Ruby (10)

10.

So schnell fiel ich allerdings nicht in Ohnmacht. Ich hatte schon andere Situation gewuppt. Ich sank also nicht, wie eine der Ladys in den Schwarz-Weiß-Filmen, zu Boden, sondern saß, mit geschlossenen Augen, an der Bettkante, die Ellbogen auf die Knie gestützt und versuchte mich in den Griff zu bekommen. Während ich das Gefühl hatte, rotierend, durch ein finsteres Universum zu trudeln.
Als der Schwächeanfall nachließ, war es vor allem Scham, die ich fühlte. Ich doofe Nudel, hatte auf die Ehefrau getippt. Ich war mir so sicher gewesen, dass ich nicht einmal, in eine andere Richtung gedacht hatte.
»Geht’s wieder?« Fragte Tom und hielt mir ein Glas Wasser hin.
Ich nickte. Nahm das Glas, das in meiner Hand leicht zitterte und trank einen Schluck.
Tom wartete und ich wusste er lauerte.
Als er den Eindruck gewann, ich sei wieder Frau meiner Sinne, fragte er, in leicht hypnotisierendem Ton: »Ruby, wenn du was weißt?«
Ich schüttelte den Kopf.
Er war bestimmt so ein Verhörprofi, der selbst aus meinem Tonfall etwas herauslesen konnte.
»Das wäre wichtig. Wirklich wichtig. Für mich und noch mehr für dich. Weil ich schlecht sagen kann, dass ich bei dir war, würde ich mir überlegen -«.
»Ist ein Missverständnis.« Schob ich tonlos über die Lippen.
Er betrachtete mich skeptisch.
»Und warum wurde dir dann so übel?«
Weil Männer davon eh keine Ahnung haben, sagte ich: »Ich habe meine Tage.«
»Aber?«
»Du bist auf der Suche nach Blutspuren, an deinem Dingens. Keine Sorge! Ich habe frisch geduscht.«
Das nahm er mir ab.
»Ich hätte dir besser abgesagt. Außerdem weiß ich gar nicht, wie du zu so einem Fall kommst: du bist doch bei der Wirtschaftskripo und nicht beim Morddezernat.«
»Ist eine größere Sache, bereichsübergreifend. Ich kann dir nichts sagen.«
»Kein Problem. Dann belassen wir es doch dabei: du kannst nichts sagen, ich habe nichts zu sagen. Zahlen musst du heute nicht. Tut mir leid, wenn du noch Druck hast.«
Der Satz war mies. Er war eigentlich keiner dieser Männer. Auch, wenn er nicht mehr wusste, als raus-und-rein, suchte er eher Nähe und menschliche Wärme, für das andere wusste er sich zu helfen.
Irgendwie wollte ich ihn loswerden. Ich kam mit der Situation gerade nicht zu recht. Ich hasste es emotional – ich hasste es, schwach zu sein.
Er stand auf und zog sich an.
»Ich melde mich bei dir.« Sagte er, beim Gehen und ich war froh nicht einen Kunden verloren zu haben.
Man brauchte in meiner Branche 100 zufriedene Freier, um sich aussuchen zu können, wem man Spaß bereitete, aber es genügte ein Unzufriedener, der es seinen Kumpels erzählte und man musste wieder jeden bedienen der anrief.
Als Tommy weg war, kam die Angst zurück und die Erkenntnis, dass mich ein Mörder gebucht hatte. Vermutlich ein Mörder im Affekt, er hätte mich ja nicht gebucht, wenn er mit einer Festnahme gerechnet hätte. Aber jemand der zu töten bereit war. Jemand der meine Nummer kannte. Und wer immer die Wohnung verwüstet hatte, hatte mich möglicherweise auch gesehen. Ich war definitiv in Gefahr und vor mir lagen noch acht Stunden bis zur Morgendämmerung.
Das konnte eine verdammt lange Zeit werden.
Ich entschied mich, den Fernseher einzuschalten und auf dem Sofa zu schlafen. Warum das sicherer sein sollte, konnte ich nicht erklären, vermutlich war es etwas Archaisches: so wie das Lagerfeuer, die wilden Tiere ferngehalten hatte, hielt die Flimmerkiste, vielleicht die bösen Männer fern – oder nicht.

11/21 PGF

2 Kommentare zu „Ruby (10)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.