Am fernen Gestade (1)

1.
An manchen Tagen waren das Meer und der Himmel, bis zum Horizont, ein Grau.
An anderen ein Blau.
Sie flossen zusammen, in eine hauchdünne, helle Linie, ohne die der Eindruck entstanden wäre, dass es zwischen oben und unten, zwischen Wellenspiel und Wolkentreiben keine Grenze gab.
Doch diese Grenze gab es. Dort wo seine Hütte stand, nah dem Meer. Aber in respektvollem Abstand zur Brandung die sich, an stürmischen Tagen, mutwillig vorwärts schob, um alles, was sie am Strand fand, zu verschlingen.
Bei seiner Hütte aber, war die Trennung zwischen Himmel und Meer zwischen Erde und Meer unverkennbar.
Wie eine alte, luftige Holzkiste lag die Hütte in den Dünen, vom Riedgras umkreist und der Himmel war so unerreichbar fern, dass nur ein Gott oder ein Engel hätte herabsteigen können.
Aber das taten sie ja nicht …
Weshalb er an den allermeisten Tagen und in beinah allen Stunden des Jahres, allein war, mit den Dünen, dem Meer, den Wolken, mit dem Brausen des Windes, dem Geschrei der Möwen und dem nachdenklichen Grummeln, des Kieses, in der Brandung.
Dabei fehlte es ihm an nichts. Er hatte getrockneten Fisch, er hatte eingelegtes Robbenfleisch, er hatte Seetang, Salzgebäck, hatte Brot, Met, Tee, Honig –
mehr brauchte er nicht, kannte er nicht, wollte er nicht.
So lebte er, als wäre er nicht von einem Mann und einer Frau gezeugt, als hätte ihn keine Mutter in die Welt geboren, sondern als wäre er, von irgendwo, in die Welt gefallen, ohne eine Kindheit und ihr Glück, ohne die Wärme einer Kindheit und ihren Verlust. Als wäre er ein Teil der Welt und schon so lange hier, wie es die Steine sind, die von der Zeit und dem Leben keine Kenntnis nehmen.

12/22 PGF

5 Kommentare zu „Am fernen Gestade (1)

  1. Na da hab ich ja was verpasst bisher.
    War ganz eingenommen von Weihnachten, München, Kranksein und Arbeiten in der Wohnung nach dem Umzug.

    In München hab ich mit deinem neuen Buch angefangen und war zuallererst einmal enttäuscht von den wie auch immer da hin gekommenen Fehlern. Aber die Geschichte an sich mag ich 🙂

    Gefällt 1 Person

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