»Crunchy, ich -«.
»Wir sind am Meer. Sie haben gesagt, sie bringen mich bald zum Leuchtturm. Ich –.«
Die Verbindung verstummte wieder.
Ich schnaufte und strich mir das Haar aus der Stirn.
Okay, sie waren mit ihm also nach Westen unterwegs. Ob es der Columbia war? Der rauschte auch. Aber Leuchtturm sprach nicht für einen Fluss.
Ich begann in »Maps« die Küste Oregons nach Leuchttürmen abzusuchen.
Es dauerte zehn Minuten bis ich den »Tillamook Rock Leuchtturm« fand. Der lag vor Cannon Beach. Es war das einzige relevante Gebäude dieser Art und – es war leerstehend, seit 1999 befand es sich im Privatbesitz.
Was sie da draußen, etwas mehr als eine Meile vor der Küste, mit Lennon wollten war mir nicht ganz klar. Aber, als Versteck, war das keine schlechte Wahl. Ohne Hinweis wäre es schwer gewesen, auf diesen Platz zu kommen.
Jetzt musste ich nur noch eine Frage lösen: Machte ich mich allein auf den Weg oder sollte ich Aline informieren? Verdient hätte sie, dass ich sie einfach zurückließ. Aber, wie würde ich mich vor Hope rechtfertigen, wenn ich einen Alleingang startete und es schief ging?
Ich nahm mein Handy und suchte Aline in meinen Kontakten.

06/21 PGF

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