Ruby (1)

1.

Ich machte ausschließlich Hausbesuche. Das war etwas ungewöhnlich in meiner Branche, weil tendenziell eher gefährlich. Aber ich sah zwischen mir und der Fußpflegerin oder dem Physiotherapeuten, der das macht, keinen großen Unterschied.
Kunde ist Kunde, war mein Credo und abenteuerlustig war ich schon als Kind. So dass der knifflige Punkt: erwartet mich ein Freier oder Psychopath, für mich, einen besonderen Kitzel darstellte, den ich tatsächlich genoss.
Für die Arbeit als Sexworkerin hatte ich mich aus mehreren Gründen entschieden: Lust am Dienen (ich mache Menschen gerne glücklich), Lust an der Macht (Man hat die meisten Männer, durch nichts mehr in der Hand, als dem Wissen, wie sie zu befriedigen sind), Lust an der Lust (tatsächlich erregt es mich, jemand zu erregen – außer derjenige hat eine Glatze, Glatzen törnen mich ab). Und 160,- € die Stunde, wodurch ich ab Mittwoch bereits Wochenende hatte. Das war cool: ich liebe Wochenende.
An diesem Tag hatte ich einen Termin in der Stockholmer-Straße in Gesundbrunnen.
Ich war vor vier Jahren von Glasgow nach Berlin gekommen, weil ich wusste, was ich werden wollte: Sexworkerin! Berlin schien mir dafür perfekt geeignet: viele Politiker, viele Unternehmer, Kongresse, Big Business und mehr. So flott und einfach, wie ich dachte, war es nicht geworden, aber ich hatte ein gutes Auskommen und einen gut gebuchten Terminkalender.
Für die Verabredung, an diesem Tag, trug ich eine recht amüsante Kleidung: ein kurzes grünes Röckchen, ein weißes T-Shirt mit roter Aufschrift »Toni´s Pizza, die schärfste der Stadt«.
Ich brachte natürlich keine Pizza und es gab auch keinen Toni, aber für unser Rollenspiel, gehörte das zur Ausrüstung.
Der Mann, den ich besuchte, war ein neuer Kunde.
Bei neuen Kunden war die Spannung doppelt so groß, weil ich immer damit rechnete, es könnte der Traummann sein, aber nie ausschließen konnte, dass es ein fetter, ungeduschter, alter Mann war, der nach Fußschweiß roch.
In meiner Kontaktanzeige stand zwar »gepflegtes Äußeres vorausgesetzt«, aber das schienen einige Männer zu überlesen.
In der »Plumpe« war die Lage nicht so, dass ich damit rechnen konnte, in einer Villa empfangen zu werden. Aber die Stockholmer Straße bot, auch, wenn das meiste Mietskasernen waren, noch ein paar gepflegte Gebäude, sodass ich darauf hoffen konnte, dass der Kunde mir meine Dienste zahlen und nicht erst zum Duschen musste, ehe ich ihn verwöhnte.
Ich parkte meinen roten Corsa, auf dem nächsten freien Parkplatz, in der Nähe der Hausnummer, zu der ich musste und kontrollierte im Rückspiegel, meine Schminke: dezent, und meine Vorzüge hervorhebend. Nicht nuttig, sondern stilvoll. Nur Frauen, die Männer etwas versprechen, was sie nicht halten können, schminken sich nuttig.
Es war gut, dass ich nicht weit zu Fuß hatte, denn als nicht-Pizza-Botin, war es doof auf der Straße nach einer Bestellung angesprochen zu werden.
»Ach, wenn ich Sie gerade sehe, könnten Sie noch eine Pizza-Salami in die blablabla Straße X bringen. Ich bin Zuhause bis Sie da sind.«
»Ich liefere keine Pizza.«
»Aber Sie sind doch Pizza-Botin.«
»Nicht in echt.«
War einfach ein doofer Dialog.
Der war zu vermeiden, wenn ich kaum mehr als 20 Meter zu gehen hatte. Außerdem kam heute die Uhrzeit dazu: Wer bestellte an einem Novembernachmittag um Vier, schon eine Pizza?

10/21 PGF

23 Kommentare zu „Ruby (1)

  1. lieber pe, ohne dir den spaß verderben zu wollen, aber hiermit bin ich seeehr zwiegespalten; mal abgesehen davon, dass ich bezweifle, dass wirklich eine frau so locker damit umgeht geschweige auch noch richtig spaß daran hat, (im gegenteil gibt es viel zu viele frauen, denen es gar nicht gut damit geht), finde ich es etwas schwierig, diesen „job“ als so erstrebenswert darzustellen. (es scheint mir eine deutlich männliche denkweise zu sein? ob eine frau das je so darstellen würde?)
    okay, ich kenne jetzt den rest der geschichte nicht, weiß nicht, wie sich das ganze entwickelt, noch weiß ich, zu welchem genre deine erzählung gehört. mutet etwas humorig an. mag auch sein, dass sich da im laufe des plots etwas entpuppt, das meine bedenken wegwischt. dennoch… es steht hier so für sich ohne kommentar, deshalb musste ich diese gedanken einfach loswerden, verzeih.
    liebe grüße von d.

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    1. Liebe D, tatsächlich macht es mir Spaß, diese Geschichte zu spinnen. Wohlwissend, dass es dünnes Eis ist.
      Mir ist bewusst, dass eine erhebliche Zahl von Frauen, vor dem Hintergrund, persönlicher Missbrauchserfahrung in die Prostitution gerät. Aber das ist nicht mein Thema.
      Das ist sehr häufig der Grund, das Thema zu verschweigen, als gäbe es die Prostitution nicht. Aber die käufliche Liebe gibt es lange, umfangreich und in vielen Facetten.

      Entwicklungen sind durchaus möglich 😉

      Ich nähere mich gerne Charakteren, die moralische Spannungsfelder bieten. Ich fand mein letztes alter Ego Joe, als Whiskey trinkenden, sarkastischen Kopfgeldjäger auch nicht sympathisch, aber ich konnte mit ihm Themen der Männlichkeit verbalisieren, die auch nicht jedem Mann schmecken durften.

      Einen deiner Punkte würde ich ganz von mir weisen: die fehlende Berechtigung „als Mann“ in diese Rolle zu schlüpfen. Genau dieses Wagnis macht Kunst aus.
      Falsch liege ich wohl damit, wie weit man/frau mit 160,- € käme und viel zu wenig habe ich wohl berücksichtigt was an Vor- und Nachbereitung, an Steuerlichem und mehr dazu kommt.
      Ansonsten lag ich wohl, bezüglich deines Kommentars nachgefragt, nicht allzu weit entfernt.
      Es gibt einen sehr netten, nicht anzüglichen Twitter-Account, der mich, zwecks mangelnder eigener Erfahrung, beraten hat 😉

      Hab einen schönen Abend
      Pe

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      1. oh, lieber pe, danke für die ausführliche antwort. aber natürlich hast du als mann die berechtigung in diese sowie jede andere rolle zu schlüpfen als autor, literatur darf eh vieles, und das ist gut so. weißt du, wärst du irgendwer, hätte ich gar nicht kommentiert, hätte mich vielleicht auch gar nicht getraut. ich schätze dich sehr als autor und als mensch 🙂
        also, ich bin gespannt, was du draus machst, werde gern weiter mitlesen.
        ich hoffe, du nimmst mir meinen kommentar nicht übel.
        mit lieben grüßen, dir auch noch einen schönen abend!
        d.

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