Ruby (2)

2.

Ich suchte den Namen zwischen den etwa 20 Klingelschildern des Mietshauses und drückte die Taste, als ich ihn fand.
Ich wartete.
Der Buzzer brummte nicht.
Ich drückte gegen die Tür und sie sprang auf.
Okay, mutig, wer in Berlin-Gesundbrunnen seine Ausgangstür nicht absperrt. Aber vielleicht gab es einfach, bei keinem der Bewohner, etwas zu holen.
Mir konnte es recht sein, wenn mich in der Wohnung niemand hörte, kam ich wenigstens ins Haus.
Ich rückte mein Dress zu Recht und sah an mir herunter, ob alles gut verpackt war.
Wie beim Essen, isst auch beim Sex, das Auge mit, wobei damit nicht gesagt ist, was dem Auge gefällt. Die Geschmäcker der Männer gehen da weiter auseinander, als Standard-blond und Standard-schlank vermuten lassen.
Ich kenne meine Vorzüge und Schwächen gut und verpacke sie entsprechend. Meine Brüste zum Beispiel sind recht klein, aber schön. Also symmetrisch, fest und passen zu meiner Schulterpartie. Am meisten stehen die Männer auf meinen Hintern, weil er knackig und rund, wie ein frischer Apfel ist und die Haut schön glatt. Wechselduschen und viel Sex, empfehle ich, damit er sich so entwickelt.
Mit meiner Pizza-Tasche in der Hand, betrat ich das Haus. In der Tasche, die aussah, wie die Thermoboxen, mit denen man sein geliefertes Essen bekommt, war natürlich etwas anderes, als Essen, aber das sollte den Kick, beim »Ihre Lieferung« erhöhen.
Ich ging das dunkle Treppenhaus hinauf, bis in den 2. Stock. Ich war froh, dass die Namensschilder an den Klingeln neu ausgesehen hatten und im Haus, vor einigen Wohnungstüren, Kinderwagen standen, sonst wäre ich vermutlich umgedreht, weil das Haus ansonsten wirkte, als stünde es, über alle Etagen, leer.
Ich erreichte die Wohnung, die mir der Kunde per Mail mitgeteilt hatte: »Stockholmer Straße, 2. Etage, Wohnung 4« und wollte eben klingeln, als ich sah, dass die Wohnungstür, einen Spalt offenstand.
Ich merkte, wie sich langsam Unbehagen einstellte, obwohl ich es gewohnt war, mich auf fragliche Verabredungen einzustellen. Als Sexworkerin war ich gewissermaßen auch Löwenbändigerin und, wenn der Kunde auf dumme Gedanken kam, war es wichtig, nicht auf kleines Mäuschen zu machen, sondern die Peitsche knallen zu lassen. Ich hatte deshalb extra einen Kurs in Selbstverteidigung für Frauen besucht. Ich meine es hätte sich »Krav Maga« genannt.
»Sei schnell und brutal.« Hatte uns der Lehrer eingebläut.
Das nahm ich mir vor.
»Ihre heiße Pizza!« Rief ich.
Stille.
Ich schob die Tür auf.
Im Flur, ein kleines Quadrat, dass in drei Räume führte, vermutlich Bad, Küche und Wohnzimmer, an dass sich, wie ich annahm, das Schlafzimmer anschloss, herrschte ein muffiger Geruch nach nassen Socken und alten Schuhen.
Der sollte mal lüften, dachte ich und: den muss ich bestimmt zum Duschen schicken.
Ich nahm die Tür gerade aus, die mir am ehesten in den Wohnbereich zu führen schien. Etwas an der Tür, ich kann nicht sagen was, verriet mir das.
Ich hoffte, er hatte ein Wohn- und ein Schlafzimmer. Es gab keinen schlechteren Sex, als auf einem Bettsofa. Danach hatte ich meistens Rückenschmerzen.
Ich klopfte an die nächste Tür, schob sie auf und sagte, um im Thema zu bleiben: »Die Pizza, heiß und feucht.«
Keine Antwort.
Ich betrat das Wohnzimmer.
Es war erfreulich hell, mit großen Fenstern und Bücherregalen, die alle Wände füllten. In der Mitte stand eine Sofa-Landschaft mit Sessel, um einen Tisch gruppiert.
Wie ich erhoffte hatte, zweigte, aus dem Raum, eine Tür, zu einem weiteren Raum ab. Aber so weit kam ich gar nicht.
Als ich um die Sofaecke schaute, entdeckte ich meinen Freier.

10/21 PGF

7 Kommentare zu „Ruby (2)

  1. Genug Spannung, um ungeduldig auf den nächsten Teil zu warten!

    Übrigens gibt es in Deutschland so etwas wie „Kinderwägen“ nicht. Erwägen hätte ich im Angebot, aber das hast du sicher nicht gemeint. 😉 (Sorry, ich kann so eine Vorlage einfach nicht liegen lassen.)

    Gefällt 1 Person

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