Ruby (9)

9.

In meinem Kopf brach Hektik aus.
Tommy sah auf und sah mir kurz in die Augen.
Er schaffte es nie lange, mir in die Augen zu sehen, wie so ein kleiner Asperger, der auf seinen Gedanken reitet, wie ein Held auf einem wilden Drachen.
»Alles klar? Du siehst blass aus?«
Verhört er mich bereits, fragte ich mich.
»Alles perfekt. Warte ich lege mich hin, damit wir loslegen können.«
Es war die Ehefrau, war ich versucht zu sagen, ich hatte nichts damit zu tun.
Er hob die Hand.
Ich fürchtete einen Scheidenkrampf, wenn wir nicht gleich loslegen würden.
»Ja?«
»Kannst du heute oben sein?«
»Ich? Heute?«
»Ja, du hast gemeint, ich solle das unbedingt mal ausprobieren.«
Heute, dachte ich, gerade heute? Oben war die Show anspruchsvoller.
Aber ich war Profi.
»Du zahlst, wenn du mich oben willst, bin ich oben.«
Tommy legte sich hin. Bei ihm musste ich mir nie Mühe geben, um ihn in Stimmung zu bringen: eine nackte Frau genügte.
Wir fingen an.
Also ich versuchte es. Ich bemühte mich, meine Arbeit, wie immer zu machen, aber gerade konnte ich nicht. Ich musste wissen, was Tommy meinte.
Das heute war ein anderes Thema als sonst, wenn ein Freier mich langweilte. Manchmal konnte ich nebenher, eine Reise planen oder die Party mit einer Freundin oder ein leckeres Essen. Ich stöhnte zwischendurch und der Mann fühlte sich super, während ich rätselte, ob ich mir, mit dem Geld, eine Handtasche oder neue Schuhe kaufen würde. Wenn mein Kopf frei war, war es kein Problem. Wie beim Autofahren: man wundert sich manchmal, wie man ans Ziel gekommen ist. Aber Angst war ein Killer, selbst für Pseudo-Lust.
Ich musste es, mit einer Variation der Wahrheit versuchen.
Ich bremste meine Bewegung und stieg ab, wie eine Reiterin die Sorge hat, ihr Pferd zu verletzen.
»Sorry, Tom. Aber es geht gerade nicht. Du musst auch nicht zahlen.«
Er reagierte verständnisvoller, als die meisten Ehemänner, bei ihren Frauen.
Er setzte sich auf, machte ein besorgtes Gesicht und fragte, was er wahrscheinlich jede gefragt hätte: »Habe ich was falsch gemacht?«
Ich schüttelte den Kopf und machte eine taktische Pause. Ich brauchte sein Mitleid, damit sein Misstrauen nicht auf Gedanken kam.
»Also ich war dort.«
»Wie?«
»An dem Tatort, von dem du gesprochen hast. Das war mein Auto. Aber ich war bei einem Kunden, der mir die Tür nicht geöffnet hat.«
Das stimmte ja, die Tür hatte er mir nicht aufgemacht.
Tommy blickte jetzt wie Thomas, mehr Bulle, als Freier.
Ich bekam Herzklopfen und beruhigte mich damit, dass er mich schlecht bloßstellen konnte, ohne eingestehen zu müssen, weshalb er gerade bei mir im Bett lag.
Dann schüttelte er den Kopf.
»Aber die Zeugen haben gesagt, es wäre ein junger Mann und der Wagen hätte zu Emirs Döner gehört.«
So konnte man Tonis Pizza auch lesen, dachte ich. Vielleicht hatte ich mich zu früh verraten.
»Dann ist es ja nur ein Zufall.«
Ich zeigte auf meine Brüste.
»Ein Mann bin ich nicht.«
Ich schaffte ein Lächeln.
Tommy/Thomas schüttelte den Kopf.
»Ruby, du musst mir die Wahrheit sagen. Der Mann der getötet wurde, war einer von unseren Leuten. Es wurde niemand aus dem Haus getötet, sondern jemand, in dem Haus, hat einen unserer Ermittler ermordet.«
Jetzt wurde mir richtig heiß.
»Und das ist nicht alles, noch jemand muss in der Wohnung gewesen sein, um sie zu durchsuchen. Die Wohnung war vollkommen verwüstet.«
Ich dachte an das akkurate Schlafzimmer, ich war also zwischen Mord und Raubüberfall in der Wohnung.
Ich hörte Tommy, ganz in der Ferne: »Wenn du dort warst, könntest du in ernsthafter Gefahr sein.«
Dann wurde alles schwarz.

11/21 PGF

2 Kommentare zu „Ruby (9)

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