Indigo (50)

50.

Der Kaffee war gut, nicht zu bitter, nicht zu sauer, aber kräftig. Er würde mich wach machen und das war nach den drei Nächten mit wenig Schlaf, dass worauf es ankam.
Hinter mir ging die Tür auf und ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer hereinkam. Die Frau hinter der Theke sah kurz auf, nickte dem Hereinkommenden entgegen und konzentrierte sich wieder darauf, die Einsätze der Kaffeemaschine zu säubern.
Der Hocker, neben mir an der Theke, rückte ein Stück zurück. Crunchy setzte sich.
»Hat das einen bestimmten Grund, dass es dieses kleine Kaff, im letzten Winkel von Oregon, sein muss?« Fragte er.
Die Bedienung kam.
»Sir?«
»Orangensaft, Kaffee und zwei Schinkenkäse-Toasts.«
Sie wandte sich ab, um sich an die Arbeit zu machen. Es war eine philosophische Frage, ob sie die Kaffeemaschine dafür sauber gemacht hatte oder unnützer Weise, weil jetzt alles wieder von vorne anfing.
Ich nahm noch einen Schluck Kaffee, schluckte ihn langsam und drehte mich zu Crunchy.
»Sind sie in Sicherheit?«
»Ich denke schon. Sie sind jetzt in Frankfurt.«
»Deutschland?«
»Ja. Seit dem kalten Krieg, ein guter Platz für russisch-amerikanische Austauschprogramme.«
»Also hat Lennon seinen Vater erreicht?«
»Hat er und der hat versprochen zu kommen.«
Crunchy bekam sein Frühstück. Er biss in einen der Toasts.
»Und Hope?«
»Weiß, wie immer, nicht was sie will. Aber – auch, wie immer – versucht sie das zu tun, was für Lennon das Beste ist.«
»Gut.«
Ein seltenes Gefühl von Zufriedenheit, stellte sich in mir ein. So ein Gefühl, wie man es hat, wenn man sicher weiß, dass man sein Möglichstes getan hat.
»Wusste gar nicht, dass du Auto fahren kannst.« Bemerkte Crunchy.
»Wenn ich mich nicht an Verkehrsregeln halten muss, geht das schon.«
Ich trank meine Tasse leer.
»Du bist mir was schuldig.«
»Du hast mich eine ganze Menge Geld gekostet, allein dieser Walfischmann.«
»Melville?«
»Ja. Mann! Was hast du dem versprochen?«
»Er war sein Geld wert.«
Wir schwiegen in unsere Tassen.
»Crunchy, ich glaube, es ist besser, wenn ich eine Weile abtauche.«
Er nickte.
»Vermutlich, auch, wenn sie nicht gegen dich ermitteln werden. Niemand hat Lust, bei einer Verhandlung, deine Informationen zum Programm Cyber-Soldier zu diskutieren. Das rettet dich.«
»Darauf habe ich gehofft.«
Crunchy machte eine seiner noch-was-anderes-Pausen.
Ich wartete.
Bemüht beiläufig sagte er: »Beth hat sich gemeldet.«
Ich sah auf.
Mein Herz pochte.
Ich wartete.
»Sie hat nach dir gefragt. Ich denke, sie wäre froh, wenn ihr euch trefft.«
»Geht es ihr gut?«
»Ich denke. Wir haben uns eine Weile unterhalten.«
»Schieß los!«
»Sie meinte, wenn ich dich das nächste Mal sehe, soll ich dir sagen, wo sie ist.«
Ich dachte nach.
»Passt das zu »abtauchen« oder bringe ich sie in Gefahr?«
Crunchy schüttelte den Kopf.
»Nein, das passt eigentlich perfekt.«
Mein Herz wummerte, unvernünftig, wie ein Herz wummert, ehe man einen Bungeesprung macht oder sich in einen Käfig setzt, um mal mit Haien zu tauchen.
»Dann würde ich gerne wissen wo sie ist.«
»Warte, ich schreibe dir ihre Adresse auf.«

Ende

07/21 PGF

22 Kommentare zu „Indigo (50)

    1. Liebe Ariana, herzlichen Dank. Es hat auch Spaß gemacht sie zu erzählen. Ich habe mich sehr gefreut, dass du der Geschichte gefolgt bist. Irgendwann wird auch noch enthüllt, was es mit Beth auf sich hat.
      Dazu ein anderes mal mehr.
      Schönen Abend 🙂
      Peter

      Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank! Das Vergnügen war ganz meinerseits.
      Ich denke schon länger, dass es nicht darauf ankommt, wie viele, die eigenen Texte lesen, sondern wer es ist. Bei „Indigo“ habe ich es, nicht nur gedacht, sondern auch empfunden, dass die Zahl an Likes und Besuchern, irrelevant ist.
      Herzlichen Dank für dein geschätztes Urteil!
      Peter

      Gefällt 2 Personen

  1. Lieber Peter

    Für mich war es eine großartige, teils rasante, sehr gut erzählte, kurzweilige, immer wieder sehr sehr spannende Story, die ich genossen habe mitzuverfolgen. Wie so ein abendliches Leckerli statt Schokolade an manchen Abenden 😉

    Du hast das eine oder andere Mal Wendungen gebraucht, die mich erstaunt haben, innehalten ließen, ich mir ein zweites Mal auf der Zunge zergehen ließ… Feine Arbeit. Danke fürs Teilen hier.

    Herzliche Grüße
    Marion

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Marion, ein sehr schöner Scholoden-Vergleich 🙂

      Ich bedanke mich: fürs Folgen und Kommentieren und Wendungen mitgehen (die kannst du mir gerne mal mitteilen).

      Ich habe sehr gerne geteilt, aber eigentlich mehr empfangen 🙂

      Dir einen schönen Abend
      Peter

      Gefällt mir

      1. Glaub die speziellen Wendungen, die ich überraschend und trefflich fein formuliert fand, hab ich fast jedes Mal in den Kommentaren erwähnt, bis auf einmal vielleicht, wo mir direkt nach dem Lesen was dazwischen kam und ich es zu erwähnen vergaß.

        Gefällt 1 Person

      2. Da haben wir uns missverstanden, lieber Peter.
        Ich meinte „Wendungen“ im Sinne von Redewendungen bzw. lautmalerischen Begriffen, die mich erstaunt haben und richtig gut waren. Und die hab ich bis auf einmal jedes Mal im Kommentar erwähnt, wenn mir sowas auffiel.

        Gefällt 1 Person

    1. Ach! Da möchte ich am liebsten schreiben: klar, mache ich!
      Aber die Hürden sind nicht weniger geworden …
      Demnächst schreibe ich noch etwas ausführlicher dazu, aber dir verrate ich vorher schon ein bisschen 😉 :
      Am Ende werden/sollen es 6 Geschichten sein, in denen Joe die Hauptrolle spielt.
      Die 6. (vielleicht das große Finale) beginne ich im Herbst +/- ich habe Ideen.
      Falls, wonach es im Moment aussieht, die 2. Geschichte nicht als Buch entsteht, gibt es ja immer noch wundervolle PDF´s zum schicken oder drucken und schicken.
      DANKE dir für dein Interesse 🙂

      Gefällt 1 Person

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