Gärung

Zur Zeit schreibe ich ja nicht.
Also hier nicht und auch nicht im Reallife, also kaum.
Im Reallife arbeite ich weiterhin im Maximalbereich und kümmere mich eher, ums Alltägliche, wie dem Einbau einer neuen Duschkabine oder einem Upgrade der Küche.
Spirituell könnte man von Wurzelarbeit sprechen.
Es schadet nicht, folgt aber auch einem zähen Enthaltungswillen, was das Schreiben angeht.
Dabei stelle ich fest, dass ganz tief innen drin, in den kortikalen Windungen, in deren wundersame Prozesse, das bewusste Denken nicht hinabzusteigen vermag, Entwicklungen im Gang sind, die sich schwer benennen lassen.
Wenn ich früher sehr stark an dem Bild der Keimung, als Analogie zur frühen Phase einer Idee/Geschichte hing, so scheint mir nun der Prozess der Gärung viel zutreffender. Jenem Prozess aus dem sich, aus verschiedenen Grundstoffen, etwas neues, ganz eigenes entwickelt.
Etwas verwandelt sich eher, als es sich entfaltet, würde ich behaupten.
Was das ist, wer will es ganz beschreiben, ohne es analytisch zu beflecken?
Man kann das Rezept beschreiben: Kohl, Salz, Wasser, Pfeffer, Wacholderbeeren und ein bisschen Gärhilfe, aber damit weiß man nicht, ob am Ende schmeckt was herauskommt und, wie diese Stoffe wechselwirkend, zu etwas Neuem führen, obwohl man denken sollte, das es verkommt statt zu werden: Ja, statt von Fäulnis befallen zu werden, erhöht es seinen Wert für die Gesundheit, während es reift.
Ein sonderbares Phänomen, welches schnell kippt, wenn es nicht die richtige Pflege erhält, denn dann wird es Fäulnis. Geduldig sein, aber nicht untätig, ist ein Teil des Geheimnisses.
Und so blubbert nur ab und zu, was im Dunkeln gärt, ist ansonsten aber still und im Dunkeln verborgen …
Für den Blog sehe ich schwarz, wenn ich ehrlich bin und auch fürs Veröffentlichen, da kommt der Gärprozess gewissermaßen zum Erliegen.
Was den Blog betrifft, für diesen. Aber beim Veröffentlichen ganz allgemein.
Der Blog findet vielleicht einen Nachfolger, diesmal vielleicht sogar mit zutreffendem Namen. Denn Nomen ist nicht immer Omen. Mit literaturfrey hatte ich nicht vor die Heimkehr-Reihe zu begleiten und mit dem Zeilenportal etwas ganz anderes im Sinn, als die Joe-Geschichten zu präsentieren. Alles hat sich eher parallel, eher ungewollt ereignet und hat sich, zu seiner Zeit gut angefühlt.
Aber das weiß ich noch nicht. Es ist auch schade, mit jedem Umzug, geschätzte Wegbegleiter/innen zu verlieren. Das ist der kritische Punkt.
Und das Veröffentlichen? Puh, ist das mühsam. Ich bin nicht laut genug und nicht manisch genug, um zu betreiben, was ich betreiben müsste, damit ich so viel Aufmerksamkeit gewinne, durch die „kaufende Leser“ entstehen könnten. Ihr habt mir ja, durch eure Rückmeldung, immer wieder das schöne Gefühl gegeben, dass lesenswert sein kann, was ich erzähle. Nur bemerkt es sonst niemand.
Ich habe, im Übermut, bei Twitter für 5 Tage eine Werbekampagne gestartet (zum niedersten Tarif) sind das schlappe 50,- € Werbekosten. Gebracht hat mir das, bis zum 3. Tag über 2200 Impressionen, 146 Interaktionen, 13 Dateierweiterungen, 4 Profilbesuche und 5 Link-Klicks. Das ist viel, aber substanzlos. Denn, wenn man prüft, wer denn da interagiert, finden sich Jenni08122004, Ahmad#Allahistgroß und Bitcoin-Univers24Check. Vermutlich die Literaturagenten von Suhrkamp, Hanser und Fischer in sehr, sehr geheimer Mission – da hilft nur Humor …
Da ist das, hier und euch, Geschichten erzählen viel schöner, viel weniger aufwändig und viel konkreter im Austausch.
Haken: Die Joe-Geschichten hätte ich gerne alle veröffentlicht und ich kann zäh sein, was Vorsätze angeht.
Mal sehen, wie mein Schwiegervater gerne zu sagen pflegte.
So, jetzt mache ich den Deckel wieder auf den Gärtopf. Manchmal muss man ja, den Deckel öffnen und prüfen, ob die Beschwerungssteine noch richtig liegen, ob sich Schimmel bildet oder ob noch alles passt.

Schönen Abend 🙂
PGF

10 Kommentare zu „Gärung

  1. Ein mich sehr ansprechender Text, lieber Peter. Zwei Inhalte sind mir aufgefallen.

    Erstens:
    „Es ist auch schade, mit jedem Umzug, geschätzte Wegbegleiter/innen zu verlieren.“

    Ich habe die Erfahrung zwar im Lauf der Jahre des Bloggens auch gemacht, aber ich war immer sicher, dass die, die mein Blog wirklich interessiert, mitkommen. Was rausfällt beim Wechsel sind die Mitläufer, die vielleicht geliked haben, das wars dann aber auch. Bei den „Anhänglichen“ waren auch Leute drunter, die mich Jahre still lesend begleitet haben. Also in der völligen Stille passiert manchmal durchaus etwas, was ja zu deinem Thema gut passt.

    Zweitens:
    „Ich bin nicht laut genug und nicht manisch genug, um zu betreiben, was ich betreiben müsste, damit ich so viel Aufmerksamkeit gewinne, durch die „kaufende Leser“ entstehen könnten. Ihr habt mir ja, durch eure Rückmeldung, immer wieder das schöne Gefühl gegeben, dass lesenswert sein kann, was ich erzähle. Nur bemerkt es sonst niemand.“

    Die Idee nicht laut genug zu sein, darfst du gerne im Gärungs- (Wandlungs-) Prozess sich verflüchtigen lassen. Was gut ist, ist selten laut.
    Was du schreibst, IST gut. Das hartnäckige Gefühl, nicht „genug“ zu sein, kann aber manches durchaus behindern/begrenzen.

    Nein, ich verfüge nicht über das Rezept für „Ruhm“, aber ich bin überzeugt, dass das, was einen im Tun glücklich macht, immer gut und richtig ist. Was jemand auf eine glückliche Art und Weise gibt, bringt immer etwas zurück.

    In diesem Sinne, lieber Peter, wünsche ich dir einen relaxten Sonntag Sommerabend.

    Marion

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dir 🙂
      Mit beiden Punkten hast du generell natürlich recht.
      Auch, wenn ich glaube, wie im „richtigen“ Leben können Veränderungen auch gute Beziehungen beeinflussen. Der Vorteil ist sicher die Bereinigung.

      Der 2. Punkt war eine Beschreibung der Kausalität, sozusagen meine Marketing-Erkenntnis 😉

      Dir auch einen schönen Abend 👋
      Peter

      Gefällt mir

Schreibe eine Antwort zu karenmparamio Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..