Indigo (43)

43.

Melvilles Boot zog uns vor der Küste weg und brachte uns ein gutes Stück in Distanz zu unseren Verfolgern.
Als der Kutter in einer Linie, mit dem Beiboot lag, startete Melville die elektrische Seilwinde und zog uns heran.
Er sah zu uns herab, als hätte sich in seinem Netz plötzlich eine Meerjungfrau verfangen.
Trotzdem ließ er uns zu sich in den Kutter steigen und zog das Beiboot hoch in seine Verankerung.
»Wenn es hier um Kindesentführung oder sonst was Perverses geht, reicht nicht mal der doppelte Preis.«
Ich schüttelte den Kopf und merkte erst jetzt, wie nass meine Haare durch die Gischt geworden waren.
»Hören Sie Melville nichts Perverses, aber etwas Kompliziertes, wenn ich Sie bitten dürfte, einfach loszufahren, die Männer die gerade über die Insel gerast sind, wollen sich den Jungen schnappen.«
»Und, wo ist die Frau?«
»Noch auf der Insel, wir retten Sie später.«
Im Moment, fand ich Halbwahrheiten ausreichend.
»Hören Sie! Fahren Sie los! Sie bekommen den doppelten Preis.«
Er murrte.
Dann war das Geräusch eines weiteren Bootes zu hören.
»Da kommen Ihre Freunde. Die sind schnell. Was soll ich tun?«
»Sie kennen die Geschichte der Barke »Lupatia«?«
»Natürlich. Die kennt hier jeder.«
»Kennen Sie die Stelle?«
»Klar.«
»Und Sie kommen da durch.«
»Beinah jeden Tag.«
»Dann los!«
Melville setzte sein Boot in Gang und ich sah nach hinten, wo der Abstand auf die Russen sekündlich kleiner wurde.
Die »Lupatia« war ein kleines Schiff, mit etwas mehr als einem Dutzend Matrosen, welches in einem Winter der 80er, des 19.Jahrhunderts, kurz vor den Abschlussarbeiten des Tillamook Leuchtturms, der Insel, mit ihren vielen vorgelagerten Klippen, viel zu nah gekommen war. Bei schlechtem Wetter, hatte die Besatzung die Gefahr nicht geahnt. Deshalb hatten die Arbeiter auf der Insel, sie in einer verzweifelten Aktion zu warnen versucht. Das Schiff drehte ab und in der darauffolgenden Nacht, wuchs die Hoffnung, dass man gerade noch rechtzeitig reagiert hatte. Aber am nächsten Morgen, wurde, eine Leiche nach der anderen, an die Felsenküste der Insel gespült: die gesamte Besatzung, alle waren tot.
Georgi und die beiden anderen waren mir, zu sehr, ans Herz gewachsen, als dass ich ihnen ein ähnliches Schicksal gewünscht hätte; aber loswerden wollte ich sie, in jedem Fall.
Für mich sah das Meer, um die Leuchtturminsel an allen Stellen gleich aus: es lag in unruhigen, grauen Wellen.
Melville schien darauf zu blicken, wie ein Botaniker auf eine Wiese, auf der er jede Pflanze erkennt.
Die Russen mit ihrem Schnellboot waren mittlerweile so nah hinter uns, dass ich schon ihre Gesichter und den Zorn darin erkennen konnte, als Melville unseren Kutter einen Moment verlangsamte, als würde er das Schiff, wie einen Faden durch ein Öhr ziehen.
Ich hörte Viktor triumphieren: »Sie geben auf. Jetzt haben wir sie.«
Aber im nächsten Moment gab Melville Gas und zog mit seinem Boot ein kleines Stück davon, während das Schnellboot, mit einem krachenden, kreischenden Geräusch, eine Felsspitze rammte, die nur sekundenweise aus den Wellen ragte und dann wieder darin versank.
Im Schnellboot hinter uns gab es Geschrei. Ich befürchtete, dass sie jetzt auf uns schießen würde und drückte Lennon zu Boden.
Zu meinem Schrecken, verloren die Russen aber gar nicht an Geschwindigkeit, sondern rutschten viel schneller, durch die Engstelle, als wir.
Ich machte mich bereit für die Prügel, die mir die Russen verabreichen würden.
Aber dann kippte das Schnellboot. Wasser drang, in hoher Geschwindigkeit, in den geborstenen Schiffsrumpf und bremste es aus.
Melvilles »Moby Dick« zog davon und nach wenigen Minuten hatten wir einen sicheren Abstand. Auf das Drängen unseres Kapitäns hin, ließ ich das Beiboot zu Wasser, damit die Russen sich damit retten konnten.
Dann nahmen wir Kurs, an die Küste von »Cannon Beach«.

07/21 PGF

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