Ruby (6)

6.
Als ich Zuhause ankam, hatte sich mein Denken wieder etwas konsolidiert. Ich freute mich, endlich die Turnschuhe von den Füßen streifen und in die Ecke, mit den anderen Schuhen schubsen zu können und bewegte kurz meine Zehen, wie sich ein Häftling nach Entlassung streckt.
Da es die Zentralheizung, in meiner Wohnung, erlaubte, zog ich mich bis auf meinen Slip und mein Trägertop aus, als müsste ich schmutzige Arbeitskleidung loswerden, die nach Arbeit auf einem Fischkutter oder nach Kanalarbeiten stank.
Ich ließ alles im Eingangsbereich fallen. Etwas, dass ich liebte, seit ich, in meiner Wohnung, nach meinen Regeln, alles stehen und fallen lassen konnte, wie ich wollte und nicht, wie bei meinen Eltern, alles akkurat verräumt sein musste. Das geschah bei mir auch, aber nicht sofort.
Ich war gerne Zuhause. Mit meinen Einnahmen sparte ich auf ein Häuschen im Grünen. Irgendwann, in der Nähe von Bergen. Aktuell genügte mir eine schöne, geräumige Dreizimmer-Wohnung, mit Küche und Bad, bei der ich einen Blick auf ein paar Bäume und eine ruhige Straße vor der Haustür hatte. Zwei Zimmer gehörten mir, in einem bediente ich gelegentlich Kunden.
Vom Flur aus, betrat man wahlweise ein helles, geräumiges Wohnzimmer, ein kuscheliges kleines Schlafzimmer, meinen Service-Room oder eine behagliche Küche mit Essecke. Die war allerdings Luxus, weil ich selten kochte und selten Besuch bekam.
Außerhalb meiner Arbeit hatte ich wenig mit Menschen zu tun. In meiner Branche hatte man nur die Wahl zwischen Umgang mit Kriminellen oder keinen Umgang. Mich konnte man schlecht fragen: »Na, wie war der Tag im Büro?« Und egal, wie liberal die Leute taten, bei meinem Job hatten sie alle einen Stift im Hintern.
Für mich war das okay. Ich hatte den Kontakt mit meinen Eltern und mit meiner Schwester, die nie genau fragten, was ich eigentlich machte, aber es ahnten und exakt eine Freundin, aber die lebte in Bochum. Warum auch immer dort jemand leben wollte.
Aber jetzt war ich froh um diese Küche.
Ich startete meine Kaffeemaschine, um mir einen Latte Macchiato herauszulassen und nahm aus dem Eisfach eine Packung »Salted Caramel«-Eis, welches aktuell meine Lieblingssorte war.
Während der Periode schmeckte mir eigentlich nur Schokolade, aber aktuell war ich näher dem Eisprung.
Mein Zyklus war eine heikle Angelegenheit, denn er bedeutet, eine Woche Verdienstausfall oder eine Woche Blowjobs. Mittlerweile hatte ich genug Rücklage, mir die paar Tage frei zu nehmen, wenn es im Rahmen der Pille zum Pseudomenstruieren kam. Aber auch, wenn das ausblieb: Irgendwie fühlte sich in diesen Tagen, auch in meinem Kopf, das Vögeln nicht gut an.
Mir taten die Junkies auf dem Straßenstrich leid, die sich solche freien Tage nicht leisten konnten. Ich fragte mich, ob ein Freier, der sich dort bedienen ließ, je überlegt hatte, in was er seinen Schwengel da tunkte. Aber das waren andere Männer, als die, die zu mir kamen. Von denen verirrte sich manchmal einer bei mir, aber die Mehrzahl meiner Kunden respektierte meine Art der Dienstleistung, als solche und entlohnte sie mir entsprechend.
Mit einer Schale Eis und der großen Tasse Kaffee machte ich mich auf den Weg ins Wohnzimmer.
Ich schaltete den Fernseher ein und sah mir die Börsenkurse bei N-TV an.
Einer meiner Kunden war Banker und der hatte mich vor einigen Monaten beraten, wie ich mein Geld am besten anlegen und seine Herkunft am besten verschleiern sollte.
Es war nett gewesen, als ich, am Nachmittag, in seine Filiale marschiert war, um mich von ihm beraten zu lassen, nachdem wir am Vormittag, auf seinen Wunsch mal eine 69 versucht hatten. Ganz geschäftsmäßig wickelten wir das eine, wie das andere ab – wobei ich fand, dass mein Job einfach cooler war.
Seitdem sah ich zu, wie mein Geld seine Arbeit machte und wuchs und wuchs.
Von einem Mord in Berlin, gab es keine Berichte, was nicht überraschte.

10/21 PGF

12 Kommentare zu „Ruby (6)

  1. Bei den Turnschuhen war ich auch kurz gestolpert. Mir dann aber gedacht: Sie ist ja als „Pizza-Botin“ unterwegs, insofern passt es. Und ich zähle mich durchaus zum weiblichen Geschlecht, empfinde die Turnschuhe und die Ecke mit den anderen Schuhen nicht unweiblich. Es ist wohl die Frage, welche Art Frau man darstellen möchte. Ein „richtiges Mädchen“ würde sich wohl nicht so ausdrücken, eine eher naturliebende und natürliche Frau durchaus.

    Spannend und sehr sehr gut.

    Worüber ich noch gestolpert bin war die Wendung „wie sich ein Häftling nach Entlassung streckt“. Es ist klar, was gemeint ist und ich spürte förmlich, wie befreit sie sich fühlt, die Schuhe daheim abstreifen zu können, aber das Beispiel ist so vielleicht etwas abstrakt. Hätte da wohl eher etwas von der Erleichterung, den Druck der Schuhe abstreifen zu können, erwartet. Ein tatsächliches Beispiel will mir dazu grad auch nicht einfallen.

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    1. Ja und ja.
      Wir bewegen uns ja weg von den Rollenklischees, auch, wenn ich zweifele wohin der Weg führt.
      Mit dem Häftling war ich auch nicht glücklich – der streckt ja eher die Arme, als die Beine – aber ich dachte: Ach geht schon 😉

      Gefällt 1 Person

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