Indigo (35)

35.

Natürlich durften wir, durch ein unüberlegtes Vorgehen, Lennon nicht gefährden. Auch, wenn wir die Fronttür nehmen mussten, wollten wir so leise und behutsam vorgehen, wie möglich. Aber manchmal – und das ist gar nicht von Schaden – nimmt das Leben die Planung in die Hand und was wir uns vorher ausgedacht haben, fällt wie ein Tropfen ins Meer.
Ich war schon vor der Tür postiert und Aline seitlich davon und war kurz davor mich dem Schloss zu widmen, als ohne ein Geräusch zum Vorlauf, die Tür vor mir aufschwang und entweder Dimitri Kovalenko und Viktor Smolov, ich konnte mir komplizierte Namen nicht merken, vor mir stand.
Wir waren beide verdutzt, aber während ich eine geladene Waffe schussbereit hatte, hatte der Russe zwei Eimer Abfall in der Hand, die er vermutlich im Meer entsorgen wollte.
Ich machte eine kleine Bewegung rückwärts, hob die Pistole und zielte auf seine Stirn, während ich warnte: »Keinen Laut!«
Sein Blick verriet, dass ihm meine Drohung vermutlich egal gewesen wäre – und ich hätte vermutlich auch nicht geschossen – aber ehe das zum weiteren Thema werden konnte, schlug Aline, den Russen, ehe er sie überhaupt bemerkt hatte, von hinten nieder.
Der Russe taumelte, ließ die Eimer fallen, die ihren Inhalt über den betonierten Boden verteilten und brach dann zusammen.
»Los! Schnell rein! Wir schnappen uns den Zweiten.«
Forderte Aline und wartete nicht.
Sie ging, vor mir, durch die Tür. Die Pistole im Anschlag und ich folgte ihr, ohne nach dem Niedergeschlagenen zu sehen.
Auf einen kurzen Flur, folgte ein großer Raum, am ehesten ein Gemeinschaftsraum, der in weitere kleinere Räume Türen bot und einen Treppenaufgang. In dem Raum, den wir betraten, war ein Kaminofen, neben dem barfuß, mit hoch gelegten Beinen, ein Mann saß und in einem Buch schmökerte.
Aline wartete nicht ab. Sie zielte auf ihn und schrie: »Wo habt ihr ihn?«
Der Mann machte ein überraschtes Gesicht, dass nahm ihm etwas vom Bedrohlichen, dass sonst seine Züge zeichnete. Er war ein echter Koloss. Sein Blick verriet, dass er zwei Gedanken hatte: Wo ist mein Kollege? Wie töte ich die beiden?
»Los Hände hoch!« Schrie Aline erneut. »Wo ist Lennon?«
»Ich kenne, keinen Lennon.« Erklärte der Russe in gebrochenem Englisch. »Mein Name ist Dimitri. Ich mache hier Urlaub. Mit einem Freund – wo ist er? Was habt ihr, mit ihm gemacht?«
Aline redete nicht um den heißen Brei.
»Der liegt draußen. Wo ist der Junge?«
Ich hätte es ahnen müssen! Ich hätte, als der erste Russe mit Abfalleimern durch die Tür kam, ahnen müssen, dass das alles zu leicht ging. Spätestens, mit Dimitri am Ofen, hätte mir klar sein müssen, dass Profis nicht so unvorsichtig sind. Aber wer denkt schon nach, wenn alles seinen Weg zu gehen scheint.
Statt Dimitri, beantwortete ein anderer Mann, Alines Frage. Er erschien in diesem Moment, am oberen Absatz der Treppe, die in den zweiten Stock führte. In der Hand hielt er eine Pistole den Finger am Abzug.
»Entschuldigen Sie die Störung. Sie meinen diesen Jungen?«
Neben ihm stand Lennon.
Der Mann hatte seinen Arm entspannt auf Lennons Schultern liegen. Mit der Waffe zielt er, im Moment auf niemand, aber sein Blick sagte ganz klar: Einen von euch drei erschieße ich, wenn die Lady nicht augenblicklich die Waffe sinken lässt.
Das verstand auch Aline.
Sie hörte auf, auf den Russen am Ofen zu zielen.

07/21 PGF

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