Ruby (8)

8.

Danach schlief ich zwei Nächte schlecht, dann hatte ich Glück bei der Buchung: Tommy hatte mich gebucht und das war in dieser Situation ein Jackpot.
Sex mit Tommy – eigentlich Thomas – war immer etwas langweilig. Er zog die Missionarsstellung vor, weil er sich schlecht fühlte zu mir zu kommen, war aber zugleich so sozialphobisch, dass er nicht mal mit Tinder eine abbekommen hätte.
Besonders Spaß machte es nicht mit ihm, weil er nicht sehr ausdauernd war. Immerhin turnte er nicht auf mir herum, wie Eddi der Bildhauer, der sich mich, nur ab und zu leisten konnte, weil er als Künstler so durchschnittlich war, wie als Liebhaber, in beidem aber glaubte, etwas ganz Besonderes zu sein.
Tommy hatte eine andere Qualität: Er war Polizist. Nicht irgend so ein kleiner Streifenbeamter, sondern Kriminaler im Bereich Wirtschaftskriminalität. Ob das nicht ein Problem war, wenn er zu einer Prostituierten ging? Davon abgesehen, wer meine Dienste sonst noch so buchte oder die von Mädels, in viel elenderen Verhältnissen, kam er gerade aus dem Grund zu mir, weil ich Freischaffende war und meine Schweigepflicht, die eines katholischen Priesters oder Arztes für Organspende übertraf.
Tommy war, wie viele moderne Menschen waren: bindungsunfähig. Woher sollten sie wissen, wie Bindung funktionierte, in antiautoritären Strukturen und Patchwork-Familien groß geworden? Sie wuchsen auf, zwischen Kindergarten und Ganztagsschule. Wenn das Umfeld gut war, ging es weiter auf das Gymnasium und von dort zum Studium und alles unter einem Zeitdruck, als wären es vor allem Karriereschritte, die man verpassen könnte, ehe man starb. Bis die meisten das kapierten, waren sie zu alt und isoliert, um noch in ganz normale menschliche Verhältnisse zu kommen oder schon zweimal geschieden und durch, mit dem Glauben an Liebe.
Tommy gehörte zur Gruppe, die auf »Ich muss erst etwas lernen, bevor ich leben kann« gedrillt war. Und jetzt mit 36 wusste er nicht, wie er mit einer Frau ins Gespräch kam, geschweige denn ins Bett. Aber irgendwo musste sein Saft hin. Da kam ich ins Spiel, als Erektionserlöserin.
Meist kam Thomas nach dem Dienst, das war um 21.00 Uhr oder noch später. So hatte er mich auch für diesen Tag gebucht.
Heute freute ich mich darauf, trotz des langweilen rauf-vor-zurück-vor-zurück-und-fertig, weil ich vielleicht etwas in Erfahrung bringen konnte, über meinen toten Freier. Also nicht in der Variante: »Du stell dir vor, was mir passiert ist!« Sondern eher: »Gab es die Tage eigentlich was Ungewöhnliches?«
Mit Tommy traf ich mich bei mir, dass war für uns beide unbedenklicher, als irgendein öffentlicher Ort oder gar bei ihm.
Es war kurz vor halb zehn, als er klingelte.
Ich kontrollierte, durch den Türspion wer es war und er sah schräg zur Decke hoch, damit ich wusste, wie ungeduldig er war.
Ich öffnete die Tür.
Nicht im Negligée und mit Strapsen, sondern in einem leichten, kurzen Kleid, was den meisten Männern besser gefiel, weil »hoch damit und los geht’s« sehr sexy war und meine Nachbarn, wenn sie mich zur Kenntnis nahmen, weniger irritierte, als schwarze Spitzen.
»Du bist spät.« Sagte ich, während ich ihn, in meinen Service-Room führte.
Tommy wurde rot. Das wurde er immer, wenn ich etwas sagte, dass nach einem Vorwurf klang.
»Ja, entschuldige. Viel Verkehr. Ich kam spät raus.«
»Kein Problem«, neckte ich ihn, »du zahlst seit zwanzig Minuten, wie bei einem wartenden Taxi.«
Als wolle er nicht noch mehr Zeit verlieren, fing er an, wie auf Knopfdruck die Hosen auszuziehen.
»Wirklich schon zwanzig Minuten.«
Er wirkte besorgt.
Ich warf einen Blick, auf mein Kundenbett, ob alles sauber war und rechnete mit nichts, als Tommy plötzlich meinte: »Sag mal fährst du nicht einen roten Corsa?«
Mir wurde warm.
Tommy zog sich weiter die Hose aus, als wäre nichts.
»Wieso?«
Meine Stimme klang dünn, wie sie es nie tat, wenn ich einen Orgasmus vortäuschte.
»Ich war, vor drei Tagen, bei einem Tatort. Ein Augenzeuge meinte, der vermeintliche Täter sei mit einem roten Corsa davongefahren. Verrückt oder?«
»Vollkommen verrückt.« Antwortete ich.
Mein Mund wurde trocken und ich ahnte, dass ich heute viel Gleitgel benötigen würde.

11/21 PGF

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.