Der Krieg und die Intellektuellen

Es ist in Deutschland meist schief gegangen, wenn „die“ Intellektuellen „das“ Volk zum Nachdenken bringen wollten.
Der Deutsche mag den „Geist“ nicht, zumindest nicht zu viel davon, Nietzsche hat dazu einiges Erhellendes geschrieben.
Es ist die Schwäche der Intellektuellen zu glauben, dass doch, darüber reden und diskutieren, genügen müsste. Das ist der Elfenbeinturm, in dem sie leben.
Sie werden ihn nie verlassen, deshalb nennt man sie ja „Intellektuelle“.

Man muss die Lage und die Diskussion soziologisch sehen: als System, in dem jeder seine Rolle hat. Die Rolle der Gelehrten ist, an die Vernunft zu mahnen.
Das ist so und ist wichtig, im Kontext einer Konsensbildung.
Ich habe den Artikel nicht gelesen, den die gute Frau Zeh – sie weiß immer auf sich aufmerksam zu machen – und andere geschrieben haben. Ich denke nicht, dass ich das muss, die Position ist pauschal: Wir müssen reden, es sind doch alle ein wenig Schuld.
Das ist gut gemeint, ohne Zweifel, aber historisch widerlegt. Es war auch mit Hitler nicht, per Mediator, zu einer Lösung zu kommen. Man kann das im Harvard-Konzept der Kommunikation nachlesen. Mit einem harten Verhandler gibt es kein Win-Win.

Trotzdem bleibt mir Hesse ein Vorbild, der durch alle Kriege hindurch, gegen den Krieg war und alle möglichen Anfeindungen erlitten hat. Es war ihm egal. Er war, wie ein Licht, das nicht ausgehen darf, wenn nicht alles, im Dunkel versinken soll. Davon sind die Neuzeit-Intellektuellen weit entfernt, die sich überwiegend in Talkshows ihre Sporen verdient haben. Sie sind sozusagen, die Mini-Ausgabe, die billig LED.
Das man sie nun derart angefeindet werden, halte ich für äußerst bedenklich. Es gibt zum Thema verschiedene Stimmen und kein sollte niedergebrüllt werden oder im Shit-Storm absaufen. Eben das sollte uns, von Meinungsdiktaturen unterscheiden. Es ist legitim die Position von Russland einzunehmen. Es ist sogar noch komplexer: Man kann die Kausalität des Konflikts gar nicht bei Russland sehen und den Angriffskrieg trotzdem aufs Schärfste verurteilen. Dazu muss man denken und sich informieren.

Ich bin schon immer ein Vertreter von „Kenne die Gegenseite“. Deshalb habe ich mir das fragwürdige Vergnügen zugemutet, ein Machwerk von Alexander Dugin durchzulesen, von dem man sagt, er sei der Hofphilosoph Putins. Ich komme dabei zu dem Punkt: die gefährlichen Intellektuellen sind nicht die, die zum Dialog mahnen, sondern die, die, wie Dugin, die Konfrontation heraufbeschwören. In Dugins Welt wird der Großteil der Menschheit zurück in die Bauernkultur katapultiert, zu mehr ist die Masse nicht zu gebrauchen. Darüber sortieren sich Krieger und Helden und ganz oben, die Elite. Er nimmt sich das indische Kastensystem zum Vorbild. Leitkultur ist eine erzkonservative, orthodox geprägte patriarchalische Kultur, wie vor 100 Jahren. Wenn unsere Intellektuellen so etwas schreiben würden, sollten wir entsetzt sein. Aber nicht, wenn sie unbeholfen und naiv, Wege suchen, das Blutvergießen zu beenden.

Wenn ich die Diskussion verfolge weiß ich, weshalb ich aktuell, wenig Lust habe, meine Gedanken und Stimmungslagen dem Social-Media-Monster auszuliefern. Hysterie, Denkfaulheit, die Unfähigkeit differenziert und über lange Strecken zu betrachten, prägen den Diskurs. Um die Wahrheit geht es lange nicht mehr. Deutschland hat seine Geschichte und historische Verantwortung, wie es scheint, vergessen. Wir werden alle getrieben von den Schreihälsen und sollen Folgen von Entscheidungen mitverantworten, die wir nicht treffen und die, wie sie getroffen werden, nicht unserem Einfluss unterliegen. Europa wird, wieder einmal, zwischen russischen und amerikanischen Interessen aufgerieben. Es wäre aber falsch, den beiden Großmächten daran die Schuld zu geben. Europa hat es versäumt, eine Einheit zu bilden, die in diesem Konflikt eine eigene Position vertreten kann.

Hoffen wir, Putin ist zur Vernunft zu bringen, ehe das Leid und das Blutvergießen noch dramatischer werden. Er fällt sicher in die Kategorie von Akteuren und Verhandlern, die erst dann kompromissbereit werden, wenn der eingetretene Schaden größer ist, als der mögliche Gewinn, beim Erreichen der Maximalforderung. „Lass uns doch mal mit ihm reden“, „Ach! dann gebt ihm doch ein bisschen nach“ sind Konfliktlösungsansätze für den Spielplatz. Was aber das andere heißt, dass muss man sich bewusst machen, in aller Konsequenz, die das hat. Der Krieg ist ein Verbrechen, für den es keine intellektuelle Lösung gibt. Der Krieg ist, wie eine Naturkatastrophe, nur dass sie nicht von einem Element verursacht wird, sondern von Menschen, die ignorieren, wie viel Leid, der Krieg, in die Welt bringt und wie lange es dauern wird, diese Wunden zu heilen.

04/22 PGF

4 Kommentare zu „Der Krieg und die Intellektuellen

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