Ruby (5)

5.
Ich dachte, ich hätte es geschafft. Ich war aus dem Treppenhaus. Ich war aus der Wohnungstür. Ich stieg die zwei Stufen hinab, die zur Tür führten. Ich sah weder rechts noch links auf dem Bürgersteig jemand kommen, als ein Taxi, rasch heranfahrend, so schnell zu dem Haus, vor dem ich stand, heranfuhr, dass ich keine Chance mehr hatte, unauffällig zu verschwinden, ehe das Fahrzeug unmittelbar vor mir hielt.
Nicht rennen, befahl ich mir, nicht stehen bleiben! Du bist der Pizza-Mann, also die Pizza-Frau und gehst zu deinem Wagen, um dem nächsten Kunden, seinen fettigen Karton zu liefern.
Ich schaffte es gerade noch, an dem Taxi vorbei, ehe der Fahrgast ausstieg. Ich hörte, wie die Fahrzeugtür zu geknallt wurde.
Mein Vorteil war, dass ich nicht aus einem brennenden Haus rannte und es weder für den Taxifahrer noch für den Fahrgast einen Grund gab, meine Existenz im Besonderen zu bemerken. Es war eine 50:50-Chance, wenn die Polizei nachfragte, dass die beiden, als mögliche Zeugen, aussagen würden: »Also ich, habe niemand gesehen.«
Ich steuerte auf meinen Wagen zu, fummelte meinen Autoschlüssel heraus, drückte den Türöffner, packte die Pizzatasche, von der ich jeden Moment befürchtete, dass sie herunterfiel und die Dildos herauspurzelten, auf den Rücksitz und klemmte mich hinter das Lenkrad.
Kurzer Blick in den Rückspiegel, wie ich aussah – gestresst, und dann den Schlüssel in den Zünder.
Aber ich schaffte es nicht gleich, den Motor zu starten. Ich saß einen Moment da, wie erstarrt und hoffte, dass mich niemand mehr beachtete und sich wunderte, warum der Pizza-Service – ich hatte mir extra eine Folie ausgedruckt, die ich auf die Fahrer- und die Beifahrertür geklebt hatte – nicht einfach losfuhr, damit die Pizza für den nächsten Kunden nicht kalt wurde.
Ich merkte, dass ich etwas zu zittern begann und fast zu weinen.
Normalerweise war ich nicht sehr zimperlich. In meiner Branche war es gut, nicht sehr zimperlich zu sein. Man sah einiges an Elend und musste immer wieder zusehen, damit man mit sich selbst ins Reine kam. Ich will das nicht dramatisieren: eine Krankenschwester, eine Vollzugsbeamtin, eine Psychologin bekommt auch genug zu sehen, an menschlichem Elend, an menschlicher Not und muss sich professionalisieren, um keinen Schaden zu nehmen. So wie ich immer wieder lernen musste, mich von Kunden zu distanzieren, deren innere Vereinsamung ich spürte oder deren pathologisches Lustverlangen, entlang der Grenzen meiner Dienstleistung spazierte. Ich hatte schon Männer getröstet, die mich eigentlich gebucht hatten, um sich oral befriedigen zu lassen. Stattdessen heulten sie über ihr beschissenes Leben. Und ich hatte schon Männer erlebt, deren Dunkelstes bei mir zum Vorschein kam, weil sie glaubten, mir würde es irgendeine Lust bereit, wenn sie auf mich pinkeln durften oder ich auf sie.
Also ja, ich kannte Abgründe, aber ein Ermordeter gehörte bis zu diesem Tag nicht dazu.
Endlich schaffte ich es, den Motor zu starten. Okay, sagte ich mir, konzentrier dich! Schulterblick, Seitenspiegel, ausparken.
Ich legte den zweiten Gang ein und gab Gas.
Bis zu mir war ich, beim üblichen Berliner Verkehr, um diese Zeit, bestimmt zwanzig Minuten unterwegs.
Manchmal nahm ich, zu Kunden, die U-Bahn, aber als Pizza-Service, wäre das, zumindest, bei dieser Buchung, nicht sehr überzeugend gewesen.
Glücklicherweise war auf der Straße nicht zu viel los. Ich schaltete das Radio ein und hörte einen Mix aus Rihanna, Police, Status Quo und Imaging Dragons. Das lief aber an mir vorbei, als wäre ich stellenweise taub.
Wenn die Wirklichkeit unsere Normalität unterbricht, sind das immer besondere Moment. Ich war losgegangen, um einen Freier zu beglücken und alles was ich gedacht, gefühlt und erwartet, abgespult hatte, verpuffte, wie ein warmer Traum, wenn man wach wird und einem grauen Tag in die trüben Augen sieht. Alles was ich mir, für den Feierabend gedacht hatte, war jetzt nicht mehr kompatibel, mit dem Zustand den ich hatte.
Mir war mein Ich kaputt gegangen, zumindest für diesen Tag.

10/21 PGF

7 Kommentare zu „Ruby (5)

  1. Packend! Ich staune wie gut durchdacht, wie tief geleuchtet in Seelen.
    Das einzige, das mir persönlich an diesem Teil etwas unglaubwürdig erscheint, (aber das liegt wohl mehr an mir als an der Geschichte) ist der letzte Satz.
    Es gibt diverse Erlebnisse und Erfahrungen, an denen ein Ich kaputt gehen kann. Aber daran, ungewollt Zeuge eines Mordes geworden zu sein? Oder ist der Ausdruck des „Ich kaputt“ vielleicht anders gemeint, als es bei mir ankommt.
    Dass man verstört ist, dass man durcheinander ist, dass man ganz von dem Geschehen eingenommen ist, dass man Angst hat usw. All das kann ich nachvollziehen für diesen Fall. Aber dass das Ich kaputt gegangen ist – wenn auch nur für diesen Tag – erscheint mir ein zu starker Begriff hierfür.

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