Ruby (4)

4.
Ich näherte mich langsam der Tür, als wolle ich mir, bis zum letzten Moment die Option offenhalten, einfach davon zu rennen.
Aber neugierig war ich schon immer und deshalb schaffte ich es nicht, nicht zumindest einen kurzen Blick, ins Schlafzimmer zu werfen.
Ich sah auf meine Füße, ob ich Abdrücke hinterließ. Es war nichts zu sehen. Meine Hände würden keine Spuren hinterlassen, da ich Handschuhe trug.
Mit etwas weichen Knien näherte ich mich der Tür und schob sie auf.
Das Schlafzimmer war eigentlich kein Schlafzimmer, sondern ein Büro, in dem ein Bett stand. Ich sah mehrere Monitore, die mit zumindest zwei PCs verbunden waren, aber da waren so viele Kabel, es konnten auch mehr sein. Neben dem Schreibtisch kreuzten sich weitere Kabel wie ein Schlangenhaufen.
Auf dem Schreibtisch sah ich nur eine Tastatur und eine Maus und – weitere Kabel. Ich hatte nicht viel Ahnung, aber sie schienen, externe Festplatten, mit den Computern zu verbinden, als sollten Backups vom Backup erstellt werden.
Geh nicht weiter rein, riet ich mir eindringlich und machte noch einen Schritt vorwärts, in das Zimmer.
Tatsächlich: da war ein Bett, ohne etwas daran, was Spaß darin, verriet – und diese High-End-PC-Anlage. Mehr gab es nicht.
Scheiße, dachte ich, das war vermutlich so ein Perverser, der mich beim Vögeln filmen wollte, um das ganze bei Youporn oder Pornhub online zu stellen. Es gab genug Typen, die sich, mit so was, dumm und dämlich verdienten.
Aber mein weiblicher Instinkt sagte mir, dass ich falsch lag.
Es war ein Gefühl gemischt mit Beobachtungen: Der Raum, die Office-Ecke, das war nicht schmuddelig, wie eine Werkstatt oder ein Filmstudio, in dem rauchende Kaffeetrinker, Filme schneiden, sondern sehr akkurat. Der Raum war technisch, nicht lüstern. Besser konnte ich es nicht beschreiben. So sah auch das Bett aus: Licht aus und Schlafen, nicht Schummerlicht und Körpersäfte.
Ich hätte, da bin ich mir sicher, noch mehr herausgefunden und den Fall vermutlich gelöst, wenn in diesem Moment, nicht ein Telefon geklingelt hätte.
Ich zuckte zusammen. Nur ein Klingeln an der Tür hätte mich mehr erschrecken können (oder der Mörder, der unterm Bett auftaucht, das ich für langweilig hielt).
Das Klingeln kam vom Toten.
Ich fragte mich, warum er sein Handy in der Tasche hatte. Wenn ich Zuhause war, lag mein Handy immer irgendwo rum. Aber okay. Er hatte seine Jacke an und wollte vielleicht gerade rausgehen – warum? Er hatte mich doch gebucht. Das Handy klingelte weiter und machte mir Stress.
Es war besser, wenn ich ging. Schnell ging. Ich drehte mich um. Verließ das Heim-Porno-Hacker-Darknet-Dealer-Schlafzimmer. Schnappte meine Sextoys-Porno-Pizzatasche und ließ das Telefon klingeln.
Verdammt, ich war viel zu lang geblieben. Auch, wenn es natürlich spannend war zu wissen, ob es sich um eine Tat aus Leidenschaft handelte, also etwas Biografisches oder ein Kapitalverbrechen, dass die Gesellschaft betraf: Pornoproduktion, Spionage, Darknet. Am liebsten wäre ich geblieben, um es herauszufinden.
Aber ich hatte die Wohnungstür erreichte und schaffte auch den Schritt nach draußen.
Ich zog die Tür nicht zu, damit alles so blieb, wie ich es vorgefunden hatte und machte ich mich eiligst auf den Weg durchs Treppenhaus.

10/21 PGF

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