Ruby (20)

20.

Ich trank drei, bis Mitternacht und ich merkte, dass bereits einer davon zu viel war. Ich vertrug Alkohol schlecht, weil ich wenig davon trank. Aber heute war meine Disziplin schwach und je mehr ich trank, je mehr versank ich, in dieses Trinker-Selbstmitleid, das verführt noch mehr zu trinken, um endlich mal wieder etwas fröhlicher zu werden.
Ich verlor zunehmend meine tatsächliche Gefühlslage aus dem Blick und bekam Lust auf der Tanzfläche, all das Weh in mir los zu werden.
Es lief gerade die passende Musik von »Massive Attack«, nach der ich mich gut bewegen konnte.
Ich tanzte bis mir der Schweiß lief und ich merkte, dass mir schwindlig wurde, wenn ich nicht mal eine Pause machte. Es war heiß in dem Laden und ein großes Durcheinander in meinem Kopf. Aber ich fühlte mich gut, weil ich mich fühlte: bewegt und erschöpft und lebendig.
Mittlerweile waren alle Plätze an der Theke besetzt, bis auf den, auf dem ich gesessen hatte. Der Barkeeper war so nett gewesen, ihn mir freizuhalten.
Ich schob mich auf den Barhocker und hob die Hand, als Dankeschön und für einen weiteren Drink, als der Barmixer zu mir sah.
Links von mir drängte sich eine dichte Traube von Jungs, um eine süße Blondine, die für alle drei, die sich um eine heiße Nacht bewarben, eine Nummer zu groß war. Ich kannte solche Mädels. Sie waren meist ziemlich prüde, wenn es ernst wurde. Bis dahin spielten sie mit den Fantasien der Männer. Den Zuschlag bekam der, der am meisten zu bieten hatte. Die Chance auf eine heiße Nacht, allerdings nur ein Kerl, der wusste, wie man ein solches Mädchen anpackte. Die drei Bewerber gehörten nicht dazu. Aber der Blondine gefiel es, dass ihrer Eitelkeit geschmeichelt wurde.
Rechts von mir saß ein schweigsamer Typ, den ich erst gar nicht bemerkte, weil er nichts tat, außer in sein Whiskey-Glas starren und hin und wider einen Schluck daraus trinken. Er war für den Club, wie ich fand zu alt. Sicher fünfzehn Jahre älter als ich, Ende dreißig, Anfang vierzig. Er hatte kurze, schwarze Haare, schien seit Tagen nicht rasiert und besaß dunkle, schwermütige Augen, wie sie mir früher gefallen hatten, als ich noch fähig war mich zu verlieben.
Der war mir recht: desinteressiert bis zum Abwinken. Wenn der eine finden wollte, musste er es bei Tinder probieren.
Wenn man sich, mit einer Frau nicht zu unterhalten wusste, noch besser, wenn man nicht wusste, wie sie zum Lachen zu bringen war, konnte man sich ganze Sache abschminken. Mein Sitznachbar sah nicht so aus, als wüsste er generell was Lachen ist.
Mein vierter Cuba Libre kam und ich nahm einen viel zu großen Schluck, weil ich nach dem Tanzen durstig war.
Mein Platz, an der Theke, bot eine ziemlich skurrile Kombination: links flache Sprüche, kichern und unbeschwerte Jugend, rechts Existentialismus.
Mein Glas war schneller leer, als vernünftig für mich und ich hob die Hand für einen weiteren Drink, den ich dies Mal, mit einem großen Glas Wasser abmildern wollte.
Als der Barkeeper kam, sagte der Schweiger neben mir: »Für mich noch einen Whiskey.«
»Chivas?«
»Egal.«
Jetzt konnte ich nicht anders, als ihm einen Blick zu werfen.
Ich habe dieses furchtbare Helfersyndrom. Sonst würde ich vermutlich nicht meinen Körper anbieten, um ungestillte Lust zu befriedigen. Mein Nachbar tat mir leid. Etwas in seiner Stimme, etwas in seiner Haltung: einsam und stolz, dass war mir gerade zu vertraut.
Unsere Augen trafen sich.
Er scannte mich, ob ich eine Chica oder ein Mensch war und wandte sich, scheinbar ohne Ergebnis, wieder seinem Drink zu.
»Laut hier.« Sagte ich, weil einer von beiden, irgendetwas sagen muss, um das Eis zu brechen.
Und bereute, im nächsten Moment, dass mich die Drinks redselig machten.

11/21 PGF

9 Kommentare zu „Ruby (20)

    1. Ich vermutlich auch 😉

      Chica: im Sinn von Mensch weiblichen Geschlechts mit begrenzteren intellektuellen Fähigkeiten.
      Mensch: ganz unabhängig vom Geschlecht, empathiefähiges und zu höheren geistigen Leistungen fähiges Geschöpf.
      Hätte den Satz halt sperrig gemacht 😉

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  1. Was man hier alles lernt. Diese Verwendung von Chica war mir auch nicht gebräuchlich. Bin ebenso darüber gestolpert. Hab nur gefunden, Chica stehe für Mädchen und so dachte ich, es wäre passender zu sagen „eine Chica oder eine Frau“, aber offensichtlich lag ich ganz daneben, was tatsächlich gemeint ist.

    Gefällt 2 Personen

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