Die Scheu

„Ich schreibe nur für mich selbst!“ sagt man leichthin, ein wenig stolz und ein wenig unbeholfen.

Die sind selten, die das wirklich tun.
Mit dem Bloggen und Social Media, ist die Zeit ohnehin passé, in der man heimlich sein Innerstes pflegt.
Aber für Schreibende war es lange eine Überwindung, zu zeigen, was sie (ver-)dichten.

Mancher meint, wenn er sagt, ich schreibe nur für mich:
Ich schreibe nicht für Geld oder Erfolg.
Oder man schreibt für die Psychohygiene.
Dann schreibt man wohl tatsächlich für sich, auch, wenn es andere lesen (dürfen).

Dabei ist es keine Schande, für „andere“ zu schreiben.
Oft hemmt ja nur die Angst, dass man „entdeckt“ werden könnte, dass man nackt da stehen könnte, wenn man zeigt, was man schreibt.

Sehr oft sind, die ersten Texte, stark von der eignen Persönlichkeit geprägt.
Es dauert, bis allgemeingültiger ist, was man schreibt.
Es dauert noch länger, bis man, nicht oder nur noch als Hauch, darin vorkommt.

Die Scheu verlieren, kann man eigentlich nur, wenn man weiß, weshalb man schreibt: um zu beeindrucken, um zu mahnen, um zu unterhalten, um zu erhalten, aus Sehnsucht, aus Hoffnung, aus Liebe –

letzteres ist vielleicht sogar, dass alle Schreibenden Verbindende: die Scheu, zumindest anfänglich, für andere zu schreiben, wie es die Scheu des Verliebten gibt, zu zeigen, was er oder sie wirklich fühlt …

04/11 PGF

6 Kommentare zu „Die Scheu

  1. Schön und wahr. Der Text einmal in die Welt gesandt muss losgelöst funktionieren, sonst funktioniert er nicht. Ein Eigenleben führen. Fassbar sein, auch für die die einen nicht kennen.
    Beim bloggen kommt die direkte Interaktion dazu. Das liebe ich sehr.

    Gefällt 5 Personen

  2. Marcel Reich Ranicki sprach einmal von dem Narzissmus, den Schriftsteller brauchen, um schreiben zu können. Bei vielen ist das so und wie ich finde, ist es nicht zwangsläufig ehrenrührig, ein gewisses Maß an narzisstisch geprägter Selbstdarstellung in Texten auszuleben. Wie in der Medizin ist auch im Leben allgemein alles eine Frage der Dosierung. Grundsätzlich habe ich ein wenig Schwierigkeiten damit, Menschen vorbehaltlos abzunehmen, sie würden nur „für sich selbst“ schreiben, wenn sie ihre Texte öffentlich zugänglich machen. Ich gebe offen zu, wenn ich Texte schreibe, dann um sie zu veröffentlichen und ich veröffentliche Texte, als ein Stück von mir, damit sie gelesen und meine Gedanken (und damit also ich) gesehen werden.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, da kann ich bei allem gut mitgehen. Es gibt eine Richtung in der Literaturkritik, die sich dagegen wendet, jeden Text auf autobiografische Wurzeln zu reduzieren. Das finde ich gut und wichtig, offensichtlich ist nicht jeder der Krimis schreibt Polizist oder Mörder. Aber das auch biografisches in einem Text zu finden ist, das kann, wie bei Hesse, Texten mehr Tiefe geben.

      Schönen Abend

      Peter

      Gefällt 1 Person

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