Ruby (11)

11.

Als ich im ersten Morgenlicht wach wurde, stellte ich beruhigt fest, dass ich die Nacht überlebt hatte. Das war ein Anfang.
Ich entschloss mich, zu einem Frühstück im Café. Das brachte mich sicher auf andere Gedanken.
Den Tag beginnen zu können, wie ich es wollte, war etwas was ich an meinem Job liebte. Zwar gab es Freier, die schon spitz wach wurden und gerne um sieben, vor der Arbeit buchten, aber denen konnte ich mittlerweile absagen und mich bis neun, in die Kissen kuscheln.
Mein Lieblings Café, dass ich regelmäßig besuchte, war das »Kaffee 26«. Es war altmodisch eingerichtet, sodass ich mir vorstellen konnte, dass jederzeit Anais Nin mit Henry Miller am Arm oder Klabund hereinspazieren konnten.
Wenn ich mich, mit jemand seelenverwandt fühlte und das kam selten vor, dann war es Miss Nin, deren sinnlich, freigeistiges Frauenbild mich vermutlich mehr beeinflusst hatte, als ich zugeben würde, wenn man mich gezwungen hätte. Ich blieb lieber, bei der Behauptung: Die ist, wie ich; als bei: ich bin wie sie.
Ich sah zum Fenster hinaus. Sah nach einem kalten, aber sonnigen Novembertag aus. Solche Tage liebte ich. Wenn es so richtig kalt war, dann spürte man deutlich, wie viel Wärme man in sich hatte und das zu spüren, dass man ein warmes, pochendes Herz hatte, war etwas Wundervolles.
Ich zog mir eine Jeans an und einen warmen Wollpulver über, schnappte mir meinen Mantel und machte mich auf die kurze Strecke zum Café.
Es war wenig los und ich fand direkt einen Tisch. Emmy, die Besitzerin, war hinter der Theke und so genügte ein:
»Wie immer?«
»Ja.«
Zur Bestellung.
Während ich auf den Kaffee wartete, nahm ich mein Handy raus und scrollte mich durch meine Nachrichten.
Meine Mutter hatte mir geschrieben, sachlich, wie immer: »Geht es dir gut? Wie ist das Wetter? Hast du Geld?«
Ich ersparte mir: »Na ja. Na ja. Klar.«
Wenn mir was Passendes einfiel, würde ich ihr später antworten.
Mit meinen Eltern war das so eine Sache. Nicht, dass ich Ihnen hätte etwas konkret vorwerfen können. Meine Kindheit war sauber gewesen, genau genommen steril. Am meisten dankbar war ich ihnen, dass sie mich nicht, wie ursprünglich geplant, Ronda getauft hatten, sondern Ruby. Ronda klang schrecklich, Ruby war okay.
Ansonsten war mir nichts Wesentliches geblieben. Meine Eltern hatten ihren Job gemacht, also mit mir. Sie hatte mich mit dem versorgt, was ich grundlegend brauchte und es damit gut sein lassen. Ich erinnerte mich nicht an Körperlichkeit oder Zärtlichkeit bei uns zu Hause. Wenn jemand im Bad war – und, wenn er nur die Zähne putzte – war das Badezimmer abgeschlossen. Man gab sich eher die Hand, statt sich zu umarmen. Ich erinnerte mich nicht, meinen Vater und meine Mutter, jemals bei einem Kuss gesehen zu haben. Wir lebten pflichtbewusst. Mein Vater, als Beamter, meine Mutter, als Krankenschwester.
Ich würde nicht leugnen, dass das auf mich abgefärbt hatte. Wenn man meinen Job macht, war ein Leben selten gut verlaufen. Das hieß nicht, dass alles schlimm oder unheilbar war. Es hieß nur, dass es Gründe gab und die hatte niemand anderes zu bewerten. Das war eine Frage der Selbstbestimmung. So wie jemand Arzt wird, weil die Mutter früh starb oder Polizistin, weil man einen Einbruch miterlebt hat. Es interpretiert jeder selbst, wie er den Erfahrungen seines Lebens, Sinn verleiht. Ich glaube, es beruht auf einem Nischendenken: »Ach! Wenn XXX passiert, scheint YYY, in der Welt zu fehlen.« Ich fand, dass es der Welt an Sinnlichkeit und leicht verfügbarer, körperlicher Liebe zu fehlen schien, deshalb wählte ich meinen Job.
Emmy kam und brachte mir meinen Kaffee.
»Hi, Ruby.«
Sie stellte die Tasse vor mich, mit Zucker, Sahne und einem Plätzchen.
»Alles gut bei dir?«
»Kann nicht klagen.«
Gab ich der Einfachheit zu Protokoll, weil: »Ich bin Zeugin eines Mordes geworden und schwebe in Lebensgefahr.« An so einem schönen, friedlichen Morgen, zu viel reden mit sich gebracht hätte.
»Das ist gut.« Lobte Emmy. »Die Eier dauern noch einen Moment. Musste erst noch jemand losschicken, um welche zu kaufen.«
»Ich habe Zeit.«
Versicherte ich sie und wurde mir erst beim Aussprechen, der gewagten Prognose die darin steckte, bewusst. Hatte ich Zeit?
Emmy gab mir darauf keine Antwort und verschwand zufrieden.
Ich war damit beim ersten Punkt den es zu lösen galt: Ich brauchte Schutz!

11/21 PGF

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