Ruby (12)

12.

Aus Überzeugung hatte ich mich immer gegen einen »Beschützer« entschieden und sorgfältig darauf geachtet, dass niemand auf die Idee kam, sich dazu machen zu wollen, in dem er mich spüren ließ, wie wehrlos ich war, wenn ich keinen Zuhälter hatte, in dem er mir eine Tracht Prügel verabreichte. Kriminell, fand ich, an meiner Arbeit, nicht, die Freier, wenn sie sich zu benehmen wussten, schlimm waren die Zuhälter.
Aber es gab jemand, der zwielichtig genug war, dass ich mich ihm, in dieser Sache anvertrauen konnte und vertrauensvoll genug, dass ich nichts von ihm befürchten musste. Er hieß Marley und war Türsteher, vor einem Club, in den ich manchmal zum Feiern ging, wenn ich mir alles aus dem Leib tanzen musste, was in mir tobte.
Er war ein Zwei-Meter-Rastafari, mit Kampfsporterfahrung, der mich überredet hatte, auch etwas für meine Selbstverteidigung zu tun. Trotz seines Aussehens, Rastas, Tattoos und eine üble Narbe, quer über seine Wange, war er ein lieber Kerl. Hatte mit dem Milieu wenig und außer mit Kiffen, mit Drogen gar nichts zu tun.
Wir waren uns eines nachts, auf der Tanzfläche begegnet, als er nicht mehr im Dienst war.
Er hatte versucht mich anzubaggern mit: »Ich kann mir vorstellen, wir haben bei allem den gleichen Rhythmus.«
Was ich mit: »Ich berechne im Minutentakt.« Beantwortet hatte.
Er hatte gelächelt, weiter getanzt und mich zu einem Drink eingeladen. Er hatte nicht gefragt, ob ich das ernst gemeint hatte, sondern die Abfuhr gehört und respektiert.
Wir hatten uns gut unterhalten. Er machte gerne Späße, was mir guttat und nahm weder zu ernst, was er sagte, noch was er hörte.
Ich war damals noch nicht lange in Berlin und froh, um einen Mann, der mich einfach nahm, wie ich war und, wenn er nichts von mir erwarten konnte, immer noch an mir interessiert blieb.
Mir gefiel Marley, weil ich Typen mag. Menschen, die irgendetwas in sich tragen, dass ich nicht benennen kann und vielleicht nicht mal sie selbst, dass aber, wie ein Hintergrundton, in ihrem Tun und Reden und ihrer Stille, immer mitschwingt. Bei Marley war es dieser zarte Mensch, vergraben unter einem Berg Muskeln und versteckt hinter einer Gangster-Visage.
Ich entschied mich, ihn am Abend, am Club zu besuchen und um Hilfe zu bitten. War er tun sollte, war mir nicht ganz klar, denn ich konnte ihn schlecht, als 24-Stunden-Bodyguard anwerben. Der Gedanke an ihn, gab mir aber immerhin das Gefühl, für meinen Schutz sorgen zu können und sei es nur phasenweise.
Mit dem Frühstück war ich mittlerweile durch.
Emmy hatte mir mein übliches Frühstücksmenü serviert, mit Marmeladenbrötchen, Rührei und einem Stück Apfelkuchen, zum Abschluss.
Ich schob satt und zufrieden den Teller beiseite, um ein: »Ich bin fertig« zu signalisieren.
Emmy bemerkte es. Brachte mir die Rechnung. Ich zahlte und ging.
Auf meiner Liste standen, für heute, zwei Buchungen. Eine um 12.00, ein Rechtsanwalt der seine Mittagspause versüßen wollte und eine um 14.00, ein Lehrer nach der letzten Unterrichtsstunde. Ich wollte ihnen nicht absagen, auch, wenn ich nicht wusste, ob ich heute, meinen Job, besonders gut machen würde. Vielleicht war es ja auch besser so, wenn jemand bei mir war. Dann konnte man mich nicht so schnell unbemerkt beseitigen.
Dieser Gedanke quälte mich. Ich wollte nicht, in ständiger Angst, leben. Marley war nicht mehr, als eine kurzfristige Lösung. Was mir fehlte war jemand, der die große Maschine für mich in Gang bringen konnte, jemand mit Insider-Wissen – und dafür, fiel mir, in diesem Moment ein Name ein: Paul.

11/12 PGF

3 Kommentare zu „Ruby (12)

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