Indigo (38)

38.

Da ich ungestört, mit Lennon sprechen wollte, die Russen aber Wert darauflegten, dass ich keine Dummheiten machte, mussten wir uns auf das Dach, der unteren beiden Stockwerke begeben. Dorthin, wo sich der Aufstieg, in den Leuchtturm befand.
Gut möglich, dass ich die zwei Etagen hätte springen können, für Lennon waren sie definitiv zu hoch, wenn er überhaupt gewollt hätte.
Oben auf dem Dach wehte ein kräftiger Wind von Osten. Das Meer war aufgewühlt und brauste unentwegt gegen die kleine Küste, der Insel, so, als wolle es sie, mit einem nächsten Bissen verschlingen.
Über uns funkelten, an einem klaren Himmel, unzählige Sterne, wie ein Sinnbild der Unendlichkeit, um uns, über unsere kleinen, bedeutungslosen Leben hinweg zu trösten.
Lennon wirkte distanziert, als habe ich etwas falsch gemacht und noch nicht verstanden.
Ich versuchte einen Anfang zu finden.
Wie immer probierte ich es, mit Ehrlichkeit.
»Lennon, du weißt schon, dass die Leute da drin, auch nicht zu den Guten gehören. Ich meine die russische Regierung, macht wenig Aufhebens, wenn sie Gegner zur Strecke bringt. Selbst, wenn diese sich im Ausland befinden.«
Er zuckte mit den Schultern.
»Aber sie haben meinen Papa bei sich und ihm geht es gut.«
»Bist du dir da wirklich sicher?«
Er nickte.
Ich spürte, dass er noch etwas sagen wollte, deshalb sprach ich nicht weiter.
Das tat er.
»Du hättest Aline nicht mitbringen sollen. Ich habe extra dich angerufen und nicht sie. Ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben.«
Etwas vage erwiderte ich.
»Sie macht nur ihren Job.«
»Ja und der ist, mich zu einer Killermaschine abzurichten.«
»Du weißt nicht, was die Russen vorhaben.«
Er sah mich vorwurfsvoll an.
»Denkst du wirklich, dass ich nicht weiß, dass sie mich genauso benutzen wollen?«
Ich verneinte.
»Gut! Weil – Joe: Ich will nur meine Familie. Ich will denen nicht helfen und Aline nicht und nicht mal dir. Nur, dass ich bei dir das Gefühl habe, dass das, aus irgendeinem Grund okay bist.«
Ich ließ ihn weiterreden.
»Sie haben auch noch etwas mit mir vor. Heute Abend noch, wenn der Sender deaktiviert ist. Etwas, dass die Sicherheitskräfte ablenken soll, damit wir es leichter haben, über das Meer Richtung Alaska zu kommen und von dort, über das Beringmeer nach Russland.«
»Und warum ist es okay, dass sie dich benutzen?«
»Weil sie es mir sagen und ich weiß, was Spiel und was Realität ist.«
Ich war irritiert.
»Was willst du damit andeuten?«
Er senkte den Kopf. Plötzlich sah er sehr klein aus, sehr verlassen und verloren zwischen Sternen und Meer.
»In den letzten Wochen, war eine der Aufgaben, die Aline mir gestellt hat, keine Mission in einem Spiel. Ich habe eine reale Drohne geflogen und ein reales Ziel ausgeschaltet. Das wusste ich, in dem Moment nicht. Ich dachte, es wäre ein Teil des Spiels.«
Er hatte Mühe weiterzusprechen.
»Sie sagte später, das gehöre zum Training, damit wir kein schlechtes Gewissen hätten, wenn wir wirklich im Einsatz sind. Sie sagte, dass wir nicht für die Realität der Mission verantwortlich wären, sondern nur für ihre effektive Erledigung.«
Er schüttelte langsam den Kopf.
»Die Russen sagen mir zumindest, dass ich etwas reales tue.«
Ich sah hinaus in die Dunkelheit, unter der das Meer unheilvoll rauschte.
»Okay Lennon, ich helfe dir. Du hast mein Wort. Aber du musst mir, wenn es darauf ankommt, vertrauen, dass ich alles in deinem Sinn tue und mit dem Ziel, dass du mir gerade genannt hast.«
Er betrachtete mich misstrauisch.
»Was hast du vor?«
»Vertraue mir! Das erfährst du, sobald es so weit ist.«
Hinter uns öffnete sich die Tür.
Einer der Russen rief gegen den Wind: »He! Kommt rein! Die 20 Minuten sind vorbei.«

07/21 PGF

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