Indigo (33)

33.

Der Sommer ging zur Neige und während, wenige Tage zuvor noch, als wir den »Thors Well« besucht hatten, das Meer am Nachmittag friedlich, wie ein Spiegel unter dem blauen Himmel gelegen hatte, begann nun, mit der Dämmerung, ein unruhiges, zweifelndes Wellenspiel, welches suchend nach der Küste griff.
Wir standen bereits auf dem Deck von Melvilles Boot und zogen unsere Neopren-Anzüge an. Sie sollten den Sprung ins kalte Meer einigermaßen verträglich machen. Neben uns lagen, zwei Schwimm-Bojen, die uns helfen sollten, den Kopf über Wasser zu halten, wenn die Brandung an den Felsen zu stark war oder die Strömung uns wegzutreiben drohte.
»So hält sich, der Eigentümer, die Leute von seiner Insel. Er nimmt den Hubschrauber, wenn er rüber will. Mit dem Schiff sehe ich selten jemand rüberfahren. Außer, um aus der Distanz ein paar Fotos zu machen.
Melvilles Schiff hieß »Moby Dick«. »Damit«, erklärte uns, unser Kapitän, »vollende ich, den bescheuerten Spaß, den mein Vater sich gemacht hat, als er mich Ismael taufen ließ.«
Ja, dachte ich, Dad´s und ihre Visionen für die Söhne.
Während wir die Reißverschlüsse unserer Schwimmkleidung zuzogen, setzte sich das Schiff langsam in Bewegung.
Es hatte ordentlich damit zu tun, sich von der Küste, seinen Weg ins offene Meer zu bahnen und sprang mit dem Kiel trotzig, gegen die anlaufenden Wellen.
Melville stand ungerührt in seinem Führerhaus und sah zum Horizont, als bedeute, ihn zu erreichen, alle Rätsel des Lebens zu lösen.
Ich ging zu ihm ins Bootshaus und rief ihm, durch das Knattern des Schiffmotors hindurch, entgegen: »Sie müssen den Motor und das Licht, ein Stück vor der Insel ausschalten. Wir müssen lautlos auf die Insel zutreiben.«
Er schüttelte den Kopf.
»Das geht nicht. Dann treiben wir ab. Ich muss schon darauf zu halten.«
Ich gab nicht nach.
»Dann erhöhen Sie das Tempo, wie bei einer Mondrakete, die ihren Schwung auch bereits auf der Erde nimmt.«
Er winkte ab.
»Wie Sie wollen. Aber es ist ihr Problem, wenn sie ein Stück weiter schwimmen müssen. Ohne Motorkraft kann ich mein Schiff nicht eng an die Küste heran schippern.«
»Das ist okay. Wichtiger ist: ohne Laut und Licht.«
Wir waren keine zwanzig Minuten auf dem Wasser, als der Leuchtturm und die Insel deutlich in unser Blickfeld rückten.
Melville gab noch einmal Vollgas, was aber kaum hörbar war, weil der Wind und das Meeresrauschen deutlich zugenommen hatten. Dann löschte er das Licht und wir trieben auf etwa 15 Meter an die Felsenküste heran.
Der Skipper hatte das gut gemacht. Er hatte auf den östlichen Pol des Eilandes zugehalten und auch, wenn uns das Meer nach Westen trieb, waren wir weit genug vorwärts genommen, um ausreichend nah dem westlichen Pol der Insel zu kommen.
»Jetzt!« Rief er uns zu und wir sprangen.
Das Neopren hielt mir das kalte Meer von der Haut, aber im Gesicht erwischte es mich trotzdem und machte mich hellwach.
Ich sah nach Aline, die neben mir war, nickte ihr zu, in der Hoffnung, sie sah es im Dunkel und schob dann meine Schwimm-Boje vor mich, während ich mit den Beinen zu paddeln begann.
Das Meer tost. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, die Strömung wäre stärker, als wir und könnte uns aufs offene Meer treiben. Aber, als ich meinen Beinschlag erhöhte, merkte ich, dass ich mich gegen den Wellengang würde durchsetzen können.
Wir waren keine fünf Minuten im Meer, aber die Brandung und die Angst, es nicht zu schaffen, ließen die Zeit viel länger wirken. Aline kam besser durch als ich und legte ihre Hand, noch vor mir an den Felsen.
In diesem Moment startete Melville den Motor des Bootes und das Knattern des Schiffes wurde vom Wind zur Insel getragen.
Wir hatten es eben geschafft, uns auf die Felsenküste zu hieven, als über uns, etwa zwanzig Meter entfernt, dort wo der Leuchtturm stand, sich eine Tür öffnete und eine Taschenlampe in den Abend bohrte.
Ich hörte: »Yest´ li kto-nibud?«
Die Taschenlampe machte einen Schwenk.
Dann folgte: »Net nikogo. Lodka v nochi.«
Die Tür schloss sich wieder.
Wie Schatten lagen Aline und ich, in unseren schwarzen Neopren-Anzügen auf den Felsen und schnauften durch.

07/21 PGF

6 Kommentare zu „Indigo (33)

  1. Puh, alles lief wie ein Film vor meinem inneren Auge ab, ein äußerst spannender Film!
    Und diese Wendung zerging mir quasi auf der Zunge: … begann nun, mit der Dämmerung, ein unruhiges, zweifelndes Wellenspiel, welches suchend nach der Küste griff.

    Gefällt 1 Person

      1. Ja, kann ich nachvollziehen, dass das für den Schreiber nicht immer so ganz einfach ist abzuschätzen, was wie beim Leser ankommt.
        Hier scheint es mir absolut ausgeglichen ⚖️

        Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu Marion Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.