Indigo (30)

30.

Tatsächlich blieben uns zwischen Check-In und Check-Out nicht mal drei Stunden Schlaf. Wir mussten uns ein Bett teilen, in dem aber keiner von uns beiden, auf andere Gedanken kam, als es zur Erholung zu nutzen.
Sobald der Wecker klingelte, machten wir uns auf den Weg zum »Sea Ranch Resort.«
Der Besitzer, Bill Taylor, war ein freundlicher Fünfziger, mit Bürstenhaarschnitt und dickem Bauch, der die Ranch erst vor einem Jahr eröffnet hatte.
Zuerst war er enttäuscht, dass wir keine weiteren Gäste waren. Aktuell sei noch nicht viel los.
Dann war er nicht bereit, uns über bisherige Gäste Auskunft zu erteilen. Aber, als Aline mit ihrer Marke wedelte, änderte er seine Meinung und erzählte uns doch, was wir wissen wollten.
»Ja, da waren zwei Männer. Russen? Kann sein. Ihr Dialekt war unauffällig.«
»Hatten sie ein Kind bei sich? Einen Teenager?«
»Nicht, dass ich wüsste. Wissen Sie, das ist ein großes Areal. Ich kontrolliere nicht ständig, wer, was wo tut. Mir ist wichtig, dass die Ruhezeiten eingehalten werden. Dass die Gäste keinen Blödsinn mit Feuer und den Abfällen machen; und nicht zu Viert in einem Zelt für Zwei schlafen. Alles andere kann ich nicht überwachen.«
»Und die beiden Männer haben gestern wieder ausgecheckt.«
»Ja, sie waren spät dran. Normal ist Check-Out um 11.00. Aber sie meinten sie bräuchten noch Zeit und würden mir den ganzen Tag zahlen. Da ich niemand hatte, der auf das Häuschen wartete, stimmte ich zu.«
»Was waren das für die Typen?«
Hakte Aline nach. Ich überließ ihr das Reden. Sie hatte die Marke.
»Nun, ich bin kein Profiler. Sie sagten sie wären Krabbenfischer und würden sich eine Auszeit nach der Saison gönnen. Jedenfalls zwei wuchtige Typen, mit denen ich nicht unbedingt Ärger suchen würde. Freundlich waren sie trotzdem. Im Nachhinein und, wenn sie so fragen, würde ich sagen, die haben sich sehr bemüht, trotz ihrer Erscheinung, keinen schlechten Eindruck zu machen.«
»Im Sinn von »ja nicht auffallen«?«
»Könnte man sagen.«
»Hatten sie viel Gepäck?«
»Nein, aber einen schwarzen Van, mit viel Stauraum. Vielleicht haben sie das meist da drin gelassen. Ich habe mich so und so gewundert, weshalb sie meine teuerste Hütte mieten und nicht im Wagen schlafen. Eine Matratze lag drin. Das habe ich gesehen.«
»Okay, Mister Taylor. Das hilft uns. Vielen Dank.«
Aline sah mich an, damit ich meine Fragen stellen konnte, falls ich welche hatte. Aber sie hatte alles erfragt, was mir wichtig schien.
Wir gingen zurück zu ihrem Wagen.
»Weißt du Aline, eine Sache wundert mich noch, bei den Kidnappern.«
»Und die wäre?«
»Warum verlieren sie Zeit für diesem Ausflug? Warum wollen sie auf die Insel, mit dem Leuchtturm? Es wäre doch viel klüger, so schnell, wie möglich, das Land zu verlassen.«
Aline sah zur Seite, eine Reaktion, die ich bereits kannte.
Deshalb wartete ich nicht ab.
»Was ist?«
Sie zögerte und erinnerte sich vermutlich, dass sie mir etwas schuldig war, dafür, dass ich sie letzte Nacht informiert hatte und nicht allein losgezogen war.
»Eines habe ich dir noch nicht gesagt.«
»Das wäre?«
»Wir können Lennon tracken.«
»Ihr könnt was? Warum? Scheiße! Warum hast du nichts gesagt?«
»Weil du dir unbedingt in den Kopf gesetzt hast, ihn selbst zu suchen und Hope mich gekillt hätte, hätte ich ihr das verraten. Die Täter wissen vermutlich, dass Lennon einen Sender an sich hat und schirmen ihn ab, damit wir ihn nicht orten können.«
»Aber – warum sollten sie das tun. So ein Sender ist leicht zu finden. Wenn wir unnötig Zeit verlieren, haben sie den Sender und wir verlieren endgültig Lennons Spur.«
Ich merkte, dass es ihr schwerfiel, die Wahrheit zu sagen.
»Das wird nicht so leicht für sie.«
»Was?«
»Den Sender loswerden.«
»Weil?«
»Der Sender auf der Knocheninnenseite von Lennons Schädels ist. Er ist nicht leicht auszubauen. Du brauchst einen Neurochirurgen, um ihn zu finden und entnehmen. Aktuell schirmen sie ihn ab. Bis sie dafür eine Lösung haben.«
»Wann habt ihr das gemacht?«
»Lennon war 5. Hope ließen wir glauben, er hätte ein Lipom am Hinterkopf, dass besser entfernt werden soll.«
»War das der Schritt, der zu viel, für Lennons Dad, war?«
Aline hob kurz die Schulter und ließ sie fallen.
»Ja, Joe, das könnte sein.«

06/21 PGF

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