Ruby (19)

19.

Die Infos waren hart verdientes Geld. Lothar hielt sich zurück, mit jeglicher körperlichen Gewalt, ihm genügte die mentale Erniedrigung. Aber stümperhaft dominant und zugleich unfähig, mich zu befriedigen, wie er war, fühlte ich mich ungewohnt erlöst, als es vorüber war.
Dafür erfuhr ich nicht nur etwas über Lobbyismus, sondern tatsächlich etwas über den Toten in Gesundbrunnen.
Der CDU-Mann erzählte recht freimütig davon. Vermutlich, weil er wusste, dass ich ihn ohnehin an den Eiern hatte und es auf diese drei, vier Fakten mehr nicht ankam. Im Gegenteil: Er schien sich zu freuen, mir keinen umständlichen Vortrag über Lobbyismus halten zu müssen. Denn davon hatte er keine Ahnung. Er war, wie er selbst sagte: Gut darin, zusammen getragene Fakten so zu verkaufen, damit sie wählbar wurden. Ansonsten hatte er kein Interesse, sich mit Hintergründen zu beschäftigen.
»Ich habe für die Schule schon nicht gerne gelernt.« Meinte er.
Bei dem Toten, den ich gefunden hatte – das erfuhr Lothar natürlich nicht von mir – handelte es sich, um einen verdeckten Ermittler, der einem ehemaligen Mitarbeiter des FIU auf die Schliche gekommen war. Der Tod des Ermittlers sorgte, im Finanzministerium, für erhebliche Unruhe, weil Ermittlungen gegen ehemalige Mitarbeiter, nicht für ein gutes Bild der Behörde sorgten. Dazu kam, dass der Undercover-Mann, an diesem Tag nicht davon ausgegangen war, auf einen ehemaligen Kollegen zu treffen, sondern auf den Drahtzieher der Geldwäscherei. Dass ein ehemaliger Mitarbeiter nicht nur Informationen zur Geldwäsche weitergegeben hatte, sondern eventuell der Kopf des Ganzen war und nun auch noch ein Mörder, konnte zum medialen Super-GAU werden.
»Jetzt ist erstmal der Korken auf allem, bis man den Mörder hat.« Beendete Lothar seine Zusammenfassung.
Ich musste, noch einmal für ihn schnurren, wie ein Kätzchen.
Damit endete mein Termin.
Ich ging nach Hause, um zu duschen. Das wollte ich, nach diesem Date, nicht bei Marley, als würde ich ihm damit die Duschkabine verunreinigen. Sobald ich geduscht war, hielt mich nichts länger in meiner Wohnung. Es machte mich traurig, dass ich mich, in ihr nicht mehr sicher fühlte.
Marley freute sich, als ich wieder da war.
Er nahm mich in den Arm und drückte mich fest, was mir Halt gab, da ich keinen Angriff auf meine Genitalien fürchten musste oder irgendwelche obskuren Fantasien.
Er hatte an diesem Abend, einen Job im »Sage Club«, einer coolen Disko auf drei Etagen mit Musik für jeden, einem Swimming-Pool und genug ruhigen Ecken, um zu chillen.
Das war, nach diesen Tagen, genau das Richtige. Mit Marley an der Tür war ich safe.
Er ging bereits, vor der Öffnung des Clubs los. Ich holte mir um zehn ein Taxi und betrat den Laden, als er langsam volllief.
Ich suchte mir einen Platz an der Theke, auch, wenn das mein Risiko, angelabert zu werden, erhöhte. Ich wollte etwas trinken, nachdenken und in Ruhe gelassen werden. Denn danach, einen Mann kennenzulernen, war mir nicht.
Das war der schwerste Verlust, an meinen Job: Ich verliebte mich nicht mehr, seitdem ich meine Lust verkaufte. Es war, wie bei einer Schauspielerin, die selbst nicht mehr weiß, was echt an ihr ist. Oder, wie bei einer Krankenschwester, für die, irgendwann, Genitalien nur noch mit Ausscheidung zu tun haben, die sie säubern und pflegen muss, aber nichts mehr mit Erotik.
Ich hatte so oft Lust gespielt, so oft einen Penis mit überlegten Techniken bearbeitet, dass ich nichts mehr fühlen konnte. Mein Herz schlug bei keinem Mann, plötzlich schneller und auch nicht bei Frauen. Das machte mich einsam.
Deshalb hoffte ich, mir blieb, dass lästige Angebaggert werden, mit blöden Sprüchen erspart.
Ich bestellte mir einen Cuba Libre, mit einem Blick, damit niemand auf die Idee kam, ihn mir bezahlen zu wollen.

PGF 11/21

2 Kommentare zu „Ruby (19)

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