Indigo (42)

42.

Wir verließen den Sockel des Leuchtturms. Lennon ging dicht neben mir.
»Was hast du vor?« wollte er wissen.
»Komm jetzt.« Drängte ich und führte ihn zu den Treppen, die auf den unteren Teil der Insel führten.
»Was wird aus Aline?«
»Darüber mache ich mir später Gedanken. Du musst jetzt laufen, Lennon. Wir haben nicht viel Zeit.«
Wir erreichten den oberen Treppenabsatz.
»Da runter. Schnell!«
Ich gab das Tempo vor. Ich wollte mir nicht ausmalen, welche Mittel Georgi anwenden würde, um Aline zum Reden zu bringen. Aber, das war auch egal, da keines wirksam sein würde.
Wir erreichten die Mitte der Treppe und hatten noch etwa 50 Stufen vor uns. Da entdeckte ich, in der diesigen Morgenluft, die über dem Meer lag, Melvilles Fischkutter. Der langsam heranschipperte und ein Beiboot, neben sich führte.
Bingo! Auf den Mann war Verlass.
Wir erreichten den Fuß der Treppen, als ich über uns Schreie hörte. Der Wind verstrich die Worte, wie ein kleines Kind, mit dem Finger Farben.
Okay, jetzt wurde es tricky.
Ich packte Lennon an der Hand.
»Lauf Junge! Wir müssen rennen, um das Boot da zu erreichen.«
Er stürmte mit mir los.
Während wir auf die Küstenkante zu rannten, winkte ich, mit meiner freien Hand, damit Melville nicht auf dumme Gedanken kam.
Hinter uns vermischten sich wieder Stimmen, mit dem Wind und dem Wellenrauschen des Meeres.
Jetzt begann der Teil, der mir die ganze Nacht über die meiste Sorge gemacht hatte: Wie sollten wir zurück auf das Boot kommen, ohne ins Meer springen zu müssen?
Jetzt begriff ich, dass Melville sein Geld wert war: Mit einem Manöver nach Backbord, drehte er den Kutter, damit bekam das Beiboot, dass an einer Kette hing, einen Schwung, mit dem es genau zwischen zwei Klippen manövriert wurde, zwischen die es nun langsam einlief.
Ich packte Lennon am Arm.
»Schnell, wir müssen zum Boot!«
Er sperrte sich.
»Aber ich will nicht! Ich will zu meinem Dad!«
»Da kommst du hin!«
»Du hast gesagt -«. Protestierte er.
»Und du versprochen, mir zu vertrauen.«
Er gab nach.
Wir erreichten das Beiboot, im Moment, als es mit dem Kiel gegen die Felsen schlug. Ich hob Lennon hoch, setzte ihn ins Boot und sprang nach.
Melville sah irritiert zu uns herüber, als würde er gerade denken: »Eigentlich wollte ich euch nur nasse Füße ersparen, aber soll das jetzt eine Kindesentführung werden?«
Ich winkte ihm zu, dass er sein Boot in Gang bringen sollte. Für meinen Geschmack, viel zu langsam, tat er das.
Schnell wandte ich mich um, um das Beiboot von den Felsen wegzuschieben, damit es, im Schlepptau, Kurs auf das offene Meer nehmen konnte.
Als ich mich umwandte, blickte ich in die zornigen Gesichter, der heranstürmenden drei Russen. Georgi hatte eine Pistole in der Hand, aber er zielte nicht. Stattdessen breitete er die Arme aus, um die beiden Männer neben sich, zum Bremsen zu bringen.
Ich hörte, wie er rief: »Wartet! Zurück zum Boot! Die holen wir uns!«
Dann sah ich östlich von uns, das Schnellboot, mit dem Georgi zur Insel gekommen war. Verglichen mit Melvilles Kutter war es, als würden wir mit einem Fahrrad, vor einem Porsche fliehen wollen.

07/21 PGF

2 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.