Ruby (15)

15.
Marley arbeitete an diesem Abend im »Insomnia«. Das war ein heißer Club, für Fetisch-Fans, dem ein Türsteher, an manchem Abend nicht schadete. Lack und Leder, am Hintern geschlitzt, war noch das harmloseste Outfit.
Ich hatte keinen Bock mich ins Publikum zu mischen. Deshalb wartete ich, bis der Andrang etwas nachließ und Marleys Kollege, den Platz an der Tür, kurz allein übernehmen konnte.
Wir stellten uns, etwas abseits vom Eingang.
Marley holte eine Zigarette heraus und steckte sie an.
»Was gibt es, Mädchen?«
Bei Marley, fiel es mir leicht zu reden. Er wirkte, als gäbe es keine Sünde, die er nicht kannte.
»Ich bin, durch den Besuch, bei einem Kunden, in eine dumme Sache geraten.«
»Hast du dir AIDS eingefangen? War das Absicht? Soll ich ihn mir schnappen?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Nein, musst du nicht. Das hat schon jemand getan. Also mein Kunde.«
Marley sah auf seine Zigarette, als könnte die ihm erklären, was ich meinte.
»Wie jetzt?«
»Ich bin zu einem Kunden. Als ich dort ankam, lag ein Toter in der Wohnung.«
»Der Kunde?«
»Eben nicht. Mein Kunde hat den Mann vermutlich getötet und ist jetzt auf der Flucht.«
»Und du bist nicht zu den Bullen?«
»Nein.«
»Vernünftig.«
»Du bist der erste der das versteht.«
Er sah mich groß an, dann schüttelte er den Kopf.
»Wem hast du noch davon erzählt?«
»Einem Journalisten.«
»Nicht klug.«
»Aber nicht alles. Er weiß nur, von einem Toten.«
Er zog wieder an der Zigarette.
»Und jetzt?«
Ich sagte es, wie es war.
»Jetzt habe ich Angst.«
Marley nickte und seine Rastas wippten.
Er steckte sich die Kippe in den Mundwinkel, presste ein Auge zu, damit kein Rauch hineinging, bückte sich etwas und zog einen Gegenstand aus der Gesäßtasche.
Es war ein Schlüsselbund.
»Hier. Du kannst für ein paar Tage bei mir bleiben. Aber keine Kunden.«
»Aber natürlich.«
Ich drückte ihn umständlich. Er war zu groß, für meine kurzen Arme.
»Ruby, du musst echt auf dich aufpassen. Ein Kerl, der ein Mädel bucht und einen Mord dazwischenschieben muss, ist keine kleine Nummer. Entweder der ist ganz übel oder steckt in etwas ganz Üblem. Weißt du wer der Tote war?«
»Vermutlich ein Polizist.«
Marley pfiff durch die Zähne.
»Wird ja immer besser. Also geh zu mir. Nimm dir was du brauchst. Du kannst mein Bett nehmen. Ich schlafe auf dem Sofa.«
»Wie lange bist du noch hier.«
»Bis zum Morgengrauen. Aber hab keine Sorge. Bei mir geschieht dir nichts. Das würde niemand riskieren. Soll ich dir ein Taxi rufen?«
»Ja, cool.«
Er warf seine Kippe zu Boden und trat sie aus.
»Kommt gleich.«

11/21 PGF

8 Kommentare zu „Ruby (15)

  1. Die Geschichte, lieber Pi – ist nicht nur super spannend, nein. Sie zeugt einmal mehr davon, dass du ein wirklich auf jedem Gebiet , in jedem Genre – begnadeter Schreiberling bist!
    Nur BITTE!!!! ,,,.“ Nein,,,, ich, >> sags, nicht,,,! 👀<<
    Liebe Grüße Bea

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke dir sehr 🙂

      Wegen Kommentaren, wie deinem/n macht es überhaupt noch Sinn, diesen Aufwand hier, zu betreiben.

      Und keine Sorge, natürlich erfülle ich deine Bitte, meine besondere Kommasetzung beizubehalten 😉

      Schönen Abend
      Pe

      Gefällt 1 Person

  2. „Filmreif“ kann ich unterschreiben. Denn beim Lesen sehe ich den inneren Film dazu ablaufen. Wenn Geschriebenes das hervorruft, ist es immer gut.

    So ganz nebenbei kam mir in den Sinn, dass ich mal in meiner Zeit als Alleinerziehende einen Bekannten hatte, der auf eine Weise der Typ Marley war. Also einer, von dem Frau sich beschützt fühlt. Einerseits. Bis heute stecke ich im inneren Clinch zwischen genießen, dass es solche Männer gibt und dem Ablehnen von Waffengebrauch, Hantieren und manchmal Kokettieren damit. Gott sei Dank bin ich mit einem ganz anderen „Kaliber“ von Mann verheiratet, eher der sanfte, der sich im Leben zu helfen weiß. Da kann ich mich wesentlich besser entfalten.

    Wenn du mal Lust dazu hast, wäre es – zumindest für mich – von Interesse, was an der Krankenhaus-Front momentan los ist. Ich höre nur ansatzweise aus München, aber hier in der ländlichen Region ist alles immer noch sehr beschaulich, als gäbe es den Virus kaum.

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